Zu welchen Verwirrungen eine gemeinsame ukrainisch-russische Geschichte führen kann

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Yuriy Lutsenko ist Parteivorsitzender vom Block Petro Poroschenko. [Foto: Roman Pilipey/dpa]

Die Neuformierung der ukrainischen Regierung war nicht einfach. Sie ist in den frühen Morgenstunden des 13. April gelungen. Wie sehr das lange Hin und Her den Fraktionschef des Poroschenko-Blocks, Lutsenko, frustriert haben muss, zeigte seine Facebook-Eintragung in den frühen Morgenstunden.

Sie lautete wie folgt: Am gestrigen Tag der Kosmonauten war ich schon versucht, eine Agentur für die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz zu etablieren. Weil sie hier nicht existiert. Aber um Mitternacht zeigten sich Zeichen von Intelligenz auf unseren Bergen. Ein Premierminister und die Regierungsmannschaft wurden vereinbart. Gute Nacht.

Wunderbar, dachte ich, die Ukrainer haben ihren Humor nicht verloren. Aber dann bin ich über die Bezeichnung „Tag der Kosmonauten“ im Text gestolpert. Richtig. Der 12. April, Tag der Kosmonauten. Der Jahrestag von Gagarin`s Flug ins Weltall. Er wurde erinnert, offenbar nicht nur in Russland. Der Tag, an dem die Menschheit zum ersten Mal die Erde als kleinen blauen Planeten sah. Durch einen Kosmonauten.

Außerdem stolperte ich über ein anderes Schnipsel der komplizierten russisch-ukrainischen Gemengelage, das nicht ganz unaktuell ist. Es geht um die Saporoger Kosaken, die historisch am Dnjepr siedelten. Die „Welt“ hat darauf verwiesen, dass Putin diesen unzivilisierten Haufen zum russischen Erbe erklärt.

In der Tat, viele Gelehrten meinen, sie seien in Wahrheit ein ziemlich übles Pack gewesen. Dennoch hat die Legende von ihrem unbändigen Freiheitswillen die Kunst im zaristischen Reich im 19. Jahrhundert, aber auch anderswo, nachhaltig inspiriert.

Gogol (Auch ein Zankapfel: Was ist ein in Kleinrussland, heute Ukraine, geborener, aber in russischer Sprache schreibender Schriftsteller nun: Russe oder Ukrainer?), also Gogol hat ihnen in  „Taras Bulba“ ein Denkmal gesetzt. Janacek (Tscheche) hat eine Rhapsodie geschrieben. Repin (der nächste Zankapfel, auch er wurde auf dem Boden der heutigen Ukraine geboren, ging dann aber nach Petersburg) war ebenfalls ein Bewunderer der Kosaken und malte das weltbekannte Bild „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief.“ In Petersburg ist es ausgestellt.

Image der Freiheitsliebe

Es ist dieser legendäre Brief, der das Image der Freiheitsliebe der Saporoger Kosaken begründete. Der damalige türkische Sultan forderte schriftlich von den Kosaken die freiwillige Unterwerfung unter seine Herrschaft. Diese haben das Ansinnen des Türken mit einem ehrverletzenden Schreiben nachdrücklich abgelehnt. Soweit sind sich die Historiker einig. Umstritten ist bereits das Datum dieses Schreibens (1665 oder 1668?). Außerdem ist unklar, ob der in verschiedenen Versionen existierende überlieferte Brief der Kosaken dem genauen Text des originalen Schreibens entspricht oder ob es sich um ein nachträgliches Kunstprodukt handelt. Selbst im Falle eines Kunstproduktes wird jedoch angenommen, es würde dem Original sehr nahekommen.

Auf der Website zu Informationen über die ukrainische Geschichte  finden sich Faksmile einer englischen Fassung und einer ukrainischen Fassung. Alle Berichte, wonach die so berühmt gewordenen Kosaken in Russisch geschrieben hätten, seien falsch, heißt es dort.

Eine sprachwissenschaftliche Forschungsarbeit zum Text  kam zu dem Schluss, dass die untersuchten Versionen einen Mischmasch aus russischen und ukrainischen Elementen aufweisen würden.

Tatsächlich existiert auch eine deutsche Fassung  jenes angeblichen Briefes, der Kunstgeschichte schrieb. Er strotzt vor schwersten Beleidigungen. Mit „Du türkischer Teufel“ einleitend, ist eine Vulgarität an die andere gereiht.

Ganz klar, diese Kosaken, egal in welcher Sprache sie ihre vermutliche Fäkallawine über den Sultan ausgegossen haben, waren raue Männer, mit derbsten Sitten, bar jeder Scham oder Diplomatie. Die europäische Kunst aber hat sich nicht mit der Wortwahl aufgehalten, sondern die Inspiration gewählt, die jedem Widerstand gegen Unterdrückung innewohnt.

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