Rot oder blau – Hauptsache gültig

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Die britischen Reisepässe haben sich in der ansonsten eher vagen Brexit-Abwicklung zu einer Symbolfrage entwickelt.

Ein Reisepass könnte psychedelisch grün mit rosafarbenen Punkten sein – solange er seinen Zweck erfüllt, kann das egal sein. Aber in einem ansonsten eher vagen Programm für den Brexit hat sich dieses Dokument zu einer Symbolfrage entwickelt. Brexit heißt Brexit, Reisepass heißt Reisepass und damit basta.

Er wird also Brexit-Blau sein. Allerdings nicht das viel gepriesene „ikonische“ Blau der Vergangenheit. Hier gibt es keine Nostalgie. Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei den Pässen um eine Art schlammiges Blau oder eine verwässerte Farbe handelt, die man zuvor nicht kannte (möglicherweise eher Türkis?). Die alten Pässe, das sollte man nicht vergessen, waren in stolzem, königlichem Marineblau – und nicht nur das, sie waren fest gebunden. Dann kam die EU-Taschenbuchversion, die mehr an Maos kleines rotes Buch erinnert als an die Reisefreiheit. Sie schien wie die Verkörperung einer sterilen Normung. Da kommt einem doch das von Pete Seeger gesungene Lied „Little Boxes“ aus den 1960ern in den Sinn: „Kleine Schachteln, geschmacklos gefertigt“, die alle gleich aussehen. Der Kult-Song stand damals symbolisch für die abgestumpfte Gleichförmigkeit der US-Mittelklasse, monotone Häuser ohne Charakter. Die EU-Pässe wurden zum Synonym für den gesichtslosen Mangel an Kreativität einer weit entfernten Elite.

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Die erste Reaktion der EU auf den Brexit in Blau war, die Briten zu warnen, dass sie an der Grenze viel länger warten müssten. Allerdings verlassen viele, die für den Brexit gestimmt haben, die Britischen Inseln selten und wenn, dann vielleicht für Tagesausflüge oder hinaus in die weit verstreuten Länder des Commonwealth.

Andere haben festgestellt, dass die Warteschlange der EU-Bürgerinnen und -Bürger in der Zwischenzeit durch eine ständig wachsende Zahl von Mitgliedstaaten immer länger geworden ist. Möglicherweise werden die Briten nach den Verhandlungen ähnlich wie Mitglieder des Europäischen Wirtschaftsraums behandelt und sich letztlich mit den EU-Bürgern gemeinsam durch die Grenzkontrollen drängeln.

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Die reflexartige Reaktion der EU zeigt, dass man noch immer nicht verstanden hat, worum es beim Brexit eigentlich geht und wie es dazu kam. Einfarbige Pässe tragen wenig dazu bei, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Es kann also als überflüssige Maßnahme angesehen werden, Größe und Farbe vorzuschreiben, statt echte Probleme zu lösen.

Die blauen Brexit-Pässe werden sich auch in der Größe von ihren Vorgängern unterscheiden. Sie werden kleiner sein und sind – man wagt es kaum auszusprechen – genormt. Allerdings wird es eine international festgelegte, genormte Form sein, nicht eine europäische, was zeigt, dass sich die Briten in der Tat weitaus stärker nach außen orientieren, als viele es ihnen zutrauen. Das EU-Projekt gilt als kleine Region auf dem Globus. Das einstige britische Empire und das Commonwealth sind hinsichtlich Struktur und Perspektive eindeutig international. Eine echte Lösung wäre es, das zu übernehmen, was Premierministerin Theresa May einst einen „rot-weiß-blauen“ Brexit nannte, mit einem ebensolchen Reisepass. Aber was würden da die Franzosen sagen?

Dieser Beitrag erschien in der Wiener Zeitung.