Ziel: „Strategische Autonomie“ bei wichtigen Rohstoffen

EU-Kommissar Thierry Breton während der Präsentation der neuen "Rohstoffallianz". [EC - Audiovisual Service]

Die Europäische Kommission hat am Dienstag eine neue Industrieallianz ins Leben gerufen, die darauf abzielt, die „strategische Autonomie“ der EU in Bezug auf Rohstoffe wie seltene Erden zu stärken.

„Der Zugang zu Ressourcen ist eine Frage der strategischen Sicherheit für Europas Ambitionen, den Europäischen Green Deal umzusetzen,“ heißt es in der Erklärung zur Schaffung einer Europäischen Rohstoffallianz.

Kommissionsvizepräsident Maroš Šefčovič betonte zum Start der Allianz, die Nachfrage nach wichtigen Rohstoffen werde weiter ansteigen – „insbesondere angesichts des laufenden Übergangs zu einer grünen und digitalen Wirtschaft“.

Seltene Erden: Europa will weniger abhängig von China werden

Ein neuer globaler Handelsverband, eigene Minen für seltene Erden und mehr Gelder für die Forschung sollen Europa etwas unabhängiger von Importen machen.

Die neue industriegeführte Truppe soll sich an der Europäischen Batterieallianz orientieren, in der sich über 200 Unternehmen, Regierungen und Forschungsorganisationen rund um das Thema Batterieproduktion für die Automobilindustrie zusammengeschlossen haben.

Ziel der neuen Allianz wird es sein, Hindernisse und Investitionsmöglichkeiten auf allen Stufen der Rohstoff-Wertschöpfungskette – vom Bergbau über die Verarbeitung bis hin zur Abfallverwertung – zu identifizieren und gleichzeitig zu versuchen, die ökologischen und sozialen Auswirkungen zu minimieren, erklärt die EU-Kommission.

Die erste Aufgabe werde darin bestehen, „strategische Autonomie für die Wertschöpfungskette für seltene Erden und Magnete aufzubauen, bevor dies auf andere Rohstoffbereiche ausgedehnt wird“, heißt es in der Gründungserklärung.

Fast „Lithium-autark“

Die EU sei derzeit stark von Importen aus einer relativ kleinen Zahl von Ländern abhängig, erinnerte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton. China zum Beispiel liefert 98 Prozent der EU-Nachfrage an seltenen Erden, während die Türkei 98 Prozent des benötigten Borats liefert und Südafrika 71 Prozent des Platinbedarfs der EU deckt.

„Dabei gibt es viele dieser Materialien auch in Europa. Und das ist die gute Nachricht,“ fügte Breton hinzu und nannte exemplarisch Kobalt, Bauxit, Beryllium, Wismut, Gallium, Germanium, Indium, Niob und Borat. „Es gibt zum Beispiel beträchtliche Lithiumressourcen in Europa“, die über den Kopernikus-Satelliten der EU beobachtet werden könnten, so Breton weiter: „Wir positionieren uns aktuell so, dass wir im Jahr 2025 bei Lithium für Batterien nahezu autark sein werden,“ hofft der französische Kommissar.

In einem Anfang dieses Monats von der EU-Kommission veröffentlichten Aktionsplan zu „kritischen Rohstoffen“ wird mehrfach die Notwendigkeit betont, „strategische Autonomie“ bei derartigen Rohstoffen zu erreichen.

Šefčovič prophezeit ein ‘Airbus für Batterien, für 5G, KI und Green Tech'

In einem seiner ersten Interviews seit der Nominierung für weitere fünf Jahre in der Europäischen Kommission sprach Maroš Šefčovič über seinen neuen Job, die Industriepolitik und die „globalen Megatrends“, die die EU in das nächste Jahrzehnt vorantreiben sollte.

