„Konfliktküche“ in Warschau: Toleranz geht durch den Magen

Jarmiła Rybicka und der Tadschike Muhamadjon in der "Konfliktküche". [Kuchnia Konfliktu]

Polen und Ungarn sind die einzigen zwei Länder, die unter den Umverteilungsprogrammen der EU keine Geflüchteten aufgenommen haben. Politikerreden vom „Selbstmord Europas“ und von angeblichen „gefährlichen Krankheiten“, die Migranten einschleppen würden, scheinen bei einem Großteil der Bevölkerung als Bestätigung angesehen zu werden, dass man vor Flüchtlingen Angst haben sollte.

Im Interview mit Karolina Zbytniewska von EURACTIV Polen spricht Jarmiła Rybicka über ihr Projekt, mit dem Ängste und Stereotypen überwunden werden sollen.

Jarmiła Rybicka ist Mitgründerin der „Konfliktküche” (Kuchnia Konfliktu) – laut Selbstbeschreibung „ein Restaurant und Treffpunkt der Kulturen“. Das Projekt hat das Ziel, „Geflüchteten und Migranten in Polen Arbeitsplätze sowie die Möglichkeit zu bieten, die exzellente Küche ihrer Heimatländer vorzustellen.“

Die Idee der „Konfliktküche“ besticht durch ihre Einfachheit. Sie soll Stereotypen aufbrechen und gleichzeitig die Einwanderer in ihre neue Lebensrealität einführen.

Ganz genau. Die Idee zu diesem sozialen Projekt entstand vor zwei Jahren mit Blick auf die Situation in Syrien. Wir wollten Ausländern hier vor Ort helfen. Unserer Meinung nach ist die Zusammenarbeit mit der lokalen Gemeinschaft oft wichtiger als die großen Expertenprogramme, die von oben und ohne Rücksprache mit diesen Menschen durchgeführt werden.

Wir wussten von der ausländischen Community in Warschau, dass die Hauptprobleme für sie darin bestehen, eine Wohnung zu mieten, und zweitens einen Job zu finden. Deshalb sind viele Menschen praktisch zwangsweise dazu verurteilt, in einem Zentrum für Ausländer zu leben – zum Beispiel in Dębak bei Warschau -, wo sie nicht arbeiten, nicht lernen und nicht reisen können. Die beiden Tschetschenen, die mit uns zusammenarbeiten, stecken seit vier Jahren in dieser Situation. Da kannst du verrückt werden!

Theoretisch ist es nach Zustimmung des Leiters des Ausländeramtes (USC) möglich, ab Einreichung des Asylantrags ein halbes Jahr lang zu arbeiten. Der Sprecher des USC teilte mir weiter mit, dass Kinder im Vorschulalter in den Lagern betreut werden, ältere Kinder genauso wie polnische Kinder unter die Schulpflicht fallen und dass es auch möglich ist, danach zu studieren.

Theoretisch ja. Allerdings ist es für diese Menschen äußerst schwierig, in einem derart diskriminierenden Markt wie dem unseren einen Arbeitsplatz zu finden. Diese Menschen sind oft traumatisiert und haben spezifische Bedürfnisse. Normalerweise sprechen sie auch kein Polnisch.

Nicht verwunderlich – es dürfte sehr schwer sein, in nur einem halben Jahr polnisch zu lernen…

Deshalb beschäftigen wir Flüchtlinge und Einwanderer: Wir wollen ihnen einen sicheren Start auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen und ihnen helfen, ihre ersten Schritte in der polnischen Lebensrealität zu unternehmen. Wir wollen sie durch praktische Arbeit integrieren und einen Raum für den Dialog schaffen. Ein Raum ,in dem neue Bekanntschaften und Freundschaften auf natürliche Weise entstehen.

Diese Menschen lernen von uns Polnisch – und wir Russisch oder andere Sprachen; wir lernen ihre Gewohnheiten und Traditionen kennen. Wir widerlegen Stereotypen wie „Flüchtlinge leben von den polnischen Sozialleistungen“, „wollen nicht arbeiten“, „wollen nicht Polnisch lernen“ oder dass „Muslime Frauen diskriminieren und in unserer Kultur nicht funktionieren können“. Tatsächlich müssen wir diese Stereotypen nicht einmal aktiv widerlegen, es reicht eigentlich schon aus, einfach einmal zu uns zu kommen.

Wir waren auf der Suche nach einem positiven Bildungsinstrument, das allen zur Verfügung steht – auch denen, die sich nicht besonders für soziale Fragen interessieren. Vielleicht möchten sie ja dennoch helfen. Wir wollen zwar eine symbolische, aber eben nicht ausschließlich symbolische Geste der Unterstützung zeigen.

Mit wie vielen Geflüchteten arbeiten Sie?

Acht. Sie kommen aus Afghanistan, Tschetschenien, Dagestan, Georgien, dem Irak und aus Tadschikistan.

