Albanien will EU-Beitritt mit ChatGPT beschleunigen

Das Modell, das von der albanischen Regierung verwendet werden soll, wird eine Übersetzung ins Albanische vornehmen und einen detaillierten Überblick darüber geben, welche Änderungen an den lokalen Rechtsvorschriften vorgenommen werden müssen, um sie an die EU-Vorschriften anzupassen. [Shutterstock/Alexandros Michailidis]

Bei der Anpassung der nationalen Gesetzgebung an EU-Recht will Albanien auf die künstliche Intelligenz von ChatGPT zurückgreifen. Mithilfe des Chatbots sollen Tausende von Seiten an EU-Rechtsvorschriften auf Albanisch übersetzt werden, um sie dann in nationales Recht zu übertragen. 

Albanien ist das EU-freundlichste Land Europas: Mehr als 97 Prozent befürworten den Beitritt, obwohl das Land seit 14 Jahren auf die Aufnahme in die EU wartet. Die Aufnahme in die verlangt allerdings eine Anpassung an das EU-Recht. Hier will Albanien mithilfe von KI einen Großteil des Papierkrams zu beschleunigen. Auf diese Weise soll dem Land ein schnellerer Beitritt ermöglicht werden.

ChatGPT ist ein großes KI-Sprachmodell, das von der albanienstämmigen Mira Murati und ihrem Team bei OpenAI entwickelt wurde und am 30. November 2022 an den Start ging. Es produziert Textinhalte auf der Grundlage von Fragen oder Aufforderungen, die von einem Benutzer eingegeben werden. Außerdem kann es eigene Inhalte generieren, Übersetzungen erstellen, Musik komponieren, Computerprogramme schreiben, Geschäftsideen entwickeln, Texte zusammenfassen, Spiele spielen und vieles mehr.

Aber Rama hatte eine andere Idee für seine Verwendung.

Das Modell, das von der albanischen Regierung verwendet werden soll, wird eine Übersetzung ins Albanische vornehmen und einen detaillierten Überblick darüber geben, welche Änderungen an den lokalen Rechtsvorschriften vorgenommen werden müssen, um sie an die EU-Vorschriften anzupassen. Es wird auch eine Analyse der Auswirkungen aller Maßnahmen und Änderungen liefern, die normalerweise viele Experten und viel Zeit erfordern.

Rama sagte, der Schritt würde „eine Armee von Übersetzern und ein Bataillon von Anwälten, die Millionen von Euro kosten“, überflüssig machen und den Prozess beschleunigen.

Der Premierminister erklärte, er habe ein Telefongespräch mit Murati vereinbart, um ihr den Vorschlag zu unterbreiten.

„Ich hörte eine freundliche Stimme, die das Eis brach und ich wagte es, sie um Hilfe zu bitten, um Albanien schneller auf die EU-Mitgliedschaft vorzubereiten. Sie lachte und hielt es für einen Scherz“, sagte er.

Schließlich, so Rama, stimmte sie zu und es wurde ein gemeinsames Team zwischen OpenAI und der Nationalen Agentur für die Informationsgesellschaft (AKSHI) gebildet.

Er sagte, dass er am 13. Dezember auf dem EU-Gipfel in Brüssel das Projekt und einen erfolgreichen Test der albanischen künstlichen Intelligenz für die Einfügung der 280.000 Seiten umfassenden Rechtsvorschriften der EU vorstellen werde.

Albanien hat sich 2009 um die EU-Mitgliedschaft beworben und ist seit 2014 Beitrittskandidat. Die Beitrittsverhandlungen wurden nach jahrelangen Verzögerungen freigegeben, vor allem weil der Fortschritt des Landes an den von Nordmazedonien im Sommer 2022 gebunden war.

Albanien skeptisch gegenüber Deadline für EU-Erweiterung

In Albanien schwindet das Vertrauen in den EU-Beitrittsprozess. Zwar will Ratspräsidenten Charles Michel die Erweiterung bis 2030 abschließen, der albanische Premierminister Edi Rama, zeigt sich allerdings weit weniger optimistisch. 

