Ingrid Brodnig: „Gut gemachte Falschmeldungen sind emotional intelligent“

Ingrid Brodnig: "Behauptungen verbreiteten sich rasant, weil es ein großes Bedürfnis nach Gewissheit gab." [Ingo Pertramer/Barandstätter Verlag]

Die Corona-Pandemie führte zu einer Flut an Fehlinformationen: Erfundene Infektionsfälle, unwirksame Therapievorschläge oder falsche Insider-Infos. Die österreichische Autorin und Digital-Expertin Ingrid Brodnig beobachtet solche Fälle, und erklärt im Interview mit EURACTIV Deutschland, wie und warum das Coronavirus einen Nährboden für Desinformation schuf.

Ingrid Brodnig ist Autorin und Journalistin. Zur Auswirkung der Digitalisierung auf die Gesellschaft veröffentlichte sie bislang drei Bücher. Die Bundesregierung ernannte sie 2017 zu Österreichs Digital Champion bei der EU-Kommission. Im Nachrichtenmagazin Profil verfasst sie die wöchentliche IT-Kolumne #brodnig.

Frau Brodnig, Sie werden oft als Faktencheckerin bezeichnet, nannten sich aber nie selbst so. Wie definieren Sie denn Ihre Rolle in der Corona-Krise?

Ich sehe mich tatsächlich nicht als Faktencheckerin, weil ich keine solche Webseite betreibe, wie etwa mimikama in Österreich oder Correctiv in Deutschland. Ich bin spezialisiert auf Diskussionskultur im Internet, inklusive Desinformation, und erforsche die Mechanismen, durch die sich Falschinformation im Netz verbreitet. Das ist auch jetzt meine Aufgabe: Ich ordne ein, wieso Falschmeldungen so erfolgreich sind, und wie man Aufklärung betreiben kann.

Und wie gehen Sie da vor?

Ich habe eine Email eingerichtet, coronavirus@brodnig.org, wo mir Leute verdächtige Meldungen schicken können. Das hilft mir zu verstehen, was derzeit kursiert – und wieso.

Der Begriff „Fake News“ wird ja seit Jahren sehr inflationär verwendet – wie definieren Sie denn „Fake News“, gibt es da Sub-Kategorien?

Ich verwende den Begriff „Fake News“ extrem selten, weil er so schwammig ist, und unterschiedliche Leute Unterschiedliches darunter verstehen – und weil er nach strenger Definition eigentlich Falschnachrichten beschreibt, die bewusst täuschen sollen. Aber bei vielen unseriösen Behauptungen im Netz ist nicht erkennbar, ob sie absichtlich in die Welt gesetzt wurde, versehentlich passiert sind oder ob dahinter einer Person steckt, die das wirklich glaubt.

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Und was davon sehen wir in Zusammenhang mit dem Coronavirus?

Einerseits sehen wir bewusste Täuschungen, zum Beispiel aus Jux und Tollerei. Etwa gab es die Meldung, Daniel Radcliffe habe COVID-19. Die Absender erklärten, sie fänden das einfach lustig. Dann gibt es Verschwörungstheorien, etwa dass die deutsche Regierung schon 2012 vom Virus gewusst hätte, oder dass durch das Coronavirus das Bargeld abgeschafft werden soll. Da bleibt oft im Dunkeln, ob es die VerfasserInnen selbst glauben. Und manche Dinge sind nicht wirkliche Desinformationen, sondern einfach nur Meinungen und wilde Spekulationen, wie beispielsweise, dass BürgerInnen jetzt enteignet werden. Manchmal gibt es auch einen wahren Kern, der aber ergänzt wird mit Desinformation. Diese Differenzierung ist wichtig.

Sind Corona-Falschmeldungen gefährlich?

Es gibt drei besondere Problemfelder. Irreführende Gesundheitstipps empfehlen, dass Vitamin C, heißes Wasser oder Ingwer das Virus abtöten könne. Oder dass man zehn Sekunden die Luft anhalten müsse, und wenn man nicht husten muss, hat man kein Coronavirus. Dadurch schätzen Menschen schlimmstenfalls ihr Gesundheitsrisiko falsch ein.

Die zweite große Gefahr ist die Verharmlosung. Das sind oft keine kompletten Erfindungen, sondern beispielsweise Videos einzelner MedizinerInnen, die demonstrativ entspannt über den Coronavirus sprechen. Sie zeichnen ein Bild von Panikmache. Das ist nicht unbedingt Desinformation, sondern es wird ausgeblendet, wieso Regierungen das Virus so Ernst nehmen: Um den Zusammenbruch des Gesundheitssystems durch zu viele gleichzeitige Erkrankungen zu verhindern. Die anderen Argumente werden einfach ausgeblendet. Das ist nicht „Fake News“, sondern eine einseitige Darstellung. Manchmal kommen dazu dann noch wirklich falsche Details, etwa, wie viel Prozent der Infizierten schwere Symptome zeigen.

Und dann gibt es auch politisch motivierte Falschmeldungen, etwa, dass ein Asylwerber auf Obst gespuckt habe. Da sehen wir, wie Trittbrettfahrer die Situation ausnutzen, um alte Sündenböcke anzuschwärzen. Ähnliches sehen wir bei Falschmeldungen rund um Bill Gates und andere Milliardäre, „die Elite“. Solche Behauptungen führen auch zur Frage, inwieweit antisemitische Narrative eine Rolle spielen.

Falschmeldungen gab es schon immer, die Debatte über „Fake News“ führen wir seit Jahren. Wieso kommt das Thema jetzt so stark auf, was hat das Coronavirus verändert?

