Gebt es richtig aus! Das 1,8-Billionen-Euro-Problem der EU

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

"Wir müssen also anfangen, unsere Welt und ihr Klima als komplexe, miteinander verbundene Systeme zu betrachten, und uns dann mit der Diversität und Unsicherheit der möglichen Aktivitäten, sowie der daraus entstehenden Resultate auseinandersetzen." [EPA-EFE/Emilio Naranjo]

Europa müsse überdenken, wie es Ressourcen zuteilt, um seine Klimaziele zu erreichen, sagt Kirsten Dunlop. Wir müssen die Art und Weise, wie wir Innovation betreiben, selbst erneuern.

Kirsten Dunlop ist CEO der EU-Innovationsagentur EIT Climate-KIC.

Während an der Westküste der Vereinigten Staaten Waldbrände wüteten und Überschwemmungen verschiedene Regionen Ostafrikas heimsuchten, forderte die Präsidentin der Europäischen Kommission am Mittwoch die Europäische Union (EU) auf, die klimaverändernden Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken, mehr als ein Drittel über dem derzeitigen Ziel von 40 Prozent. Ursula von der Leyens neuer Ehrgeiz für Europa ist von entscheidender Bedeutung – nicht zuletzt, weil er andere Regionen der Welt anspornen sollte, ihren Ehrgeiz zu vergrößern.  

Jetzt muss Europa dringend darüber reden, wie es dieses neue Ziel am besten erreichen kann. Der Corona-Rettungsplan und das Budget für 2021-2027 bedeuten EU-Ausgaben in Höhe von in den 1,8 Billionen Euro in nächsten sieben Jahren. Ein Drittel davon ist bereits für den Klimaschutz vorgesehen. Solche beispiellosen Summen erfordern auch eine beispiellose Sorgfalt und den Mut, die Dinge anders zu machen: Im Interesse unseres Planeten – und im Interesse unserer Kinder, die die Schulden, die wir derzeit machen, zurückzahlen werden. Wir müssen uns fragen, wie wir all dieses Geld effektiv ausgeben können. Dies ist unsere letzte Chance.  

Von konventionellen Ansätzen zum Systemwandel 

„Konventionelle Ansätze werden nicht ausreichen“, hat die Kommission im vergangenen Dezember bei der Veröffentlichung des „Europäischen Green Deal“ betont, der zur Klimaneutralität der EU bis 2050 verhelfen soll. Das wies nicht nur auf die Notwendigkeit eines neuen Emissionsziels für 2030 hin. Es betonte, dass nur Experimente, sowie sektor- und disziplinübergreifendes Arbeiten, der EU ermöglichen werden, ihre CO2-Emissionen in dreißig Jahren auf ein „Netto-Null“-Ziel zu reduzieren oder auszugleichen.  

Europa muss dieses Signal dafür nutzen, um die Unzulänglichkeiten „konventioneller Ansätze“ offen anzusprechen. Diese haben hauptsächlich Energiesubstitutionen und einzelne Projekte hervorvorgebracht, die sich in erster Linie mit direkten Emissionen befassen. Dies hat meistens nur graduelle Veränderungen bewirkt. Die Lösungen für zu viele Autos oder Gebäude, die zu viel Kohlendioxid produzieren, zu viele Kühe, die zu viel Methan produzieren, und die Stahlerzeugung mit zu viel Kohle, bestand darin, von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien umzusteigen, weniger blähendes Tierfutter zu erzeugen und bei der Stahlerzeugung Wiederverwendungs-Prinzipien einzuführen. Dies sind wichtige Schritte, aber individuelle Lösungen können nur begrenzt etwas bewirken. Wir haben noch nicht den Mut gehabt, die Gestaltung unseres Lebens und unsere generellen Erwartungen zu ändern. 

Die traditionelle Logik der Substitution hat uns dazu konditioniert, nach linearen – und oft technologiegetriebenen – Lösungen für die in Wirklichkeit mehrdimensionalen oder „verzwickten“ Probleme zu suchen, gerade weil sie sonst eine Änderung des menschlichen Verhaltens fordern würden. Dabei ist das Klima als ein System beschrieben worden, in dem der Flügelschlag eines Schmetterlings in den USA dazu beitragen kann, einen Taifun in China auszulösen. Es handelt sich um ein nicht-lineares oder komplexes System, in dem eine kleine Änderung der Aktivität zu einer großen Änderung des Resultats führen kann – aber meist auf eine Art und Weise, die schwer oder unmöglich vorherzusagen ist. Soziale Systeme sind ebenfalls von Natur aus komplex und unvorhersehbar. Da menschliches Verhalten im Mittelpunkt des Klimawandels steht, ist die Auseinandersetzung mit dieser Komplexität unerlässlich.  

