Ein Appell aus Mitteleuropa zur Flüchtlingskrise

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Flüchtlinge in Budapest, 17. September. [Guillaume Roth]

Im Gegensatz zu den ehemaligen Kolonialmächten haben mitteleuropäische Staaten wenig Erfahrung in der Koexistenz mit Menschen verschiedener Kulturen. Aber indem sie es ablehnen zu helfen, untergraben sie die Solidarität, die andere Nationen ihnen gegenüber gezeigt haben, schreiben Politiker, Künstler und Intellektuelle aus Mitteleuropa.

Dieser offene Brief wurde EURACTIV von der Stefan-Batory-Stiftung geschickt, einer im Jahr 1988 von George Soros und einer Gruppe von polnischen demokratischen Oppositionsführern gegründeten unabhängigen, privaten, polnischen Stiftung.

Wir stehen vor einer humanitären Katastrophe von außergewöhnlich großem Ausmaß. Hunderttausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika hoffen darauf, in unserem gemeinsamen Europa Zuflucht, Sicherheit und normale Lebensbedingungen finden zu können. Vor nicht langer Zeit sind wir es gewesen, die an die Tore Europas klopften.

Unsere Antwort darauf darf nicht „Nein“ sein. Leider hören wir dieses Wort in unserer Region viel zu häufig. Nach 1989 begegnete das vereinte Europa der Integrationsfähigkeit des neuen Mitteleuropas – von den baltischen Staaten bis hin zu Rumänien und Bulgarien – mit Misstrauen: Grund dafür waren unsere Geschichte, politischen Traditionen und unsere wirtschaftliche Lage. Dennoch war es nicht unser Teil Europas, von dem in den vergangenen schwierigen zehn Jahren für die Europäische Union eine Gefahr ausging.

Heute kehrt jedoch die Spaltung innerhalb des vereinten Europas zurück. Und diesmal hat sie eine moralische Dimension. Sie betrifft unsere Fähigkeit, verzweifelten Flüchtlingen Mitgefühl und praktische Unterstützung entgegenzubringen. Zwar sind wir für die Destabilisierung und den Zusammenbruch der Herkunftsländer der heutigen Flüchtlinge nicht verantwortlich. Wir sind es nicht gewesen, die sie in Länder verwandelten, in denen permanente Angst und Gefahr eines gewaltsamen Todes herrschen und das menschliche Leben „einsam, armselig, tierisch und kurz“ ist. Unsere Länder – im Gegensatz zu jenen, die eine koloniale und imperiale Vergangenheit haben und die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Grenzen für Migranten weit geöffnet haben – verfügen nicht über die Erfahrung eines alltäglichen Umgangs mit Menschen aus weit entfernten Ländern und Kulturen.

Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu zeigen, gehört jedoch zu unseren Pflichten als Menschen. Ebenso ist es unsere Pflicht als Europäer. Das Fundament unseres gemeinsamen Europas heißt Solidarität. Wir dürfen heute die Mitverantwortung für die Europäische Union nicht zurückweisen, indem wir die Augen für das menschliche Unglück und die Lage in jenen Ländern verschließen, die von der wachsenden Migrationswelle am stärksten betroffen sind.

Indem wir Hilfe verweigern, verleugnen wir die Idee der europäischen Solidarität. Gleichzeitig untergraben wir die Solidarität anderer Nationen uns gegenüber. Dies bedeutet, jene Grundlagen infrage zu stellen, auf denen wir seit einem Vierteljahrhundert unsere Sicherheit und Entwicklungschancen aufbauen sowie die Hoffnung, den historischen Teufelskreis von Kriegen, fremder Herrschaft und Armut zu durchbrechen.

Im Namen unserer Menschlichkeit, im Namen unserer Prinzipien und Werte, fordern wir die Regierungen und Bürger unserer Länder dazu auf, praktische Solidarität gegenüber den Flüchtlingen zu zeigen. Auch unter uns sollen sie einen ruhigen Hafen finden, um als vollkommen freie Menschen über ihre Zukunft entscheiden zu können.

