„Ein Herz für Kinder“?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Flüchtlingslager auf Chios: Ein kurdischer Flüchtling mit einem afrikanischen Kind, das NICHT allein ist, aber mit dem keiner spielt, nach den Recherchen eines amerikanischen Journalisten. [Behzad Yaghmaian]

Er ist sechs Jahre alt. Syrer. Er befindet sich im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Chios. Er ist allein in diesem Lager. Ohne Eltern. Er ist das jüngste von 132 Kindern in diesem Lager, die allein sind.

Er ist ein sogenannter unbegleiteter Minderjähriger (bzw. von seinen Eltern separiert). Er steht auf einer Liste, die als Informationsmaterial den Teilnehmern der Konferenz über den Schutz von Kindern in der Migration  am 29.11. 2016 in Brüssel vorgelegt wurde. Es gibt kein Bild von ihm. Keinen Namen.

Insgesamt, so der UNHCR, sind im Jahr 2016 über 3000 unbegleitete Kinder in Griechenland eingetroffen. 9% waren jünger als 14. In Italien betrug die Zahl der Kinder, die entweder unbegleitet über den Seeweg kamen, oder von ihren Eltern getrennt wurden, laut UNICEF über 22.000, 10.000 mehr als im Vorjahr.

700 Kinder sind in diesem Jahr bei der Überfahrt über das Mittelmeer ertrunken.

Wie geht die EU mit diesen Kindern um, die allein als Flüchtlinge ankommen? Eine umfassende Untersuchung des britischen Oberhauses zu diesem Thema kam im Juli 2016 zu der alarmierenden Einschätzung, dass „alle, die EU und ihre Mitgliedstaaten grundlegend dabei versagen, ihren Verpflichtungen nach europäischem und internationalem Recht nachzukommen, diese Kinder aufzunehmen, zu beschützen und ihre speziellen Verletzlichkeit zu berücksichtigen“ (Paragraph 157). Zum Zeitpunkt dieser Untersuchung waren gerade einmal 23 unbegleitete Kinder von den italienischen und griechischen Hotspots in andere Mitgliedstaaten umgesiedelt worden. Aber nicht alle unbegleiteten Kinder fallen – aufgrund ihrer Herkunft – unter das EU-Umsiedlungsregime, dessen gesamte Verwirklichung geradezu erbärmlich langsam vorangeht, wie der Bericht der Europäischen Kommission vom 9.11. belegt. Was nun die unbegleiteten Flüchtlingskinder angeht, so meinte die Kommission, dass die 160 Plätze, die EU-Mitgliedstaaten für die kommenden Monate in Aussicht gestellt haben, um Griechenland zu entlasten, reichen würden. Sie hat im Oktober mit den Mitgliedstaaten die Situation unbegleiteter Flüchtlingskinder thematisiert. Finnland wird als Aufnahmeland lobend erwähnt.

Regelmäßig zur Weihnachtszeit darf der deutsche Fernsehzuschauer „Ein Herz für Kinder“ verfolgen (diesmal am 7.12. im ZDF). Dann vergewissern wir uns unserer Kinderfreundlichkeit. Was aber ist mit den Kindern in den EU-Flüchtlingslagern, die ganz allein sind? Die vielleicht den Tod ihrer Eltern miterleben mussten? Die sich auf ihrer Flucht durch Afrika möglicherweise weniger vor Löwen als vor marodierenden Banden fürchteten (wie die lost boys aus dem Südsudan, siehe „Weit gegangen“), weil sie Zeugen der blinden Bestialität menschlichen Handelns geworden waren. Oder jenen, die von ihren verzweifelten Eltern weggeschickt wurden, damit wenigstens einer überlebt und eine Chance auf ein besseres Leben hat. Kinder, die jedes für sich und alle gemeinsam ganz gewiss schon viel zu viel gesehen und erlebt haben in ihrem kurzen Leben, sind nun auf EU-Territorium in Flüchtlingshotspots eingepfercht, ganz auf sich allein gestellt. Gewiss, Griechenland hatte per 17.11. für 1191 unbegleitete Kindern eine Unterkunft geschaffen. Dass auch die im Guardian erwähnte Aufbewahrungsanstalt dazu gehört, ist zu fürchten.

Auf der griechischen Warteliste standen weitere 1199 Kinder (EKKA dashboard).

Wie lange wollen wir dieses ganz spezielle Elend weiter ignorieren, die Hände in den Schoss legen, den Amtsschimmel wiehern lassen? Um es zu wiederholen: es geht um Kinder, die völlig allein sind. Die keine Schuld daran tragen. Die unseres Schutzes bedürfen. Nun ergibt sich aus der UN-Konvention zum Schutz des Kindes nicht zwangsläufig, dass Flüchtlingskindern bevorzugt Einreise gewährt werden muss. Moralisch betrachtet aber lautet die Frage so: Wie kann man eine griechische Warteliste für Plätze für unbegleitete Kinder nicht als europäischen Skandal ansehen? Wie viel ist die vielbeschworene europäische Solidarität, die berühmte Wertegemeinschaft wert? Wie kann man ein Kind, das völlig allein ist, ob nun 6-jährig oder schon älter, gleichgültig welcher Nationalität, auch nur einen Tag lang in einem völlig überfüllten EU-Flüchtlingslager lassen? Wie kann man zulassen, dass Kinder, die als Flüchtlinge unbegleitet zu uns kamen, auf EU-Territorium Weihnachten oder das neue Jahr in Unterkünften verbringen müssen, die nicht sicher sind?

Auf der Insel Chios haben Neofaschisten das Camp mit Brandsätzen attackiert. Die Flüchtlinge schlafen aus Angst, zu verbrennen, im Freien. Ebenfalls kürzlich hat es auf der griechischen Insel Lesbos im Camp Moria gebrannt, wegen eines Gaskochers. Eine über Sechzigjährige und ihr sechsjähriger Enkel starben. Die Mutter und ein anderes Kind wurden schwer verletzt. NGOs hatten seit langem gewarnt, dass das Lager weder sicher noch auf den Winter vorbereitet ist

Aber was passierte mit den Kindern, die ganz allein in dem griechischen Camp Moria sind? Wie viele dieser armen Teufel gibt es dort überhaupt? Hat ihnen jemand geholfen, das Geschehen zu verarbeiten, hat jemand sie getröstet. Spielt jemand mit diesen Kindern? Das alles wissen wir nicht, denn diese Kinder sind vergessen, ohne politische und mediale Lobby. Und sie haben noch nicht mal Eltern oder Anverwandte, an deren Schultern sie sich ausweinen könnten, über unsere Unmoral.

Wenn diese einsamen Kinder nicht unser Herz und unseren Verstand erreichen, uns nicht zum sofortigen Handeln zwingen, wer dann?

Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der „The European Experience Company GmbH“ in Potsdam und ehemalige Kabinettschefin des damaligen EU-Kommissars Günter Verheugen in Brüssel.

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