Krise in Großbritannien – helfen schwarzer Humor und cool bleiben?

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Wie die Briten so sind. Kaum hatte Außenminister Boris Johnson den Hut genommen, waberte schwarzer Humor durchs Netz. „Der will sich in Wirklichkeit ein Ticket für das WM-Spiel des England-Teams kaufen,“ twitterte @Wolfie. @ianbirrell meinte: „Boris Johnson ist zurückgetreten. Nun muss England nur noch das Halbfinale gewinnen und die Woche ist brillant gelaufen.“ Und der einstige Rekordtorschütze Gary Lineker ließ wissen: „Johnson ist der neuste Name auf der Transferliste, weil sein Team unaufhaltsam der Relegation entgegenspielt.“

Trotz des Bebens in London blieben die meisten Briten cool. Wie meistens, wenn es verzwackt wird. Auch Premierministerin Theresa May zeigte nach dem spektakulären Rücktritt von Johnsons und zuvor des Brexit-Minister Davis David die landesübliche „stiff upper lip“ (übersetzt: sie hielt die Ohren steif). Trotz Hohnlachens der Opposition dankte die 61jährige im Unterhaus tapfer den Hinweggegangenen. Alles gehe nach Plan: Austritt aus dem EU-Binnenmarkt, Kündigung der Zollunion, harte Außengrenze mitten durch die grüne Insel Irland.

Dennoch ist fraglich, wie lange das mit dieser Regierung in London noch weitergehen kann. Das uneinige Königreich steckt in einer schweren Krise. Nur noch neun Monate, dann ist Großbritannien kein EU-Mitglied mehr. Bis dahin muss ein hochkomplexes Brexit-Abkommen nicht nur ausgehandelt sein, sondern vom Unter- und Oberhaus in London sowie vom Europäischen Parlament und allen Volksvertretungen der 27 verbliebenen EU-Nationen ratifiziert sein. Mehr Druck geht nicht.

Es ist fast schon symbolisch, dass May in der Stunde ihrer bislang größten politischen Verletzung den bisherigen Gesundheitsminister Jeremy Hunt (ein ehemaliger Brexit-Gegner) als neuen Chefdiplomaten berief. Und ausgerechnet der bisherige Wohnungsbauminister Dominic Raab soll nun Brücken nach Kontinentaleuropa bauen. Beide müssen Regelungen finden, die der EU genauso schmecken, wie Forderungen aus der eigenen Partei nach möglichst klarer Kante gegen die EU27. Das Problem: jeder fünfte konservative Abgeordnete ist ein May-Gegner. Das ist viel, weil die Premierministerin nur hauchdünn mit Duldung der Democratic Unionist Party (DUP) regiert, einer nationalistischen Regionalpartei aus der Provinz Nordirland.

Alternativen zu May zeigen sich indes nicht. Die Opposition ist selbst zerstritten. So ist Labourchef Jeremy Corbey, ein in der Wolle gefärbter Ex-Gewerkschaftsfunktionär, zwar bei seiner Basis beliebt, nicht jedoch beim sozialdemokratischen Establishment. Ex-Premier Tony Blair nennt ihn einen „linken Schlafwandler“, der gestoppt gehöre.

Auch den proeuropäischen Liberaldemokraten unter dem ehemaligen Innovationsminister Vince Cable gelingt es bislang nicht, politischen Honig aus der Millionenschar derjenigen Briten zu saugen, die den Brexit ablehnen. Cable fordert eine zweite Volksabstimmung nach Vorliegen des Brexit-Vertrages. Das ist populär, genügt aber nicht, um die Hürden des Mehrheitswahlrechtes zu überwinden, die kleinere Parteien benachteiligt.

Wird Regierungschefin May überleben? Kampfeswillen wie einst Margaret „die eiserne Lady“ Thatcher hat die Hausherrin von Downing Street Nr. 10 jedenfalls. Ihr Ziel: den Brexit durchziehen, aber dennoch enge Verbindungen mit der EU erhalten. Die konservativen Hardliner stemmen sich dagegen und werden weiter die Messer wetzen.

Man wird sehen, ob es Theresa May gelingt, den Angreifern mit stiff upper lip zu begegnen und nach außen hin ein Bild von „cool Britannia“ zu pflegen. Außenminister Johnson wird seine neue freie Zeit dazu nutzen, an Mays Stuhl zu sägen. Lösungen für die Zukunft Großbritanniens bringen die Ränkespiele für das UK so wohl kaum. Wie sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk über das Tollhaus von London? „Politiker kommen und gehen, aber die Probleme, die sie geschaffen haben, bleiben für die Menschen.“

Der Autor

Wolf Achim Wiegand ist Journalist und Auftrittsberater in Hamburg. Er ist in der FDP aktiv, unter anderem im Bundesfachausschuss für Internationale Politik. Außerdem ist er Country Coordinator und Europadelegierter der paneuropäische ALDE Party. Veröffentlichte Meinungen sind seine persönlichen.

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