Wir müssen also anfangen, unsere Welt und ihr Klima als komplexe, miteinander verbundene Systeme zu betrachten, und uns dann mit der Diversität und Unsicherheit der möglichen Aktivitäten, sowie der daraus entstehenden Resultate auseinandersetzen. Lösungen können nicht länger einfach, zielgerichtet und diskret sein, sie müssen multi-dimensional und miteinander verbunden sein. Wie Präsidentin von der Leyen selbst während der Rede zur Lage der Union am Mittwoch anmerkte, gehe es bei der Mission des Europäischen Green Deal um viel mehr als die Reduzierung von Emissionen. Es gehe um eine systemische Modernisierung unserer Wirtschaft, Gesellschaft und Industrie.
Um diese systemische Modernisierung oder diesen systemischen Wandel zu erreichen, wird eine neue Art von „Systeminnovation“ benötigt. Diese experimentiert mit integrierten und exponentiellen Lösungen und Effekten innerhalb ganzer Systeme und erprobt diese – ausgehend von Städten, Regionen, Industrien, sowie Wertschöpfungsketten. 

Städte, zum Beispiel, bedecken weniger als zwei Prozent der Erdoberfläche, produzieren aber mehr als 60 Prozent der Kohlenstoffemissionen. Systeminnovation berücksichtig die Komplexität einer Stadt, indem durch neue Projekte verschiedene Gruppen zusammengeführt werden, die gemeinsam mehr als nur graduelle Veränderungen bewirken können. Madrid, Wien und Krakau sowie 12 weitere europäische Großstadtregionen haben sich mit EIT Climate-KIC verbündet, um sektorübergreifend zu arbeiten, und dabei verschiedene Innovationen und Disziplinen zu integrieren. Im Fall von Madrid bedeutet dies, mit neuen Regularien, einem CO2-freien-Campus und naturbasierten Lösungen zu experimentieren. 

In den italienischen Dolomiten arbeiten wir mit lokalen Behörden und über hundert lokalen Interessenvertretern zusammen, um von einem verheerenden Sturm im Jahr 2018 zu lernen. Diese Gruppen haben drei Systeme als zentrale Elemente identifiziert, um die Region widerstandsfähiger gegen Wetterereignisse zu machen: die Wertschöpfungskette für Holz, die Forstwirtschaft und den Tourismus. Gemeinsam bilden wir ein Portfolio von Projekten, die diese Systeme optimieren werden. Werden diese Projekte multi-dimensional gestaltet und miteinander verbunden, können sie eine rasche Transformation ermöglichen. 

Während wir uns am Rande des Chaos bewegen, müssen wir so flexibel wie möglich auf neue Probleme reagieren: weniger auf Transaktionen fokussiert und mit keinem „Top-Down“-Ansatz. Madrid und die Dolomiten verkörpern Experimentierfreude und interdisziplinäre Ansätze, die das Engagement der Bürgerinnen und Bürger dafür benötigen, um die besten Lösungen zu finden und sie auf breiter Basis umzusetzen. Wir müssen den technologischen Fortschritt vorantreiben. Aber wir müssen auch einen Systemwandel durch sozialen Wandel ermöglichen. Dafür sollten wir die Interessenvertreter dazu bringen, Ideen „von Menschen, für Menschen“ zu entwickeln.  

Europa muss unkonventionelle Ansätze erforschen, um das neue Klimaziel zu erreichen. Angesichts der enormen Mittel, die zur Verfügung stehen, um den „grünen Aufschwung“ der EU nach der Pandemie und der Rezession voranzutreiben, hat Europa noch nie eine bessere Gelegenheit gehabt, ehrgeizig zu sein. Die Europäische Kommission hat das verstanden. Jetzt muss sie den EU-Mitgliedstaaten, ihren Regionen und Städten die Mittel an die Hand geben, um systemisch zu arbeiten und unser Klimaziel rechtzeitig zu erreichen.

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