Ich habe mit einem Tadschiken hier gesprochen. Er hat in mehreren Ländern studiert und sprach absolut akzentfreies Englisch. Ist es nicht so, dass nur besser ausgebildete Menschen mit internationaler Erfahrung mit Ihnen zusammenarbeiten? Also Menschen, die ohnehin weniger Schwierigkeiten haben würden, einen Job zu finden und ein neues Leben aufzubauen?

Nein. Sie haben diesen Eindruck wahrscheinlich, weil Sie mit Muhamadjon gesprochen haben. Er ist die einzige Person in unserem Ausländer-Team, der Englisch spricht und aus der Oberschicht kommt. Er ist ein reiner politischer Flüchtling und hatte zuvor eine sehr hohe Stellung in der Gesellschaft seines Landes. Er ist gut ausgebildet, er hat die Welt bereist.

Aber die Frau, beispielsweise, die vor einer Woche zu uns kam, lebte eine Woche lang mit ihrem Mann am Bahnhof und konnte keine Arbeit oder Wohnung finden. Sie war in einer wirklich hoffnungslosen Situation. Sie ist bei weitem nicht die erste Person, die wir eingestellt haben, als sie de facto obdachlos war. Diese Menschen sind in einem Teufelskreis gefangen, aus dem herauszukommen sehr schwierig ist. Das billigste Zimmer in Warschau kostet ca. 600 Złoty (150 Euro), zuzüglich einer Kaution von 1200 Złoty. Wie soll man dieses Geld aufbringen, wenn man hier keine Freunde hat, von denen man sich etwas leihen kann? Und wenn man kein Polnisch spricht und anders aussieht? Die Chancen, etwas mieten zu können, sind sehr gering.

Wie findet eine solche Person dann Ihre Organisation?

Normalerweise rufen uns Nichtregierungsorganisationen an und fragen, ob wir einer bestimmten Person helfen können. Wir bieten Auftragsarbeiten an; vorerst haben wir keine Arbeitsverträge, da wir erst seit 1,5 Monaten in den Räumlichkeiten an der Wilcza [Straße in Warschau] sind – und auch, weil diese Menschen sich in einer sehr unsicheren Situation befinden. Es ist auch für mich schwer, einen Arbeitsvertrag mit einem Mitarbeiter zu unterschreiben, den ich zum ersten Mal in meinem Leben sehe und der gerade vom Hauptbahnhof kommt. So verschwand zum Beispiel Sauda aus Tadschikistan am Tag vor Arbeitsbeginn, weil ihr der Flüchtlingsschutz verweigert wurde und sie in der Nacht nach Frankreich fliehen musste. Der Kontakt ist abgebrochen.

Aber mit Menschen, die wir bereits kennen und von denen wir wissen, dass sie länger bei uns bleiben werden, werden wir in Zukunft solche Verträge planen.

Wie werden die Menschen, mit denen Sie arbeiten, von anderen Polen behandelt? Es heißt, es gebe eine sehr anti-soziale Haltung. Aber die Geflüchteten, mit denen ich sprach – aus dem Libanon, aus Syrien und mit dem vorhin angesprochenen Muhamadjon aus Tadschikistan – sprechen ausnahmslos positiv über das Land und die Leute. Sie sind sehr dankbar, dass sie hier sein dürfen.

Die meisten Menschen, mit denen ich arbeite, wollen ihre negativen Meinungen oder Erfahrungen lieber nicht teilen. Oder sie tun es zumindest sehr selten. Auch Leute, die ich schon lange kenne, sprechen nahezu ausschließlich von vielen positiven Erfahrungen und sind vor allem dankbar. Als wir unsere Arbeit bereits aufgenommen hatten, gab es aber eine Zeit, als die Zahl der Angriffe auf Ausländer stark zunahm – im öffentlichen Verkehr, auf der Straße. Es gab sogar eine Zeit, in der einmal pro Woche ein Angriff auf Dönerläden an Orten in ganz Polen gemeldet wurde.

Die Zunahme der fremdenfeindlichen Vorurteile in den letzten zwei Jahren wird auch durch Daten des Amtes für Menschenrechte bestätigt: Von 2016 bis 2018 hat sich die Zahl der rassistischen Verbrechen verdreifacht. Einige der Leute, mit denen ich gearbeitet habe, erzählten mir, dass sie Angst bekommen und das Haus nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr verlassen wollen. Das heißt: Sie fühlen sich hier eingeschüchtert; in einem freien Land, das diesen Menschen eigentlich Schutz bieten sollte. Sie flohen vor Krieg, Diktaturen, Verfolgungen – und jetzt fühlen sie sich auch hier nicht sicher.

Deshalb haben wir auch einen Ort im Zentrum gemietet und unsere Öffnungszeiten sind nicht lang, damit diese Leute nicht nachts nach Hause gehen müssen. Die Frauen sind besonders verängstigt. Eine von ihnen erlaubt es ihrer 12-jährigen Tochter nicht, ein Kopftuch zu tragen, weil sie Angst hat, dass sie geschlagen werden könnte. Für sie ist es aber doch ein wichtiges Merkmal ihrer Kultur und Religion.

