Berlin „überrascht“ über neuen französischen Premierminister

Auf die Frage nach dem Alter von Attal sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Mittwoch gegenüber Reportern: "Der Bundeskanzler war, wie viele französische Beobachter, ziemlich überrascht, als die Wahl bekannt gegeben wurde." Er fügte jedoch hinzu, dass das Alter kein Indikator für die Qualifikation sei. [Shutterstock/Alexandros Michailidis]

Die Ernennung des jungen Gabriel Attal zum französischen Premierminister hat nach Regierungsangaben auch Bundeskanzler Scholz (SPD) überrascht. Die saarländische Ministerpräsidentin Rehlinger lobte Attal derweil als „Fürsprecher der deutsch-französischen Freundschaft“.

Insgesamt erwartet Berlin unter seiner Amtszeit Kontinuität in den deutsch-französischen Beziehungen im Vorfeld der Europawahlen.

Der ehemalige Bildungsminister könnte auch ein besonderes Augenmerk auf die gemeinsame Bildungspolitik legen, erklärte die saarländische Ministerpräsidentin und deutsch-französische Kulturbevollmächtigte Anke Rehlinger (SPD) gegenüber Euractiv.

Am Dienstag hatte der französische Präsident Emmanuel Macron bekanntgegeben, dass der 34-jährige Attal Nachfolger der zurückgetretenen Premierministerin Élisabeth Borne werden würde.

Dass die Wahl auf einen relativ unerfahrenen Politiker gefallen ist, hat auch in Berlin Verwunderung ausgelöst.

Auf die Frage nach Attals jungem Alter sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Mittwoch gegenüber Reportern: „Der Bundeskanzler war ziemlich überrascht – wie es vielen politischen Beobachtern in Frankreich gegangen ist – als die Personalie bekannt geworden ist.“

Er fügte jedoch hinzu, dass Alter kein Indikator für die Qualifikation Attals sei.

Die Erfahrung und das Alter von Attal haben in Frankreich Aufmerksamkeit erregt, da er der jüngste Premierminister in der Geschichte des Landes ist. Der bisherige Rekordhalter, Laurent Fabius, war 37 Jahre alt, als er 1984 sein Amt antrat.

Einige von Macrons engsten Verbündeten hatten angeblich vor Attal gewarnt, darunter die Minister Bruno Le Maire und Gérald Darmanin, welche das Wirtschaftsressort beziehungsweise das Innenressort innehaben.

Medienberichten zufolge wird Attal als zu jung angesehen, um die Autorität über Minister auszuüben, die zum Teil mehrere Jahre älter sind.

„Ich hatte zwei Bedenken. Die erste ist, dass es ein Problem ist, das Bildungsministerium [so kurz] nach seinem Amtsantritt zu verlassen. Die zweite ist, dass man Erfahrung braucht, um ein Land zu führen, das so große Schwierigkeiten hat“, sagte François Bayrou, Berater und Chef der Partei MoDem, Macrons politischem Verbündeten, gegenüber Le Parisien.

Die Erfahrung dürfte vor allem ein Faktor sein, wenn Attal und die von ihm ausgewählten Minister nur wenige Monate vor den Europawahlen die notorisch heiklen deutsch-französischen Beziehungen manövrieren müssen.

Die Minister beider Länder treffen sich zweimal im Jahr zu einer gemeinsamen Klausur. Das letzte Treffen im Oktober wurde für die Lösung eines komplizierten Streits über die Reform des europäischen Strommarktes verantwortlich gemacht.

Einigung bei EU-Strommarktreform in Sichtweite

Paris und Berlin wollen ihre Differenzen über die vorgeschlagene Reform des EU-Strommarktes bis November auszuräumen. Dies kündigten die beiden Länder am Dienstag (10. Oktober) nach einer gemeinsamen Kabinettssitzung an.

„Verfechter der deutsch-französischen Freundschaft“

Unbeeinflusst vom ungewöhnlichen Hintergrund des neuen Premierministers war der Ton aus Berlin jedoch überwiegend positiv. Die Bundesregierung erwarte Kontinuität im deutsch-französischen Verhältnis unter der neuen Führung, bestätigte der Regierungssprecher.

Die saarländische Ministerpräsidentin Rehlinger lobte Attal gegenüber Euractiv als „Fürsprecher der deutsch-französischen Freundschaft“, der „die Zusammenarbeit unserer Länder als Premier weiter vorantreiben wird“.

In ihrer Rolle als deutsch-französische Kulturbevollmächtigte hatte Rehlinger eng mit dem damaligen Bildungsminister Attal zusammengearbeitet. Unter anderem hatten beide die Umsetzung der deutsch-französischen Sprachstrategie weiter vorangetrieben.

Der Jugendaustausch zwischen beiden Ländern und deutsch-französische Bildung könnten für Attal auch in seiner neuen Rolle einen besonderen Platz einnehmen. Die Bildungspolitik liege ihm auch weiter am Herzen, sagte er nach Amtsantritt.

„Kinder und Jugendliche in unserer beider Länder für die Sprache des jeweils anderen zu begeistern war uns ein gemeinsames wichtiges Anliegen. Ich bin überzeugt, dass das auch [unter Attal] weiterhin eines unserer gemeinsamen Anliegen sein wird“, sagte Rehlinger.

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