Es geht ans Eingemachte

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Gleiche Ziele, (bisher) unterschiedliche Mittel: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel. [epa]

Die Unterschiede in der Selbstinszenierung Angela Merkels und Emmanuel Macrons können interessant und unterhaltsam sein. Dass die sonst so nüchterne Bundeskanzlerin für heute Abend eine TV-Ansprache angekündigt hat, spricht dafür, dass etwas wirklich Großes mitgeteilt werden soll, erwartet Claire Stam.

In der deutsch-französischen Journalistenblase wird man nicht müde, die Unterschiede in der Führungsart zwischen Paris und Berlin zu thematisieren. Das Krisenmanagement angesichts der COVID-19-Krise ist eines der jüngsten – und vielleicht besten – Beispiele. In ein paar Stunden könnten sich die bisherigen Zustände und Gewissheiten aber ändern.

Der französische Autor François Rabelais schrieb einst von einem Hund, der Knochen zerbeißt, um an die wahre „Substanz“, also das Mark zu gelangen. Auch auf die jeweiligen Inszenierungen Macrons und Merkels passt dieses Bild: Unter den überaus unterschiedlich aussehenden Knochen steckt ein und dieselbe Botschaft.

Berlin, gestern: Angela Merkel wendet sich an die Journalisten, die sich noch in der deutschen Hauptstadt aufhalten, beziehungsweise sich die Mühe gemacht haben, zur Pressekonferenz zu erscheinen. Schließlich wird sie live übertragen. Die Presseteams halten sich strikt an die Hygienevorschriften, die Stühle sind mindestens einen Meter voneinander entfernt. Auf dem Podium neben der Kanzlerin stehen die deutsche und die EU-Flagge.

Merkel eröffnet ihre Erklärung mit einem kurzen Grußwort, ihre Notizen in der Hand, die blaue Wand mit dem Staatswappen der Bundesrepublik Deutschland im Hintergrund. Sie unterstützt ihre Ausführungen mit regelmäßigen Verweisen auf die Wissenschaft. Dann beantwortet sie noch einige Fragen der Journalisten. Ihre Rede dauert fünfzehn Minuten. Höchstens.

Dort scheint die ehemalige Wissenschaftlerin, die sachliche Physikerin, durch. Die New York Times hatte Merkel einst als „No-nonsense chancellor“ bezeichnet, als Kanzlerin ohne Schnickschnack.

Ihre Botschaft: Das sind die Fakten. Sie sind unangenehm, aber eben da. Deswegen müssen wir uns ihnen stellen. Und genau das machen wir jetzt. Nicht mehr, nicht weniger.

Für Merkel ist klar: Es braucht keine markigen Worte, wir sind hier nicht im Krieg.

Paris, Montag: Ganz anders bei Macron. Er adressiert die Französinnen und Franzosen, seine „chers compatriotes“, nicht per Pressekonferenz sondern direkt in einer TV-Ansprache, die selbstverständlich um 20 Uhr ausgestrahlt wird. In Frankreich sind die abendlichen Nachrichtensendungen ähnlich heilig wie die deutsche Tagesschau.

Macrons Ansprachen werden grundsätzlich mit der Marseillaise und einer Nahaufnahme des Élysée-Palastes eingeleitet. Dann schaut er per Kamera direkt in die Augen des Volkes an den Bildschirmen. Im Hintergrund der Prunk des Palastes, ebenso wie die französische und die EU-Flagge.

Da die Bürger weiterhin unbekümmert nach draußen gehen und ihre alltäglichen Aktivitäten fortsetzen, als ob bisher nichts geschehen sei, verschärfte sich der Ton des Präsidenten in der gestrigen Abendansprache gleich um mehrere Stufen. Das Ganze gipfelte in reinster Kriegsrethorik.

Macron sprach es auch wörtlich aus: „Wir befinden uns im Krieg.“ Ganze sechs Mal betonte er das.

Heute: Es sind zwei radikal unterschiedliche Inszenierungen, zwei vollkommen andere Arten, sich mitzuteilen. Und sie werden auf der jeweils anderen Seite der Grenze oftmals mit Unverständnis aufgenommen.

Doch sie haben das gleiche Ziel: Die Bevölkerung gegen das Virus zu mobilisieren.

Das war der übliche Stand der Dinge bis gestern. Die aktuelle Krise zeigt aber auf, dass sich selbst solche Gewissheiten ändern können. Und das gilt insbesondere für Deutschland: Die Kanzlerin hat für heute Abend ebenfalls eine TV-Ansprache angekündigt.

Es ist ein absolutes Novum: Abgesehen von den traditionellen Neujahrsreden hat sich Merkel in ihrer inzwischen mehr als 14-jährigen Amtszeit noch nie mit einer live im Fernsehen übertragenen Ansprache an die Bevölkerung gerichtet, um aktuelle politische Ereignisse zu thematisieren.

Deutschland, und der Rest Europas, werden mit Spannung zuhören.

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