Europa braucht eine gemeinsame Erinnerungskultur

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Die Ausbeutung der Geschichte geschieht im Guten, wie im Schlechten, meint Petra Erler. [Bundesarchiv, Bild 116-168-618 / CC-BY-SA 3.0]

Nun kann man darüber streiten, ob ein fünfundsiebzigster Jahrestag eine große Feier wert ist oder nicht. Der Jahrestag des D-Days wird jedenfalls im Abstand von fünf Jahren gefeiert, mit  Veteranen und jeder Menge internationaler Prominenz.

2014 wurde das siebzigste Jubiläum der Landung der Alliierten in der Normandie begangen. Zu den internationalen Gästen gehörten damals neben dem französischen Präsidenten der amerikanische Präsident, der russische Präsident und die  deutsche Bundeskanzlerin. „Spiegel online“ meldete dazu „Am 6. Juni 1944 landeten die alliierten Streitkräfte in der Normandie; es war der Anfang der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus.“  Nun,  in diesem Punkt verbreitete „Spiegel online“ das, was man heute als „alternative Fakten“ bezeichnet.

Die Schlacht um Stalingrad läutete die entscheidende Wende im Kampf gegen den Hitlerfaschismus ein. Ein Zeitzeuge, der amerikanische Präsident Roosevelt, schrieb am 23.2. 1943 in seiner 24. Nachricht an Stalin: „Die Rote Armee und das russische Volk haben ganz sicher die Hitlertruppen auf den Weg der ultimativen Niederlage gebracht und sich so die dauerhafte Bewunderung des amerikanischen Volkes verdient.“

Zum 75. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad fand in Wolgograd eine Feier statt, deren Stargast der russische Präsident Putin war. Waren andere Staatsoberhäupter nicht eingeladen? Wären sie nicht gekommen?

Spiegel online“ berichtete von den Feierlichkeiten und legte das Wort vom “Wendepunkt“ des Krieges einem Russen in den Mund. Als wäre das Gedenken in Wolgograd, so die „Spiegel online“ Erzählung – mehr oder weniger nur eine monströse Inszenierung Putins, um seine innenpolitische Macht zu festigen:  Eine kolossale Statue, mit einem 29 Meter langem Schwert.  Der „Deutschlandfunk“ wiederum ließ den Historiker Hellbeck ausführlich zu Wort kommen. Für Hellbeck ist die Schlacht um Stalingrad eine Schlacht „für die Freiheit und Zukunft der Menschheit“, die eine gemeinsame Erinnerung verdient. Die „Junge Welt“ druckte die Rede des russischen Außenministers Lawrow in Wolgograd ab. Dieser betonte unter anderem,  dass wir „nicht das Recht (haben), zu vergessen, zu welchen katastrophalen Konsequenzen das Streben nach Weltherrschaft auf der Grundlage der Überzeugung von der eigenen Einzigartigkeit geführt hat.“

Norman Davies machte in seinem Buch „Europe at war“ darauf aufmerksam, dass  sich Geschichtsverständnis als Funktion der politischen Kämpfe entwickelt. In der Konsequenz wäre, so Davies, die transatlantische Erinnerungskultur über die Jahre zwischen 1939 und 1945 gefährlich fragmentiert. Weder der Europarat noch die EU hätte dem etwas entgegenzusetzen gewusst. In der Konsequenz blieben die Facetten des 2. Weltkriegs politisch ausbeutbar.

Diese Ausbeutung der Geschichte geschieht. Im Guten, wie im Schlechten.

In den USA mahnte kürzliche der ehemalige Außenminister Kissinger, ganz sicher keine Friedenstaube, im Armeeausschuss des Senats Koexistenz und Kooperation mit Russland zu suchen. Er wies auf das Paradox hin, dass Russland einerseits sehr viele Kriege geführt habe, aber andererseits in entscheidenden Phasen sehr viel getan und geopfert habe, um die europäische Stabilität zu retten: im Kampf gegen die Mongolen, die Schweden, Napoleon, im Kampf gegen Hitler.

Polen und Israel streiten derzeit über den Gesetzentwurf (es fehlt die Unterschrift des Präsidenten) zum historischen Gedenken. Israel vermutet, es gehe Polen um die Weißwaschung von polnischer Mittäterschaft bei der Ermordung von Juden. Polen wiederum weist eine Kollektivschuld an den Verbrechen des Nazi-Regimes, als Volk, als Land zurück und will anderslautende Behauptungen, die „gegen die Fakten“ erfolgen, unter Strafe stellen. Fakt ist, dass die Polen vor allem Opfer der Nazis waren. Heute wird geschätzt, dass etwa 1,8 bis 1,9 Millionen polnische Zivilisten zu Opfern des Kriegs und der Nazi-Okkupation wurden (diese Zahlen rechnen die ermordeten polnische Juden heraus).  Aber es gab auch Polen, die mit den Nazis kollaborierten, die sich schuldig machten. Antisemitische und nationalistisch gesinnte Nazi-Kollaborateure fanden sich leider überall: unter den Russen, den Weißrussen, den Ukrainern, den Litauern, Letten und Esten.

Es gab Polen, die auf Seiten der Alliierten gegen die Nazis kämpften und deren außerordentlichen Leistungen lange bewusst vergessen wurden. Bereits 1946 durften die polnischen Angehörigen der Britischen Armee (250.000) nicht mehr an der Siegesparade in London teilnehmen. Polen haben im Untergrund gekämpft und auch auf  Seiten der Roten Armee.

Wegen des Erinnerungs-Gesetzes hat Polen ebenfalls Probleme mit der Ukraine, denn es stellt nunmehr auch die Leugnung von Verbrechen ukrainischer Nationalisten und Nazikollaborateure an Polen unter Strafe.  Allein 1944 sind zwischen 50.000 und 100.000 Polen dem Wüten dieser Truppen auf dem Gebiet der heutigen westlichen Ukraine zum Opfer gefallen.  Seit Jahren bemühten sich Historiker aus Polen und der Ukraine um ein gemeinsames Verständnis, was damals geschah. Aber die 2014 in der Ukraine einsetzende offizielle Verherrlichung der ukrainischen Unabhängigkeitsarmee und von Bandera erwiesen sich als Sollbruchstelle.  Bandera, für die Ostukrainer und die Polen als Nazi-Kollaborateur und Mittäter ein rotes Tuch, stieg erneut zum ukrainischen Nationalhelden auf. Einem ersten Versuch, 2010, hatte das Europäische Parlament noch widersprochen. Der damalige Präsident der Ukraine, Janukowitsch, machte die Entscheidung seines Vorgängers rückgängig.

Eine gemeinsame europäische Erinnerung täte Not. Weil sie vielleicht eine Gewähr dafür bieten würde, dass unsere Kinder und Kindeskinder nicht erneut erfahren müssten, was Überlebende des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust als Hölle erfuhren und durchlitten.

Bis heute gehört es zu den unterbelichteten Aspekten der deutschen Erinnerung, was Nazi-Deutschland während der Aggression gegen Polen und Russland angerichtet hat. Allen voran der Russe galt den Nazis als „Untermensch“, den man ausrotten durfte, egal ob es Recht war oder nicht. Den „Persilschein“  dafür kann man in der online Präsentation der Nationalen Gedenkstätte Chatyn (Nicht zu verwechseln mit Katyn, dem Ort, wo Russen Polen ermordeten.) im heutigen Weißrussland nachlesen.

Chatyn erinnert daran, dass ein Viertel der Bevölkerung, über 2,2 Millionen Menschen,  von Deutschen und mit ihnen kollaborierenden Elementen ermordet wurde. Die Einwohner von 618 Dörfern wurden verbrannt. Männer, Frauen und Kinder. Weißrussen, die  dem Terror entfliehen konnten, lebten im Wald, in Erdlöchern. Jahrelang. Sie froren. Sie hungerten. Sie wurden wahnsinnig, sie starben an Erschöpfung.

Diejenigen, die überlebten, hassen die Deutschen nicht. Ein erneuter Krieg ist ihr schlimmster Albtraum. Überlebende Opfer eines fürchterlichen Krieges, der im Osten Europas auf Vernichtung zielte, erziehen ihre Kinder, Enkel und Großenkel nicht anders, als es die Überlebenden des Holocaust tun. Wissen wir das?

Am 23. März 1943, vor 75 Jahren, wurde das Dorf Chatyn ausgelöscht. Werden wir uns erinnern?

 

Zur Autorin

Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der „The European Experience Company GmbH“ in Potsdam und ehemalige Kabinettschefin des damaligen EU-Kommissars Günter Verheugen in Brüssel.