Brüssel im Ausnahmezustand: Die große Entfremdung

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

In Brüssel gilt weiterhin die höchste Terrorwarnstufe. Schulen und U-Bahnen blieben in der belgischen Hauptstadt am Montag geschlossen. [Miguel Discart/Flickr]

Nach den Anschlägen von Paris wird deutlich: In den Problemvierteln Brüssels grassiert der Islamismus und der Hass auf den Westen. Die Bevölkerung Brüssels driftet auseinander: Auf der einen Seite eine politisierte Upperclass im Europaviertel, auf der anderen Seite die Problemviertel, wo die islamistische Propaganda bei chancenlosen jungen Männern verfängt.

Dieser Beitrag von Martin Samse erschien zunächst bei treffpunkteuropa.de und wurde EURACTIV.de zur Verfügung gestellt.

Die belgische Regierung hat in diesen Tagen die höchste Terrorwarnstufe für die Hauptstadt Brüssel verhängt. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren durch die Straßen. Schulen, Universitäten, Kitas sowie die U-Bahnen bleiben vorerst geschlossen. „Ich habe seit Samstag für einen kurzen Trip zum Supermarkt das Haus nicht mehr verlassen“, berichtet die Praktikantin Hanna, die im Stadtteil Auderghem wohnt. „Meine Hauptinformationsquelle ist Twitter. Dort erfährt man vom Kriseninformationszentrum recht viel, auch von den Verkehrsbetrieben. Es ist ein Vorteil, dass ich Französisch spreche – die meisten Informationen werden auf Niederländisch und Französisch rausgegeben. Erst am Samstagabend wurde die Anhebung auf die höchste Warnstufe in englischer Sprache veröffentlicht.“ Zur Zeit arbeite sie von zuhause aus, erzählt Hanna, denn ihr Arbeitsplatz – die politische Repräsentanz eines deutschen Unternehmens – bleibe vorerst geschlossen. Laut Hanna sei die Lage in Brüssel zwar ruhig, der Ausnahmezustand mache sich jedoch immer wieder für die Bevölkerung bemerkbar: „Die Nacht von Sonntag auf Montag war der Höhepunkt mit den zahlreichen Absperrungen, Hubschraubern und Sirenen, die man hören konnte.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Brüssel in Zusammenhang mit islamistischen Terroristen gebracht wird und doch erscheint es grotesk. Brüssel ist der Sitz der Europäischen Union. Durch die politische Arbeit in dieser Stadt soll der Frieden in der Welt gefördert und Europarecht zum Wohle aller Bürger geschaffen werden. Gleichzeitig ist die belgische Metropole Brutstätte und Kaderschmiede für islamistische Terroristen, die nicht mal vor den verabscheuungswürdigsten Gewalttaten zurückschrecken, um ihren Hass auf die europäischen Werte zu demonstrieren. Wie passt das zusammen?

Die Brüsseler Blase

Der Politikbetrieb in Brüssel hat seinen festen Sitz im Europaviertel Leopold. Dort trennen die Gebäude der Europäischen Organe nur wenige hundert Meter voneinander. Mit der steigenden Relevanz der Institutionen wurde Brüssel in den letzten Jahrzehnten zum Arbeitsplatz und Wohnsitz für Abgeordnete, Lobbyisten und Journalisten aus allen europäischen Mitgliedstaaten. Selbst innerhalb des Betriebes sprechen die Akteure von der „Blase“ die sich über die Jahrzehnte in Brüssel gebildet hat und die sich immer weiter aufbläht. Täglich treffen die Vertreter der Blase im Arbeitsalltag auf einander. In Sitzungen, Gremien und (halb)öffentlichen Veranstaltungen werden Entscheidungen vorbereitet, Informationen ausgetauscht und Netzwerke gepflegt. Die Sozialstruktur im Innern der Blase ist homogen. Sie setzt sich zum größten Teil aus gut situierten, attraktiven und akademisierten Frauen und Männern zusammen. Man gibt sich politisiert, internationalisiert und karrierebewusst.

Armut und Prostitution

Nur wenige Minuten zu Fuß vom Europaviertel entfernt zeigt sich Brüssel von seiner weniger prestigebehafteten Seite. In Vierteln wie Saint-Joost-Ten-Nood und und Sint-Jans-Molenbeek verschlechtert sich das Stadtbild zunehmend. Die Häuserfassaden sind heruntergekommen und die Wände mit Graffitis beschmiert. Am Nordbahnhof spielen die Kinder Fußball in den Straßen in denen Prostituierte in den Fenstern posieren. Die Bevölkerung der Problembezirke setzt sich zum großen Teil aus Einwanderern aus muslimischen Ländern zusammen. Besonders extrem sind die Zustände im Stadtteil Molenbeek. Dort haben fast achtzig Prozent der Bewohner marokkanische Wurzeln und die Arbeitslosenquote liegt bei dreißig Prozent. Die soziale Lage ist dementsprechend prekär. Brüssel ist geprägt von einem stark fragmentierten politischen System mit allein 19 zuständigen Bürgermeistern und ungeklärten Zuständigkeiten innerhalb des Polizeiapparates. Der fehlende Zugriff staatlich-politischer Autoritäten führt dazu, dass die Bewohner Molenbeeks sich selbst überlassen werden.

Die gesellschaftliche Entfremdung

Molenbeek erlangt dieser Tage traurige Berühmtheit als das Terrornest Europas. Das Vakuum, welches die Abwesenheit von Staat und Politik hinterlässt, wird dort seit Jahren von islamistischen Hasspredigern gefüllt. Einwohnerberichten zu Folge breitet sich intolerantes Denken unter der muslimischen Bevölkerung aus. Die Folgen sind religiöse Spannungen und offene Gewalt. Die Mitglieder der Brüsseler Blase sind sich dieser Problematik sehr bewusst und meiden diese Problembezirke soweit sie können. Der schlechte Ruf der Polizei verstärkt das Gefühl, in diesen Gegenden nicht sicher zu sein. Der Graben zwischen der Brüsseler Upperclass und den Problemvierteln wird somit größer. Brüssel befindet sich in einem Prozess, in dessen Verlauf sich die verschiedenen sozioökonomischen Milieus der Stadt voneinander entfremden.

Anspruch und Realität

Die EU hat den Anspruch, das Leben aller Bürger in Europa zu verbessern und den Frieden in Europa in der Welt zu sichern. Brüssel ist die Stadt, in der die Kommission in Kooperation mit den Staatschefs und den Parlamentariern zum Wohl aller Bürger über Investitionspakete, Einwanderungsverfahren und Friedenspolitik berät und entscheidet. Wie weit die Ergebnisse dabei mitunter von den hohen Ansprüchen abweichen zeigt sich nicht nur an den chaotischen Zuständen auf Europas Einwanderungsrouten und den schwelenden militärischen Konflikten überall auf der Welt. Die jüngsten Ereignisse erinnern uns daran, dass der Kampf um Chancengleichheit, ein friedliches Miteinander und gegenseitige Toleranz vor der Haustür der europäischen Institutionen beginnt.

Der Autor

Martin Samse studiert in Osnabrück im Masterprogramm „Europäisches Regieren: Markt-Macht-Gemeinschaft“. Seit Juli 2014 schreibt er für treffpunkteuropa.de über den europäischen Wirtschafts- und Währungsraum.

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