Youtube-Influencer als mächtige Lobby gegen EU-Richtlinie

Mit dieser Kampagne (im Bild die französische Version) stilisiert der Internetriese Youtube sich zum Kämpfer für ein freies Internet. [Screenshot Youtube]

Über die Kampagne #SaveYourInternet werden Youtuber gegen die EU-Urheberrechtsrichtlinie mobilisiert. In ihrem Kampf für ein freies Internet schützen die Aktivisten aber vor allem eins: Die Umsätze der Videoplattform, schreibt EURACTIV Frankreich.

“Stell dir vor, du könntest deine Lieblingsvideos nicht anschauen.“

Mit dieser für seine User höchst alarmierenden Nachricht hat der Internetriese Youtube eine Informationsreihe gestartet, die sich als Kampagne zur Verteidigung eines freien Internets geriert.

Mit dieser Botschaft werden die potenziell negativen Auswirkungen der geplanten europäischen Urheberrechtsrichtlinie kritisiert. Die Richtlinie könne die freie Meinungsäußerung gefährden – die den Millionen von Internetnutzern auf der ganzen Welt besonders wichtig ist.

Die Auswirkungen dieser Mitteilung sind bemerkenswert: „In den letzten Wochen wurden Hunderte von Videos von Youtubern auf der Plattform veröffentlicht, in denen sie Artikel 13 der Urheberrechtsrichtlinie kritisieren,“ erklärt die französische Abgeordnete Virginie Rozière von der sozialdemokratischen S&D-Fraktion im EU-Parlament.

EU-Parlament billigt Anpassung des Urheberrechts ans Internet-Zeitalter

Internet-Plattformen wie Google oder Facebook können verpflichtet werden, Medien und Künstler zu vergüten, wenn diese deren Inhalte zum Hochladen anbieten.

Die Videos wirken: Einige Abgeordnete berichten, sie seien bereits von ihren Kinder angesprochen worden, die sich Sorgen um die Zukunft ihrer Lieblingsstars und -kanäle auf Youtube machen.

Streitpunkt: Artikel 13

Die aktiven Youtuber (mit teils riesigen Followerzahlen) sind tatsächlich die besten Lobbyisten im Kampf gegen die Urheberrechtsrichtlinie geworden.

Die vom Europäischen Parlament verabschiedete Gesetzgebung sieht eine Anpassung des Urheberrechts an das Internetzeitalter und eine bessere Vergütung der Urheberrechtsinhaber vor.

Während mehrere Bestimmungen heftig diskutiert wurden (und werden), zielt die Youtube-Kampagne speziell auf Artikel 13 ab. Dieser besagt, dass Plattformen – wie Youtube – für die strikte Anwendung des Urheberrechts und die angemessene Vergütung der Autoren verantwortlich gemacht werden.

Diese Bestimmung verpflichtet Youtube also, die hochgeladenen Online-Inhalte eingehend zu prüfen, um festzustellen, ob urheberrechtlich geschützte Werke in Umlauf gebracht werden, und den Rechteinhabern ihren angemessenen Anteil am damit erzielten Umsatz zu zahlen.

Bislang war Youtube nicht verpflichtet, proaktiv nach urheberrechtlich geschützten Inhalten zu suchen. Lediglich gemeldete Inhalte mussten gesperrt werden.

Um die geplanten europäischen Regelungen umsetzen zu können, müsste Youtube ein automatisches System zum Filtern von Urheberrechtsverletzungen verwenden, das effizienter ist als sein derzeitiges System (Content ID).

Außerdem dürften für den Internetriesen weitere Kosten entstehen, wenn er die Urheber der Videos (höher) bezahlen muss.

"Das EU-Urheberrecht ist auf dem Stand des Jahres 2000"

Das europäische Urheberrecht ist auf dem Stand des Jahres 2000. Deshalb sind Reformen dringend notwendig, sagt Pavel Svoboda, der Vorsitzende des Rechtsausschusses im EU-Parlament.

Eine gut geschmierte Lobby-Maschine

Doch genau diese Urheber sind die schärfsten Kritiker der geplanten Richtlinie.

„Sie wollen mich zwingen, meinen Kanal zu schließen. Das Gleiche gilt für Millionen von anderen Online-Content-Erstellern. Warum? Nur wegen dieses Artikel 13,“ erklärt beispielsweise der französische Youtuber Julien Chièze in einem Video, dass schnell mehr als 225.000 Views hatte.

Unter dem Hashtag #SaveYourInternet gibt es inzwischen Hunderte von Videos, die Artikel 13 kritisieren. Dabei kommt die Kritik nicht nur aus Europa: Zum Beispiel gibt es Videos  zum Thema auf Hindi oder auf Türkisch.

Um sich dem Kampf gegen Artikel 13 anzuschließen, wurden den Youtubern (und ihren Fans) ein Kommunikations-Toolkit und fertige Bilder mit den Kernbotschaften der Youtube-Kampagne zur Verfügung gestellt. Diese können kostenlos heruntergeladen werden und sind in sechs Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Polnisch) verfügbar.

Ins Netz gegangen

Wie die Reform des Urheberrechts grundlegende Freiheiten im Internet bedroht, beschreibt die britische Parlamentarierin Catherine Sthiler im Interview.

Unter den französischen Europaabgeordneten sorgt diese verkappte Lobbykampagne für heftige Irritationen: „Google lagert seine Lobbyarbeit gegen die Urheberrechtsrichtlinie offen aus, indem es Youtuber manipuliert,“ empörte sich der Abgeordnete Marc Joulaud von den französichen Republikanern auf Twitter.

„Die mächtigen Mittel, die solche Unternehmen zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen einsetzen, basieren auf der Manipulation von Nutzern, einflussreichen Videomachern und jungen Menschen. Das ist inakzeptabel. Google und Youtube überschreiten einmal mehr eine rote Linie, indem sie ihre dominante Position missbrauchen,“ kritisiert die französische Zivilgesellschaft der Multimedia-Autoren (La Scam) in einer Erklärung.

EU-Verhandlungen gehen weiter

Derweil werden die Trilog-Treffen zwischen den drei EU-Institutionen (Europäisches Parlament, Rat und Kommission) weitergeführt. „Wir hoffen, die Verhandlungen bis Ende des Jahres abschließen zu können,“ erklärte MEP Virginie Rozière.

Nach Abschluss der Verhandlungen würde es an den Mitgliedstaaten liegen, die Urheberrechtsrichtlinie auf nationaler Ebene umzusetzen. Dabei könnte es weiteren Ermessens- und Handlungsspielraum geben.

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