1.   Bronis?aw Komorowski, Präsident der Republik Polen von 2010 bis 2015
2.   Aleksander Kwa?niewski, Präsident der Republik Polen von 1995 bis 2005
3.   Jerzy Baczy?ski, Chefredakteur der Wochenzeitung „Polityka”, Polen
4.   Gordon Bajnai, ehem. Ministerpräsident, Ungarn
5.   Miros?aw Ba?ka, Bildhauer, Polen
6.   Zuzana Bargerova, Liga za ?udské práva, Tschechien
7.   Zygmunt Bauman, Professor für Soziologie, University of Leeds, Polen/Großbritannien
8.   Uldis B?rzi?š, Dichter und Übersetzer, Lettland
9.   Igor Blaževi?, Leiter des One World Filmfestivals, Tschechien
10.   Henryka Bochniarz, Präsidentin der Konföderation Lewiatan, Polen
11.   Micha? Boni, EU-Parlamentarier, ehem. Minister für Öffentliche Verwaltung und Digitalisierung, Polen
12.   Marek Borowski, Senator, ehem. Finanzminister, stellv. Ministerpräsident und Sejmmarschall, Polen
13.   Martin Bútora, Soziologe, Berater des Staatspräsidenten, Slowakei
14.   W?odzimierz Cimoszewicz, ehem. Ministerpräsident, Polen
15.   Tibor Dessewffy, Vorsitzender DEMOS Hungary, Ungarn
16.   Liudas Dapkus, Journalist, stellv. Chefredakteur der Tageszeitung „Lietuvos rytas”, Litauen
17.   Aleš Debeljak, Dichter, Essayistin, Slowenien
18.   Pavol Demeš, ehem. Außenminister, Slowakei
19.   Ivaylo Ditchev, Soziologe, Schriftsteller, Bulgarien
20.   Magda Faltová, director,  Regie, Verein für Integration und Migration, Tschechien
21.   Zsuzsa Ferge, Soziologe, Ungarische Akademie der Wissenschaften, Polen
22.   W?adys?aw Frasyniuk, Oppositioneller in der Volksrepublik Polen, ehem. Abgeordneter, Polen
23.   István Gyarmati, Diplomat, Ungarn
24.   Rajko Grli?, Regisseur, Kroatien
25.   Magda Faltová, Vorsitzende des Vereins für Integration und Migration, Tschechien
26.   Tomáš Halík, Theologe und Schriftsteller, Tschechien
27.   Agnes Heller, Philosophin, Ungarn
28.   Agnieszka Holland, Regiesseurin, Polen
29.   Štefan Hríb, Chefredakteur der Wochenzeitung „týžde?”, Slowakei
30.   Michal Hvorecký, Schriftsteller, Slowakei
31.   Ivars ?jabs, Politologe, Lettland
32.   Josef Ja?ab, ehem. Senator und Rektor der Palacký-Universität Olmütz, Tschechien
33.   Leszek Ja?d?ewski, Chefredakteur der Quartalszeitschrift „Liberté!”, Polen
34.   Jerzy Jedlicki, Ideenhistoriker, Oppositioneller in der Volksrepublik Polen, Polen
35.   Jana Jurá?ová, Schriftstellerin, Slowakei
36.   Aleksander Kaczorowski, Journalist und Essayist, Polen
37.   Éva Karádi, Chefredakteurin der Vierteljahreszeitschrift „Magyar Lettre Internationale“, Ungarn
38.   János Kornai, Prof. Em., Harvard University und Corvinus-Universität Budapest, Ungarn
39.   Dávid Korányi, ehem. stellv. Staatssekretär, stellv. Direktor des Dinu Patriciu Eurasia Center, Ungarn/USA
40.   András Kováts, Vorsitzender des Ungarischen Migrantenvereins, Ungarn
41.   Dominika Koz?owska, Chefredakteurin der Monatszeitschrift „Znak“, Polen
42.   Ivan Krastev, Leiter des Centre for Liberal Strategies, Bulgarien
43.   Marcin Król, Professor für Ideengeschichte, Universität Warschau, Polen
44.   Andrius Kubilius, ehem. Ministerpräsident, Litauen
45.   Jaros?aw Kuisz, Chefredakteur der Online-Wochenzeitung „Kultura Liberalna”, Polen
46.   Ewa Kulik-Bieli?ska, Direktorin der Stephan-Báthory-Stiftung, geschäftsführende Direktorin des European Foundation Centre, Polen
47.   Tomasz Lis, Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Newsweek Polska“, Polen
48.   Ond?ej Liška, ehem. Bildungsminister, Vorsitzender der Partei der Grünen, Tschechien
49.   Ewa ??towska, ehem. Bürgerrechtsbeauftragte, Polen