Rama hat seine Frustration über die mangelnde Motivation oder den fehlenden Enthusiasmus der EU für die Erweiterung zum Ausdruck gebracht. Auch die Geiselnahme durch Vetos, wie das Bulgariens gegen Nordmazedonien und kürzlich das Griechenlands gegen Albanien, hat dazu beigetragen.

Was Letzteres betrifft, so erklärte Rama, dass das Projekt den EU-Staats- und Regierungschefs vorgestellt werde, „wenn ich das Treffen zusammen mit dem griechischen Dilemma beendet habe“.

Griechenland hat damit gedroht, ein Veto gegen die Fortsetzung der albanischen Beitrittsgespräche einzulegen, weil der griechischstämmige Albaner Fredi Beleri, der wegen des Verdachts auf Stimmenkauf vor den Kommunalwahlen 2023 in Himare verhaftet wurde, weiterhin inhaftiert ist.

Griechenland und Albanien wegen Bürgermeisterwahl im Konflikt

Der griechische Außenminister Nikos Dendias forderte die albanischen Behörden erneut auf, Fredi Beleri, den Gewinner der Wahlen in der Gemeinde Himara, freizulassen, und drohte, das Thema auf die Tagesordnung der EU zu setzen.

EU-Pressesprecher Peter Stano sagte am Dienstagabend, als der Europäische Rat Schlussfolgerungen zur Erweiterung annahm, dass die Kommission sich nicht in die Situation einmischen werde. „In diesem Fall gilt das Gesetz, das Gesetz muss respektiert werden und wenn es Zweifel gibt, sind sowohl die EU-Mitgliedsstaaten als auch Albanien in der Lage, Lösungen zu finden“, sagte er.

Im August kündigte die albanische Regierung an, dass sie ChatGPT zur Schaffung von Diensten nutzen werde, die die öffentliche Verwaltung im Rahmen der Regierungsplattform e-Albania ergänzen würden. Das System nutzt einen virtuellen Operator, der auf ChatGPT zurückgreift, um Antworten in Echtzeit zu geben. Es soll Anfang 2024 betriebsbereit sein.

Rama kündigte auch an, dass KI einen großen Teil der Dienstleistungen in der lokalen und nationalen Verwaltung ersetzen wird, insbesondere im öffentlichen Auftragswesen, um gegen Korruption vorzugehen.

„Unabhängig davon, wie viele korrupte Personen von der neuen Justiz bestraft werden, wird die Korruption weiterhin ein Problem bleiben, bis die Modernisierung und die Qualität der Dienstleistungen das erforderliche Ausmaß für einen Wandel erreicht haben. Aber die Zeit hat uns den Segen der digitalen Technologie und der künstlichen Intelligenz gegeben“, sagte er.

Er beschrieb die bestehenden Prozesse als „archaisch“ und geplagt von zu vielen Beschaffungsbeamten und Kommissaren. Er kündigte an, dass noch im Rahmen dieser Amtszeit das Beschaffungswesen mit künstlicher Intelligenz eingeführt werde. Da die Daten von der künstlichen Intelligenz und nicht von einer Person oder einem Unternehmen erfasst würden, werde dies für alle transparent sein.

Albanien wird das erste Land sein, das den Einsatz von KI zur Unterstützung des EU-Beitrittsprozesses einsetzt. Sollte dies erfolgreich sein, wird es erhebliche Auswirkungen auf den Prozess anderer Beitrittskandidaten haben.

Murati wurde vor kurzem nach dem Ausscheiden von Sam Altman zum Interims-CEO von OpenAI ernannt.

Geboren in Vlora, Albanien, studierte sie zunächst in Tirana, bevor sie in die USA zog, um in Dartmouth Informatik zu studieren. Sie kam 2016 als Ingenieurin zu OpenAI, bevor sie 2019 zur technischen Direktorin befördert wurde. Während ihrer vierjährigen Tätigkeit in dieser Funktion war sie für die Forschung und Entwicklung von KI-Technologie, einschließlich des ChatGPT-Modells, verantwortlich.

OpenAI und Murati, die Interviews und öffentliche Erklärungen scheut, haben sich bisher nicht zu den Neuigkeiten geäußert.

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