Zunächst: Die Zugriffszahlen. Wir sehen momentan Youtube-Videos voller spektakulärer Behauptungen, die eine halbe Million Aufrufe oder mehr bekamen. Das wäre vor der Corona-Krise schwierig gewesen. In Zeiten von großer Emotionalisierung, Angst und teilweise Verzweiflung funktionieren wilde Behauptungen besser. Menschen hören dann eher zu, und teilen es öfter.

Wir sind jetzt in Zeiten der Ungewissheit. WissenschaftlerInnen, die am Coronavirus arbeiten, sagen oft: „Das wissen wir noch nicht“. Das bringt den VerschwörungstheoretikerInnen einen großen Vorteil: Die können sagen „Es ist so“. In Zeiten der Unsicherheit ist Gewissheit viel angenehmer.

Außerdem tauchen jetzt viele altbekannte Falschmeldungen verstärkt auf. Ein Beispiel ist die Behauptung radikaler ImpfgegnerInnen, es gebe überhaupt keine krankmachenden Viren. Um mit so einer Meldung in Kontakt zu kommen, müsste man normalerweise recht tief in der ImpfgegnerInnen-Szene sein. Doch jetzt bekommen das manche von ihren Verwandten und FreundInnen zugeschickt.

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Besonders viele Behauptungen kursierten am 13. März, vor der Pressekonferenz, in der die österreichische Regierung ihre Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung bekannt gab. Auf Whatsapp kursierten Kettenbriefe mit angeblichen Informationen aus dem Innenministerium, Ausgangssperren und Geschäftsschließungen wurden vorausgesagt. Was ist an diesem Tag passiert?

Ja, das war ein fruchtbarer Boden für Spekulationen. Es war anscheinend verlockend, sich auf Whatsapp als offizielle/r AkteurIn auszugeben und zu behaupten, man habe eine „Blitzinfo“ aus offiziellen Kreisen. Diese Behauptungen verbreiteten sich so rasant, weil es so ein großes Bedürfnis nach Gewissheit gab, und weil die Leute Gutes tun wollten.

Sie wollten ihre Familie und FreundInnen gut informieren, damit sie beispielsweise rechtzeitig zum Supermarkt kommen, bevor er schließt. Gut gemachte Falschmeldungen sind emotional intelligent. Auch, indem sie bestätigen, was Leute bereits erwarten.

Rückblickend ist es auch absurd, dass diese Behauptungen halb richtig waren. Es kam ja eine Art Ausgangssperre. Da fragt man sich, ob vielleicht tatsächlich eine frühe Spekulation  aus dem Krisenstab hinaus gesickert ist, oder aber Leute haben einfach richtig geraten. Wir sehen, dass gerade diese Phase, bevor die Politik Klarheit schafft, perfekt ist für solche Spekulationen und Kettenbriefe – gerade via Whatsapp, weil man die Nachrichten von Verwandten und FreundInnen weitergeleitet bekommt, denen man vertraut. Ehrlich gesagt sehe ich keine gute Variante, das zu unterbinden.

Dennoch haben diese Spekulationen über Whatsapp stark abgenommen, wohl weil die Regierung Klarheit geschaffen hat. Wie könnte die weitere Entwicklung aussehen?

Je länger die Sondersituation der sozialen Isolation anhält, desto mehr geht die erste Brisanz zurück. In der ersten Woche hatten es falsche Behauptungen viel leichter – alle, auch ich, waren viel emotionaler. Nachdem wir jetzt zwei Wochen zuhause sitzen, ist Alles nicht mehr so spektakulär wie in den ersten Tagen. Ich habe die Hoffnung, dass sich wilde Gerüchte in den nächsten Wochen schwerer verbreiten werden, wenn sich die Situation immer normaler anfühlt.

Die Frage ist aber: Wenn es im Gesundheitssystem gröbere Probleme gibt, kommt es dann zu neuer Angst, und damit erneut zu verstärkter Desinformation? Das Zusammenspiel von Angst in der Bevölkerung und Sichtbarkeit von Falschmeldungen lässt schließen: Neue Krisen wären ein frischer Nährboden. Doch wenn wir uns beruhigen, haben es Falschmeldungen schwieriger. Und im Optimalfall lernen Menschen aktuell auch dazu und werden zurückhaltender, was sie online teilen.

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Welche Rolle können traditionelle Medien in der Aufklärung spielen?

Man sieht jetzt eine Leitfunktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der für alle zugänglich ist und eine Informations-Grundversorgung der Bevölkerung leistet. Da haben wir im europäischen Raum sehr gute Karten. Zusätzlich tun Medien viel, um die Situation informativ einzuordnen: Die Austrian Press Agency hat eigene Corona-Faktenchecks eingeführt, in Deutschland klärt Dr. Drosten auf. Das kann eine Art Impfwirkung haben: Die Leute werden gewarnt, dass viele Falschmeldungen im Umlauf sind, und hinterfragen bestenfalls auch ihr Nutzungsverhalten.

Passiert auch etwas auf europäischer Ebene?

Die Seite euvsdisinfo.eu liefert einen Überblick dazu. Der EU-Kampf gegen Falschinformation begann eigentlich aus Angst vor Wahlmanipulation, doch jetzt zeigt sich der Mehrwert einer solchen gesamteuropäischen Strategie auch in anderen Krisen. Meines Wissens nach koordinieren sich die EU-Staaten miteinander, das Rapid Alert System wurde eingeführt, über dass man verdächtige Narrative und Behauptungen melden kann. Für Regierungen ist es schon wertvoll, zu wissen, welche Falschmeldungen bereits anderswo kursieren.

 

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