Britische Kulturinstitution: Der Brexit wird unsere Kooperation nicht verändern

Sir Ciarán Devine, CEO des British Council, während der Konferenz Next Generation: Navigating a World in Transition. Brüssel, 10. Januar 2018. [Lode Saidane/British Council]

Das British Council werde trotz des Brexits seine Arbeit wie bisher fortsetzen. Prioritäten seien dabei weiterhin Osteuropa, Subsahara-Afrika und der Nahe Osten, so der Vorsitzende der Organisation im ausführlichen Interview.

Sir Ciarán Devane ist seit 2015 CEO des British Council, Großbritanniens internationaler Organisation für Kulturbeziehungen und Bildungschancen. Zuvor hatte Devane der Krebshilfe-Organisation Macmillan Cancer Support vorgesessen.

Er sprach mit Sam Morgan von EURACTIV.

Inwiefern arbeitet das British Council mit den EU-Institutionen zusammen?

Da gibt es drei Dimensionen. Aus Entwicklungssicht fokussieren wir uns zumindest theoretisch mehr auf globale Ziele als auf die spezifischen Millennium Development Goals. Das Thema Impfungen ist beispielsweise nicht unser Feld, aber wenn es darum geht, die Zivilgesellschaft zu unterstützen und die Bildung zu verbessern, dann  kann das in unsere Arbeit mit hineinspielen.

Im Endeffekt geht es uns immer um Beziehungen. Wir wollen, dass Einzelpersonen, Verbände und Institutionen im Großbritannien mit Ländern vernetzt werden, die für das Vereinigte Königreich von Bedeutung sind.

Unsere Subsahara-Strategie, die sich besonders auf das Unternehmertum konzentriert, ist in ihrer Ausrichtung dem Brüsseler Ansatz ähnlich. Aus kulturpolitischer Sicht hat der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) sehr gut erkannt, dass es einer der größten Vorteile Europas ist, Gespräche zu Kultur und zivilgesellschaftlicher Förderung zu führen und dies in der Entwicklungspolitik einbringen zu können.

Der EAD ist relativ neu, während das British Council bereits 1934 gegründet wurde. Glauben Sie, dass der EAD von Organisationen wie dem Council oder dem Goethe-Institut lernen kann?

Ja. Sie sind sehr gut darin, mit den Praktikern und ihren Netzwerken zu kommunizieren, mit der UNIC und mit uns individuell zu reden. In ihren Strategien finden sich einiges an Sprache, das uns sicherlich bekannt vorkommt. Die Herausforderung, der wir uns aber alle gegenübersehen, ist es, diese Sprache auch in Praxis umzusetzen.

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Sie fordern, jeder junge britische Mensch sollte die Erfahrung eines Studiums oder sonstiger Bildung im Ausland machen können. Das ist auch das Ziel des Erasmus-Programms. Fürchten Sie, dass dieses Ziel durch den Brexit zunichte gemacht werden könnte?

Kurze Antwort: Nein. Dafür gibt es zwei Gründe. Die Welt hat sich am 23. Juni 2016 [dem Tag des Brexit-Referendums] nicht verändert; die Prioritäten, die wir bereits vorher für die kommende Generation gesetzt hatten, haben sich nach dem Referendum nicht geändert.

Beziehungen zu Ländern der Östlichen Nachbarschaft und anderen aufstrebenden Volkswirtschaften sind nach wie vor sehr wichtig. Das Ergebnis des Referendums bringt jetzt sicherlich neue Themen auf die Agenda, aber dadurch werden keine vorherigen Punkte ersetzt. Wir sind eine langfristig ausgerichtete Organisation. Unsere Projekte in Ländern wie dem Libanon oder Jordanien sind beispielsweise auf zwei Jahrzehnte angelegt.

Eine Änderung der konstitutionellen Verbindung zwischen Großbritannien und der EU reduziert die Wichtigkeit dieser Projekte nicht. Sie bedeutet aber natürlich, dass wir uns mit den übrigbleibenden 27 EU-Ländern koordinieren müssen.

Bisher haben wir uns in den anderen EU-Staaten relativ wenig eingebracht, weil es dort andere Mechanismen gibt. Erasmus +, Horizon 2020, Creative Europe waren alle sehr erfolgreich dabei, Kulturbeziehungen aufzubauen. Und wir haben uns wirklich sehr darauf verlassen. Nun müssen wir unsere Ansicht vertreten, dass Großbritannien weiterhin Teil dieser Programme bleiben sollte.

Wenn wir uns von diesen Programmen verabschieden, werden an ihrer Stelle andere multilaterale Instrumente eingesetzt werden; duale Verbindungen mit allen einzelnen EU-Staaten sind sicherlich keine effektive Lösung. Dadurch würden vor allem die großen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder Italien bevorzugt, und kleinere EU-Länder hätten einen Nachteil.

Derweil plant die EU für eine Union ohne Großbritannien. Es wurde bereits angekündigt, dass die Mittel für Programme wie Erasmus und Horizon 2020 nicht gekürzt werden, obwohl Brüssel nach dem Brexit mit einem Finanzloch von 13 Milliarden Euro zurechtkommen muss. Ist das nicht ein kleiner Lichtblick: Dass Kultur noch immer den Status einer heiligen Kuh hat, an den nicht gerührt wird?