Angst gibt es auch unter Polen – nicht zuletzt aufgrund der Sprache viele Politiker, die Geflüchtete als potenzielle Terroristen darstellen.

Auch wir gehen davon aus, dass im heutigen Polen beide Seiten Angst haben. Ausländer und Menschen, die hier schon vorher lebten. Ich sage den letzten Teil bewusst so, weil es gerade in Warschau viele Menschen gibt, die von überallher hierhingekommen sind. Ich selber komme nicht aus Warschau, sondern aus Danzig.

In vielen Fällen liegt der Ursprung der Fremdenfeindlichkeit in der Angst. Polen ist eine rassisch und religiös sehr homogene Gesellschaft. Selbst in Warschau treffen wir selten Menschen, die eine andere Hautfarbe haben oder täglich ein Kopftuch tragen. Wir kennen diese Leute nicht, wir wissen nichts über sie; und deshalb ist es einfach, uns zu manipulieren.

Korrekt. Deshalb ist es wichtig, diese Menschen nicht zu belehren oder sie als Rassisten zu bezeichnen – denn das kann kontraproduktiv sein. Aus unserer Arbeit hier und in anderen Projekten zum Schutz der Menschenrechte haben wir gelernt, dass der Kontakt an sich die gesellschaftliche Distanz bereits stark verringert.

Wir wollen aber auch vermeiden, die Treffen mit „Anderen“ als exotisches Phänomen zu behandeln. Wir betreiben hier keinen Zoo. Wir schaffen einen Raum für eine gleichberechtigte Begegnung zwischen Menschen. Psychologische Untersuchungen bestätigen, dass ein solcher direkter Kontakt Stereotypen und Ängste abbaut.

Es geht nicht darum, die Menschen davon zu überzeugen, dass Flüchtlinge „cool“ sind oder dass sie keine Angst vor ihnen haben sollten. Wir zeigen lediglich, dass wir mit diesen Menschen befreundet sind; wir führen ein cooles Geschäft; wir haben Spaß zusammen und unterstützen uns gegenseitig. Es ist auch nicht so, dass wir diesen Ort für sie schaffen. Sie erschaffen ihn mit uns gemeinsam und fühlen sich dafür mitverantwortlich. Die meisten betrachten die Küche nicht nur als Arbeitsplatz. Sie fühlen sich hier als Gastgeber.

„Die realistischste und konkreteste Hilfe für Flüchtlinge kann lokal vor Ort geleistet werden,“ sagte Premierminister Mateusz Morawiecki. Infolgedessen hat das polnische Außenministerium bereits 30 Millionen Złoty für den Aufenthalt von syrischen Flüchtlingen im Libanon bereitgestellt. Weitere Mittel sollen folgen.

Natürlich ist diese Unterstützung wichtig. Aber wenn man bedenkt, wie viele Geflüchtete der Libanon aufgenommen hat, rückt das die Dinge wieder in ein anderes Licht und gibt die richtige Perspektive. Die Haltung des Libanon ist bewundernswert und erfordert die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. [Der Libanon hat bei 4 Millionen Einwohnern und einer schwierigen wirtschaftlichen und politischen Situation rund 1, 5 Millionen Geflüchtete aufgenommen.]

Aber das kann nicht alles sein. Die Tatsache, dass es in Polen kein System zur Integration von Flüchtlingen gibt, ist ein Witz, ein absoluter Skandal. Der polnische Staat erwartet von diesen Menschen, dass sie sich auf irgendeine geheimnisvolle, magische Weise integrieren und die polnische Sprache lernen.

In den Lagern werden allerdings Polnischkurse angeboten.

Nunja, in den Lagern. Wenn Sie vier Monate in einem solchen Zentrum leben und dann z.B. von Dębak nach Warschau ziehen, können Sie sicherlich noch kein Polnisch. Das Integrationsprogramm in Deutschland dauert drei Jahre und umfasst das Erlernen der Sprache, der alltäglichen Lebensweise und der Bräuche im Land, Kurse zur deutschen Bürokratie…

In Polen sind diese Menschen sich selbst überlassen: Sie wissen nicht, was PIT [das polnische Einkommenssteuersystem] ist; sie wissen nicht, wie man zum Arzt kommt; sie wissen nahezu nichts. Und ohne NGOs wüssten sie absolut nichts. Sie werden aus dem Lager entlassen, ohne zu wissen, wie man nach Warschau kommt. Sie werden im Stich gelassen.

Eine letzte Frage: Wollen die Menschen, mit denen Sie arbeiten, in Polen bleiben?

Ja, sie wollen alle bleiben. Vielleicht würde ein Teil zurückkehren wollen, wenn sich die Situation in ihrem Heimatland verändert. Aber das ist aktuell in keinem dieser Länder der Fall.

Mit besonderem Dank an die Organisation Chlebem i Solą [Salz und Brot], dank der die Interviewführerin auch Gespräche mit geflüchteten Menschen in Polen führen konnte.

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