Handelspartnerschaften

Dennoch werden die eigenen Bodenschätze Europas nicht ausreichen, um den gesamten Bedarf der Industrie zu decken, „und deshalb wollen wir wichtige Partnerschaften mit Drittländern wie Kanada und Australien schmieden“, fügte Breton hinzu. Außerdem sollen die afrikanischen Länder besser in die europäischen Wertschöpfungsketten „integriert“ werden.

„Denn wenn wir von ’strategischer Autonomie‘ sprechen, oder von dem, was manchmal als Souveränität oder Resilienz bezeichnet wird, dann meinen wir nicht, dass wir uns von der Welt abschotten, sondern dass wir die Wahl haben werden, Alternativen und Wettbewerb,“ zeigte er sich überzeugt. Gleichzeitig müsse man „unerwünschte Abhängigkeiten vermeiden, sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch“.

Darüber hinaus werde es nicht ausreichen, die Bergbaukapazitäten in Europa weiterzuentwickeln, ohne auch die Verarbeitungs- und Raffinerieanlagen zu fördern. Und: „Viele dieser Rohstoffe sind wiederverwertbar. Dies ist eine Industrie mit echtem Know-how […] Die Recyclingwirtschaft wird sehr wichtig sein,“ so Breton.

Die europäische Metallindustrie begrüßte die Schaffung der Allianz und teilte mit, diese werde „allen Beteiligten helfen, gemeinsam die Herausforderungen einer nachhaltigen Rohstoffversorgung zu bewältigen, die der Übergang Europas weg von fossilen Brennstoffen mit sich bringt“.

Autobatterien: EU im Rennen um "strategisch wichtige Rohstoffe"

Die EU will eine eigene Lieferkette für „strategische Rohstoffe“ aufbauen, die bei der Herstellung von Elektroautobatterien in Europa verwendet werden.

Mehr Bergbau = mehr Verschmutzung

Umwelt-NGOs äußerten hingegen „tiefe Besorgnis“ über den Vorstoß der Kommission und forderten stattdessen „echte Maßnahmen“, um „den Ressourcenverbrauch der EU insgesamt zu reduzieren“.

In einem vor wenigen Tagen verschickten Brief riefen 234 zivilgesellschaftliche Organisationen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Europa und der Welt die EU auf, dafür zu sorgen, dass Gemeinden vor Ort „das Recht haben, Nein zu Bergbauprojekten zu sagen“.

Weiter heißt es in dem Brief: „Die Folgen dieses enormen Anstiegs des Metall- und Mineralienabbaus für die Umwelt und die jeweiligen Gemeinden sind nicht klar dargelegt – dennoch wissen wir aus Erfahrung und Beweisen, dass mehr Bergbau auch zu mehr Verlust an biologischer Vielfalt, mehr kontaminierter Luft, verschmutzten Böden und Wasser, weniger Zugang zu Ackerland und Süßwasser, Vertreibung und aufgezehrten Lebensgrundlagen, negativen gesundheitlichen Auswirkungen und mehr Konflikten führt.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

Es gibt ein Batterieleben nach dem Tod

Die EU will die heimische Batterieproduktion für E-Autos ankurbeln. Ziel ist es dabei, möglichst nachhaltige und recyclingfähige Akkus zu bauen.

Reifetest: Nachhaltigkeit und die "Soft Power" der EU

Im Wettlauf um eine globale Führungsrolle in Sachen Nachhaltigkeit wird von der EU erwartet, dass sie ihre „Soft Power“ gegenüber Drittstaaten unter Beweis stellt. So sollen auch potenzielle Nachteile für europäische Produzenten, die hohe Standards erfüllen müssen, abgefangen werden.

EU-Investitionsbank gibt 350 Millionen für erste Batterie-"Gigafactory"

Die Europäische Investitionsbank hat am Donnerstag ein Darlehen von 350 Millionen Euro an ein schwedisches Unternehmen vergeben. Dieses will mit den bisher „grünsten“ Akkus einen bedeutenden Anteil am globalen Batteriemarkt erobern.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN