Wie wird Europas Gesundheitswesen mit der Flüchtlingskrise umgehen?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

In Deutschland wurde das „LAGeSo“, das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Belrin, im Jahr 2015 zum Sinnbild für die Probleme bei der Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen. [dpa]

Während sich Politiker in Brüssel und europäischen Hauptstädten bemühen, eine gemeinsame EU-Strategie zur Bewältigung des anhaltenden Flüchtlingsstroms nach Europa zu finden, werden Bedenken geäußert, dass die Flüchtlinge Europas Gesundheitswesen überfordern werden.

Obwohl es viele Gründe zur Sorge gibt und medizinische Unterstützung in Flüchtlingslagern und an Grenzübergängen benötigt wird, ist die Angst, dass das Gesundheitswesen nicht mehr funktionieren wird, sobald die Flüchtlinge in ihren Gastländern angekommen sind, unbegründet.

Eine oft geäußerte Sorge ist, dass die große Zahl von Flüchtlingen, die nach Europa kommen, ansteckende Krankheiten mit sich bringen. Das stimmt nicht. Die Gesundheit der Bevölkerung ist durch den Zustrom von Menschen nicht in Gefahr und auch nicht unser Wohlfahrtsstaat. Ja, einige Flüchtlinge sind vielleicht unterernährt, dehydriert, traumatisiert oder leiden an häufigen chronischen Krankheiten aufgrund der Bedingungen in ihren Heimatländern, die sie vielleicht nicht behandeln lassen konnten, ABER die Mehrheit der Flüchtlinge ist vergleichsweise gesund und vorwiegend jung. Sobald sie eine Arbeit haben, können sie genau wie wir zur Gesellschaft beitragen. Hauptsächlich fliehen gesunde Menschen und daher erholen sie sich mit entsprechender Behandlung relativ schnell.

Da Flüchtlinge tendenziell jung sind, haben sie nur einen kurzzeitigen Effekt auf das europäische Gesundheitswesen – geradezu nebensächlich verglichen mit den Herausforderungen, denen sich Europa im Angesicht einer alternden Bevölkerung gegenüber sieht. Europa könnte eigentlich vom Phänomen der gesunden Migranten profitieren, allerdings wird das nur geschehen, wenn wir bei den unmittelbaren Bedürfnissen der Flüchtlinge ansetzen. Dazu gehören häufig Routinebehandlungen für übertragbare Krankheiten und Traumata, aber es besteht eine Lücke zwischen dem Bedarf und der Reaktion darauf.

Flüchtlinge, die nach Europa kommen, haben möglicherweise Verwandte verloren, gesehen, wie ihre Häuser zerstört wurden, schreckliche Ereignisse erlebt und mit angesehen, und daher kann es nicht überraschen, dass ihre mentale Verfassung in Mitleidenschaft gezogen ist. Zum Beispiel kann ein Kind, das Dinge gesehen und erlebt hat, die es nicht verarbeiten kann, vielleicht nur unter dem Küchentisch schlafen, weil die Küche in seinem alten Haus vielleicht der einzige fest gebaute Raum war. Wenn wir den Kindern bei der Bewältigung ihrer Ängste helfen, besteht eine gute Chance, dass sie mit ihren mentalen Problemen umgehen lernen und sich normal entwickeln. Wieder gilt, um langfristige seelische Krankheiten und damit Belastungen der psychiatrischen Versorgung zu vermeiden, müssen wir uns jetzt um die spezifischen Gesundheitsbedürfnisse der Migranten kümmern, die aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten und der Strukturen im europäischen Gesundheitswesens oft nicht richtig verstanden oder abgelehnt werden.

Beim European Health Forum Gastein sprach Kommissar Vytenis Andriukaitis letztes Jahr über die Flüchtlingskrise und forderte die EU zu Solidarität auf, um Bedürftigen die Gesundheitsvorsorge zu ermöglichen, und ebenso forderte er stärkere Bemühungen, um den adäquaten Zugang zum Gesundheitssystem sowohl für Migranten als auch für Flüchtlinge zu gewährleisten. Das Gesundheitswesen und die Mediziner sind gezwungen, sich der ändernden Landschaft Europas anzupassen.

Tatsächlich erhielt die Initiative “MiMi – Mit Migranten für Migranten” 2015 den Europäischen Gesundheitspreis – gewährt für Projekte mit dem Ziel, die Volksgesundheit in Europa zu verbessern. Dabei wurden im Gesundheitswesen geschulte Migranten bei der Beratung von Neuankömmlingen integriert. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Gesundheitswesen an die neuen Herausforderungen angepasst werden kann. Ebenso können wir in einigen EU-Ländern beobachten, wie Konzepte entwickelt werden, die es den zugewanderten Ärzten erlauben, im ersten Jahr unter Aufsicht in Krankenhäusern zu arbeiten. Dies ist ein erster Schritt, geregelte Integration im Gesundheitssektor zu erreichen.

Mit diesem Fortschritt können wir uns darauf konzentrieren, dass jeder einzelne Mensch – Migrant, Flüchtling oder europäischer Staatsbürger – vollen Zugang zum Gesundheitssystem erhält. Als Präsident des International Health Forum Gastein freue ich mich darauf, diese gesundheitspolitische Agenda mit dem diesjährigen Thema “Demographie und Vielfalt in Europa – Neue Lösungen für die Gesundheit” voranzutreiben. Das European Health Forum Gastein wird vom 28. bis 30. September stattfinden und sich mit den Herausforderungen und Lösungen für unser Gesundheitssystem beschäftigen, die von noch nie dagewesenen demographischen Veränderungen und großer Vielfalt herrühren.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. MSc Helmut Brand ist Präsident des European Health Forum Gastein (EHFG). Er ist Jean-Monnet-Professor für European Public Health und Leiter des Department of International Health an der Universität Maastricht in den Niederlanden, sowie Ko-Vorsitzender der European Alliance for Personalised Medicine (EAPM). Des Weiteren ist er Mitglied im European Advisory Committee on Health Research (EACHR) der WHO Europa und im Expert Panel zu “Investing in Health” (EXPH) der Europäischen Kommission.

 

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.