Begnadigter Politiker: Die Katalonienfrage bedarf einer „multilateralen Lösung“

Der ehemalige Vizepräsident der Region Katalonien, Oriol Junqueras, während seines Besuchs am Mittwoch in Brüssel.

Im Interview mit EURACTIV spricht der ehemalige Vizepräsident der Region Katalonien, Oriol Junqueras, über seine Inhaftierung und Begnadigung, über Carles Puigdemont und über Lösungsansätze für die festgefahrene Katalonien-Frage. 

Oriol Junqueras war Vizepräsident Kataloniens. Für seine Rolle bei der Ausrichtung des als illegal eingestuften Referendums zur Unabhängigkeit der Region verbrachte er insgesamt drei Jahre und acht Monate im Gefängnis, bevor er kürzlich von der sozialdemokratisch geführten Regierung unter Pedro Sánchez begnadigt wurde.

Bei einem Besuch in Brüssel am gestrigen Mittwoch (7. Juli) sprach Junqueras mit Jorge Valero von EURACTIV.com.

Herr Junqueras, waren Sie traurig, dass das spanische Nationalteam am Dienstag gegen Italien verloren hat?

Ich habe das Spiel nicht gesehen, weil wir auf dem Weg von Straßburg nach Brüssel waren. Wir waren in den vergangenen Tagen sehr beschäftigt.

Meine Sympathie für Italien ist aber sehr stark. Meine Ausbildung ist italienisch: Ich habe immer im italienischen Bildungssystem gelernt und später studiert. Und ich habe im Geheimarchiv des Vatikans gearbeitet. Ich habe Sympathien für alle Nationalmannschaften, in diesem Fall für die italienische.

Sie wurden erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen. Wie hat Sie diese Erfahrung der Inhaftierung verändert – persönlich und auch politisch?

Ich kann ehrlich gesagt nicht viele Veränderungen feststellen. Ich behalte meine Überzeugungen in jeder Hinsicht, auch meine politischen Prinzipien, inklusive meiner tief verwurzelten demokratischen Überzeugungen.

Eine Lektion, die ich im Gefängnis gelernt habe, ist aber, dass es eine große Menge an humanen Qualitäten gibt. Es wäre mit Sicherheit nützlicher für die Gesellschaft, wenn ein Großteil der Menschen, die aktuell inhaftiert sind, in Ausbildungszentren oder Arbeitsprogrammen wären.

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Den Katalanen droht nun die Auslieferung an …

Ihr aktueller Besuch in Straßburg und Brüssel könnte als erneuter Versuch gelesen werden, den Katalonien-Konflikt zu „internationalisieren“…

Er sollte vielmehr als ein Zeichen unseres internationalistischen und europäischen Engagements gelesen werden.

Wir sind Republikaner, eine Mitte-Links-Partei, die Teil der grünen Fraktion im Europäischen Parlament ist. Wir sprechen uns für die Unabhängigkeit in Bezug auf die Beziehung zum Königreich Spanien aus, aber gleichzeitig sind wir Föderalisten in Bezug auf Europa. All diese Positionen sind durchaus miteinander vereinbar.

Sie wollen ein Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien abhalten. Die spanische Regierung hingegen hat deutlich gemacht, dass sie einem solchen Referendum niemals zustimmen wird. Wenn es also keine gemeinsame Einigung auf eine Volksabstimmung gibt, werden Sie dann wieder den unilateralen katalanischen Weg zur Unabhängigkeit unterstützen?

Wir haben uns immer für den Weg des Dialogs und der Verhandlung eingesetzt. Dass er bisher nicht gefruchtet hat, lag nicht an unserer mangelnden Überzeugung. Ich möchte ganz klar sagen: Wir sind überzeugt, dass der beste Weg, anderen Parteien an einen Verhandlungstisch zu begegnen, gerade darin besteht, auf die Wichtigkeit von Verhandlungen zu pochen. Jeder relevante politische Konflikt wird immer eine multilaterale Lösung erfordern, weil er mehrere Ebenen betrifft. Das gilt auch für unseren Fall.

Wir wollen eine katalanische Republik mit den bestmöglichen Beziehungen zu Spanien, innerhalb der europäischen Institutionen und der internationalen Gemeinschaft.

Würden Sie also unilaterale Handlungen seitens Kataloniens ausschließen?

Wie ich sagte: Die Lösung eines relevanten politischen Konflikts ist immer multilateraler Natur.

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Heute Nachmittag (Mittwoch) treffen Sie sich zum ersten Mal seit Oktober 2017 mit dem ehemaligen katalanischen Präsidenten Carles Puigdemont. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Meins ist sehr gut. Das war schon immer so. Ich möchte ihn nach so vielen Jahren wirklich gerne wieder treffen.

Gibt es eine Rivalität zwischen Barcelona und Waterloo [wo Puigdemont aktuell lebt]?

Ich persönlich stehe mit keinem Demokraten in Konflikt. Ich würde überall hinfahren, um mit jedem Demokraten zu reden, der mit mir reden will.

Sie beide haben in letzter Zeit allerdings oftmals unterschiedliche Positionen vertreten, zum Beispiel in der Frage der Begnadigungen. Was erwarten Sie von dem Treffen heute Nachmittag?

Etwas so Einfaches wie die Möglichkeit, Hallo zu sagen, sowie Meinungen und Überlegungen auszutauschen. Wir haben reichlich Gesprächsstoff, über den wir reflektieren und reden können.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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