Ich kenne niemanden, der fordert, dass es weniger oder kein Engagement und keine Zusammenarbeit in Kulturprogrammen geben sollte. In dieser Hinsicht gibt es keine Uneinigkeiten – im Gegensatz zu Zulassungsfragen für Finanzdienstleistungen oder andere schwierige Themen. Warum einigen wir uns also nicht einfach darauf, die Kulturkooperation fortzusetzen? Das könnte auch den Verlauf der weiteren Verhandlungen positiv beeinflussen.

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Sind Kulturaustauschprogramme durch den technologischen Fortschritt bedroht? Reicht es aus, wenn Leute heutzutage einfach Google fragen, wenn sie etwas über eine andere Kultur lernen wollen? Oder macht die Technologie Ihre Arbeit einfacher?

Es geht nichts darüber, etwas direkt, aus erster Hand zu erleben. Egal, ob es um Musik, Sport, Kunst oder irgendetwas anderes geht. Durch den technischen Fortschritt wird lediglich die Teilnahme daran erleichtert sowie die Organisation vereinfacht. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass junge Leute weniger Erlebnisse dieser Art haben möchten. Die Technologie wird solche Erlebnisse also interessanter machen.

Das British Council wurde in den 1930er-Jahren in Reaktion auf die Große Depression gegründet. Kann man Parallelen zu 2018 ziehen – mit Blick auf die Flüchtlingskrise, auf Kriege im Nahen Osten und auf die Globalisierung?

Wir leben nicht in den 1930ern, aber es gibt einige ähnliche Charakteristiken. Im Großen und Ganzen ist die Globalisierung eine gute Sache, aber es findet eine Verteilung statt. Man muss sehen, welche Effekte das Schließen einer Fabrik an einem bestimmten Ort hat und welche Effekte die Globalisierung auf das Gefühl der Menschen hat, die ihren Platz in dieser Welt suchen.

Die Spielregeln ändern sich aufgrund von Entwicklungen wie Social Media. Nehmen Sie den IS als Beispiel: Früher konnten sich Menschen mit verrückten Ideen nicht so einfach treffen und ihren Extremismus kultivieren. Heute können sie das – und wir wissen noch nicht, wie wir damit umgehen sollen.

Das Council arbeitet oft an Orten, die vormals britische Kolonien waren. Erfahren Sie aus diesem Grund manchmal Widerstand gegen Ihre Arbeit dort?

Ich würde „nein“ sagen, weil das British Council seine eigene Tradition und Geschichte hat. Wir werden oft von Menschen gelobt, die für uns gearbeitet haben oder die über unsere Programme Englisch gelernt haben. Wir freuen uns über dieses große Interesse, das auf jahrzehntelanger guter Arbeit unsererseits basiert. Natürlich müssen wir mit Menschen klarkommen, die zurückhaltend reagieren, wenn es darum geht, andere Kulturen kennen zu lernen. Oder wenn sie ihre eigene Kultur innbrünstig verteidigen wollen. Dieses “Problem” haben aber nicht nur wir; das hat jede ausländische Organisation.

Ist das Council in dieser Hinsicht eher selbstständig oder sind sie fest auf Linie mit Westminster?

Wir mögen diesen doppelten Status. Wir sind eine Hilfsorganisation und gleichzeitig ein Arm der Regierung. Es hat sich gezeigt, dass wir dank dieser Doppeldeutigkeit besonders effektiv sind. Wir können Dinge tun, die reine Hilfsorganisationen nicht schaffen. Und gleichzeitig können wir Dinge tun, die die Regierung nicht tun will. Das ist ein echter Vorteil.

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Ihre Aufgabe ist es, dass die außenpolitischen Ziele Großbritanniens leichte realisiert werden können oder zumindest besser laufen. Macht der aktuelle Außenminister Boris Johnson Ihre Arbeit schwieriger?

Wir haben ein wirklich gutes Verhältnis zum Außenministerium. Johnsons Besuch in Moskau hat kürzlich gezeigt, dass es schwierige Themen zwischen den beiden Ländern gibt, aber dass eine gute Zusammenarbeit trotzdem gegeben ist. Das wird vor allem durch unser gemeinsames kulturelles Erbe unterstützt. Und unsere Annäherung in diesem Feld kann es für Politiker einfacher machen, Fortschritte zu erzielen.

Inwiefern können und wollen Sie die Brexitverhandlungen beeinflussen?

Wir haben in wochenlanger Arbeit ein Dokument zusammengestellt, in dem unsere allgemeine Haltung zu einer Vielzahl von Themen, beispielsweise zu Erasmus, dargelegt wird.

Unser Ziel ist es, dass einerseits die Leute wissen, was unsere Sicht der Dinge ist und andererseits, dass dies auch von den britischen und den EU-Verhandlungsteams gesehen wird.

Es ist wichtig, dass den EU-Länder klar ist, dass es Punkte gibt, in denen wir sehr viel Übereinstimmung haben. Wir sind keine Lobbyorganisation und wir sind bei den Gesprächen auch nicht anwesend. Aber es gibt keinen Grund, warum wir unsere Ansichten nicht deutlich machen sollten.

Wir sind daran interessiert, bei wichtigen Themen weiterhin mit unseren Partnern zu kooperieren.

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