50.   Vita Matiss, Politologin, Essayistin, Lettland
51.   Ji?í Menzel, Regisseur, Tschechien
52.   Adam Michnik, Chefredakteur der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza”, Polen
53.   Piotr Mucharski, Chefredakteur der Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny”, Polen
54.   Alvydas Nikžentaitis, Vorsitzender des Litauischen Historikerverbands, Litauen
55.   Zbigniew Nosowski, Chefredakteur der Monatszeitschrift „Wi??” , Polen
56.   Vita Matiss, Politologin, Essayistin, Lettland
57.   Janina Ochojska, Vorsitzende der Polnischen Humanitären Organisation (PAH), Polen
58.   Andrzej Olechowski, ehem. Finanzminister und Außenminister, Polen
59.   Solomon Pasi, ehem. Außenminister, Bulgarien
60.   Márta Pardavi, Co-Vorsitzende des ungarischen Helsinki-Komitees, Ungarn
61.   Jurica Pavi?i?, Schriftsteller, Kroatien
62.   Ji?í Pehe, Politologe und Schriftsteller, Tschechien
63.   Dimitrina Petrova, Regisseur, Equal Rights Trust, Bulgarien
64.   Petr Pithart, ehem. Ministerpräsident, Tschechien
65.   Adam Pomorski, Präsident des polnischen P.E.N., Polen
66.   Wojciech Przybylski, Chefredakteur des Onlinemagazins „Eurozine“, Polen
67.   Zoran Pusi?, Präsident des Bürgerkomitees für Menschenrechte, Kroatien
68.   László Rajk jr., Architekt, Designer und politischer Aktivist, Ungarn
69.   Rein Raud, Schriftsteller, Kulturtheoretiker, Estland
70.   Pauls Raudseps, Publizist, „Diena“, Lettland
71.   Adam Daniel Rotfeld, ehem. Außenminister, Polen
72.   Martin Rozumek, Vorsitzender der Hilfsorganisation für Flüchtlinge, Tschechien
73.   Andrzej Seweryn, Schauspieler und Theaterregisseur, Polen
74.   S?awomir Sierakowski, Leiter des Instytut Studiów Zaawansowanych (Institut für weiterführende Studien), Polen
75.   Martin Milan Šime?ka, Schriftsteller, Publizist, Slowakei/Tschechien
76.   Marta Šime?ková, Journalistin, Übersetzerin, Slowakei
77.   Karel Schwarzenberg, ehem. Außenminister, Tschechien
78.   Aleksander Smolar, Vorstandsvorsitzender der Stephan-Báthory-Stiftung, Polen
79.   Ladislav Snopko, Dramatiker, ehem. Kulturminister, Slowakei
80.   Andrzej Stasiuk, Schriftsteller, Polen
81.   Jerzy Szacki, Professor für Soziologie, Universität Warschau, Polen
82.   Ma?gorzata Szcz??niak, Bühnenbildnerin, Polen
83.   Monika Sznajderman, Verlegerin, Czarne-Verlag, Polen
84.   So?a Szomolányi, Politologin und Soziologin, Slowakei
85.   Petruška Šustrová, ehem. Oppositionelle, Tschechien
86.   Erik Tabery, Chefredakteur der Wochenzeitung „Respekt”, Tschechien
87.   Stefan Tafrov, Diplomat, Menschenrechtsaktivist, Bulgarien
88.   Béla Tarr, Regisseur, Ungarn
89.   Vesna Teršeli?, Direktor, Documenta – Centre for Dealing with the Past, Slowenien
90.   Ró?a von Thun und Hohenstein, EU-Parlamentarierin, Polen
91.   Rimvydas Valatka, Journalist, ehem. Mitglied des Parlaments, Litauen
92.   Tomas Venclova, Dichter, Litauen
93.   Magdaléna Vášáryová, Abgeordnete zum Nationalrat der Slowakischen Republik, Slowakei
94.   Tomas Venclova, Dichter und Publizist, Litauen
95.   Dubravka Ugreši?, Dichter, Essayistin, Kroatien
96.   Krzysztof Warlikowski, Theaterregisseur, Polen
97.   Jakub Wygna?ski, Vorstandsvorsitzender Pracownia Bada? i Innowacji Spo?ecznych „Stocznia” (The Unit for Social Innovation and Research „Stocznia”), Polen
98.   Adam Zagajewski, Dichter und Essayist, The University of Chicago, Polen/USA
99.   Péter Zilahy, Schriftsteller, Ungarn
100.   Andrzej Zoll, ehem. Präsident des Verfassungsgerichtshofs, Polen

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