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23/01/2017

Zeitumstellung: Die teure Tradition

EU-Innenpolitik

Zeitumstellung: Die teure Tradition

Die Zeitumstellung naht abermals - und sorgt erneut für Debatten.

Foto: Maksim Kabakou / Shutterstock

Demnächst werden in Europa die Uhren um eine Stunde auf Winterzeit zurückgestellt. Doch abermals bezweifeln Experten die Sinnhaftigkeit.

Die Türkei tanzt diesmal aus der Reihe. Ankara hat schon vor einigen Wochen verfügt, die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit nicht mehr mitzumachen. Wer daher in bald drei Wochen von Berlin oder Wien nach Istanbul fliegt, muss den Stundenzeiger der Uhr nicht um eine, sondern gleich um zwei Stunden nach vorne rücken.

Schon seit längerem gibt es immer wieder Anläufe, bei einer das ganze Jahr geltenden Zeit zu bleiben. Die Gegner der Zeitumstellung suchen nun auch Unterstützung bei der Wissenschaft.

Bei einer Expertenkonferenz in Brüssel präsentierten Russell Foster, Professor für Neurowissenschaften an der Universität Oxford, und Till Roenneberg, Professor für medizinische Psychologie an der Universität München, ihre Ergebnisse zu den Auswirkungen der Zeitumstellung auf den Bio- und Schlafrhythmus. Das Resümee: „Die Zeitumstellung bringt keine Energieersparnis, aber erhebliche Gesundheitsrisiken und hohe Kosten für die Wirtschaft.“

Zunahme von Verkehrsunfällen und Komplikationen bei Operationen

Die Wissenschaftler belassen es nicht nur bei deutlichen Worten. Vielmehr wollen sie belegen, dass die Zeitumstellung eine dramatische Störung der körperlichen und psychischen Funktionen durch den direkten Eingriff in die sogenannte innere Uhr bewirkt. Besonders Kinder und ältere Menschen würden oft Wochen für die Umstellung benötigen. Darüber hinaus lassen sich aber auch eine Zunahme von Verkehrsunfällen und Komplikationen bei Operationen beobachten.

Zusätzlich zu den negativen gesundheitlichen Auswirkungen gibt es auch Belege für nachteilige wirtschaftliche Folgen. Experten haben einen durch die zweimal jährliche Zeitumstellung bedingten Verlust in der Höhe von ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes der EU errechnet. Das Vor- beziehungsweise Nachrücken der Uhrzeiger würde demnach pro Jahr auf Kosten von 300 Milliarden Euro hinauslaufen.

Der österreichische EU-Parlamentarier Heinz K. Becker will diese wissenschaftlichen Daten und Schlussfolgerungen nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen. Er fordert die EU-Kommission auf „endlich zu handeln und den Riesenaufwand für etwas, das keine Vorteile, sondern nur Schaden bringt, zu beenden“. Mehr noch, es müsse „Schluss sein mit der Verweigerung der zuständigen Kommissarin Violeta Bulc, die Risiken und die Sinnhaftigkeit der Zeitumstellung zu überprüfen“.