Fünf Industrie- und Forschungseinrichtungen aus Belgien, Rumänien, Italien und den USA wollen die Entwicklung kleiner modularer Reaktoren (SMR) beschleunigen, heißt es in einer am Mittwoch unterzeichneten Absichtserklärung – obwohl Belgien eigentlich den Ausstieg aus der Kernenergie geplant hatte.
Gemeinsam wollen die beteiligten Länder ein Konsortium zu gründen, das auf die Entwicklung von SMR mit bleigekühlten schnellen Reaktoren hinarbeiten soll, die in Europa kommerziell genutzt werden können. Die beteiligten Organisationen sind die rumänischen und belgischen Nuklearforschungszentren RATEN und SCK CEN, das italienische Nuklearunternehmen Ansaldo Nucleare, die Agentur für Forschung und Entwicklung im Energiebereich ENEA sowie die amerikanischen Westinghouse Electric Company.
Die Vereinbarung wurde im Beisein des belgischen Premierministers Alexander De Croo, des rumänischen Staatspräsidenten Klaus Iohannis und von Vertretern der italienischen und amerikanischen Botschaft in Belgien unterzeichnet.
„Belgien tut sich mit den USA, Rumänien und Italien zusammen, um SMR auf den Markt zu bringen und umweltfreundliche und billige Energie zu liefern. Es ist jetzt an der Zeit, im Kampf gegen die globale Erwärmung die Führung zu übernehmen“, schrieb De Croo auf X.
Die Zusammenarbeit „beginnt mit der Demonstration der Blei-Schnellreaktor-Technologie und zeigt deren Potenzial“, so SCK CEN in einer Pressemitteilung. Es fügte hinzu, dass das erste bleigekühlte belgische SMR-Modell um 2035-40 fertiggestellt sein wird.
Obwohl sich die belgische Regierung immer noch intern über die Kernenergie zankt, beauftragte sie den SCK mit der Untersuchung innovativer Kernreaktoren und stellte im vergangenen Jahr 100 Millionen Euro für dessen Forschung zur Verfügung.
„Diese Forschung hat auf die Entwicklungsprogramme für bleihaltige Nukleartechnologien gesetzt, die in den letzten Jahren von mehreren führenden Einrichtungen durchgeführt wurden, was sich als erfolgreich erwies. Fünf dieser Einrichtungen haben sich für dieses ehrgeizige Projekt zusammengeschlossen“, heißt es in der Pressemitteilung.
Dem SCK zufolge weisen bleigekühlte Kernreaktoren „eine sehr robuste Sicherheit auf […] und bieten den Vorteil einer effizienteren Nutzung des Kernbrennstoffs und einer Verringerung der langlebigen radioaktiven Abfälle im Rahmen eines geschlossenen Brennstoffkreislaufs.“
Neue Reaktoren trotz Atomausstieg?
Gemäß des belgischen Gesetzes zum Ausstieg aus der Kernenergie hat Belgien zwei Kernreaktoren (Doel 3 und Tihange 2) abgeschaltet, während zwei andere, die 2025 abgeschaltet werden sollten (Doel 4 und Tihange 3), verlängert wurden.
Im Oktober 2022 bestätigte eine von der Forschungsorganisation EnergyVille durchgeführte Studie, dass eine Kombination aus neuen Kernreaktoren und einem Ausbau der Offshore-Windenergie für Belgien die kostengünstigste Option ist, um bis 2050 Klimaneutralität zu den geringsten gesellschaftlichen Kosten zu erreichen. Gleichzeitig wird so die Versorgungssicherheit gewährleistet, ohne die industrielle Produktion zu verringern.
Einige Beobachter haben jedoch bereits darauf hingewiesen, dass das Gesetz zum Ausstieg aus der Kernenergie im Widerspruch zur Finanzierung der SMR-Forschung durch die Regierung steht.
„Auch wenn die belgische Regierung die Studie über kleine modulare Reaktoren für Belgien in Auftrag gegeben hat, so steht dies doch im Widerspruch zum Atomausstiegsgesetz. Um ein erfolgreiches Nachfolgeprojekt zu erreichen, sind weitere Anpassungen erforderlich“, schrieb der SCK.
Im August 2023 könnten mit der Kernenergie, die 46 Prozent des Strommixes ausmacht, und den erneuerbaren Energien (32 Prozent) 78 Prozent des belgischen Stroms dekarbonisiert werden, wobei die Windenergie 13,5 Prozent der verwendeten erneuerbaren Energie ausmacht.
Belgien möchte nicht nur neue Kernenergie entwickeln, sondern auch ein Zentrum für Offshore-Windenergie werden. Zusammen mit acht anderen Ländern hat es sich verpflichtet, bis 2050 gemeinsam mindestens 300 Gigawatt Offshore-Windenergie in der Nordsee zu erzeugen. Außerdem hat es vor kurzem das Projekt einer Energieinsel vor seiner Küste vorangetrieben.
Laut einer von RTL veröffentlichten Umfrage des Nuclear Forum glauben 69 Prozent der Befragten, dass die beste Kombination für die Stromerzeugung in Belgien eine Mischung aus Kernkraft und erneuerbaren Energien ist. Die Umfrage ergab auch, dass 85 Prozent der Meinung sind, dass die Kernenergie nach 2025 Teil des belgischen Energiemixes sein sollte, während 87 Prozent dafür sind, dass Belgien in die Entwicklung und den Bau von Kernreaktoren investiert.
Mit anderen Worten: Das unter dem Druck der Grünen verabschiedete Gesetz zum Ausstieg aus der Kernenergie scheint nicht mehr den Willen der Bevölkerung widerzuspiegeln, der sich im Zuge der jüngsten Krisen, die die Preise in die Höhe getrieben und die Versorgungssicherheit gefährdet haben, weiterentwickelt hat.
Die Kernenergie könnte somit im Vorfeld der Parlamentswahlen im Juni 2024 zu einem wichtigen Thema werden.

