Versorgung mit regionalen Produkten: EU-Regeln machen es Kantinen schwer

Bei der Versorgung mit regionalen Lebensmitteln sind die europäischen Vergabevorschriften "nicht gerade hilfreich". [Shutterstock]

This article is part of our special report Kurze Lebensmittelketten für Europas Norden.

Lokale Höfe werden bei Kantinen und Caterern immer beliebter. Letztere wollen ihre Lebensmittelqualität verbessern und die lokale Wirtschaft stärken. Doch Regelungen für die öffentliche Beschaffung machen diese Pläne oft zunichte. EURACTIV Frankreich berichtet.

In Frankreich ist die Entwicklung kurzer Lebensmittelversorgungsketten ein boomender Trend: Immer mehr Hersteller und Verbraucher suchen den direkten Zugang zu Produkten.

Initiativen zur Entwicklung kurzer Lebensmittelketten, wie die solidarische Landwirtschafts-Vereinigung AMAP („Verbrauchervereinigung für die Beibehaltung der bäuerlichen Landwirtschaft“) oder Initiativen wie Marktschwärmer/Food Assembly, haben zugenommen, ebenso wie der Direktverkauf in den landwirtschaftlichen Betrieben. Für die Produzenten ist diese Form des Vertriebs kein Nischenmarkt mehr: Inzwischen nutzen rund 20 Prozent der Landwirte solche Vertriebskanäle für zumindest einen Teil ihrer Produktion.

„Volumentechnisch bleibt der Handel über kurze Nahrungsmittelketten im globalen Rahmen natürlich vergleichsweise klein. Für einige Lebensmittelerzeuger stellen diese Ketten jedoch 100 Prozent ihres Umsatzes dar. Und es gibt die Nachfrage von Seiten der Verbraucher,“ so Francois Beaupere, Präsident der Landwirtschaftskammer des Départements Maine-et-Loire.

Um kurze Lieferketten weiterzuentwickeln und zu unterstützen, konzentriert sich der neue Gesetzentwurf „Landwirtschaft und Ernährung“ der französischen Regierung auf Cateringbetriebe und Kantinen. Der nach der ersten Lesung in der Nationalversammlung am 30. Mai angenommene Entwurf „für die Ausgewogenheit der Handelsbeziehungen im Agrar- und Lebensmittelsektor und für gesunde und nachhaltige Lebensmittel“ wird aktuell (26. bis 28. Juni) vom französischen Senat geprüft.

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Produkte aus ökologischem Landbau, Produkte mit speziellen Gütesiegeln und kurze Lieferketten bis zum Jahr 2022 50 Prozent der Lieferungen an solche Gastronomiebetriebe ausmachen müssen.

Vorläufig betrifft dies nur die von den Behörden verwalteten Kantinen, aber eine Reihe von Abgeordneten fordern bereits ein ähnliches Ziel für die privatwirtschaftlichen Gastronomiebetriebe und Caterer, die einen erheblichen Marktanteil haben.

Frankreich setzt auf regionale Lebensmittel

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Freier Warenverkehr vs. kurze Lebensmittelketten

Allerdings ist es für die Gastronomiebetriebe nicht immer einfach, ihre Vorräte aus lokalen Quellen zu beziehen. Für lokale und regionale Behörden, die beispielsweise Schulkantinen verwalten, muss die Auswahl eines Anbieters über eine öffentliche Ausschreibung erfolgen. Dabei erschweren es die geltenden Vergabevorschriften – laut denen die niedrigsten Preise bevorzugt werden müssen – Verträge mit lokalen Landwirten abzuschließen.

„Die Europäische Union wurde auf dem Grundprinzip der Freizügigkeit aufgebaut. Dieses Prinzip liegt den EU-Vorschriften und insbesondere auch den Vorschriften für das öffentliche Auftragswesen zugrunde. Es ist demnach nicht möglich, ein Produkt zu benachteiligen, weil es aus einem anderen Mitgliedstaat stammt – oder besser gesagt: Man kann ein Produkt nicht nur deshalb bevorzugen, weil es vor Ort hergestellt wurde,“ heißt es in einem Informationsbericht über kurze Lebensmittelversorgungsketten und die Verlagerung des Agrar- und Lebensmittelsektors, der von der ehemaligen französischen Parlamentsabgeordneten Brigitte Allain verfasst wurde.

Mit der EU-Vergaberichtlinie wurde inzwischen jedoch der Begriff des „wirtschaftlich günstigsten Angebots“ erweitert. So können bei Ausschreibungen qualitative Aspekte und der Produktlebenszyklus stärker berücksichtigt werden. Statt des günstigsten Angebots solle das „beste Preis-Leistungs-Verhältnis“ bevorzugt werden.

Dennoch: „Die europäischen Vergabevorschriften sind ein Faktor, der nicht gerade hilfreich ist. Bevorzugt wird der niedrigste Preis. Es besteht ein echter Widerspruch in der Zielsetzung, einerseits kurze Lieferketten zu fördern und andererseits den Anbieter mit dem niedrigsten Preis zu bevorzugen,“ fasst Beaupere zusammen.

Weniger Zwischenhändler, mehr Einkommen für Kleinbauern

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Lokale Versorgung ist möglich – „man braucht nur die Willenskraft“

Die Landwirtschaftskammer des Départements Maine-et-Loire zeigt allerdings, wie es anders geht: Sie hat eine Reihe von lokalen Behörden bei der Erstellung von europarechtskonformen Ausschreibungen unterstützt und gleichzeitig die lokalen Landwirte gefördert.

Es ist ein Balanceakt, der sich auszahlt: In der Region Pays de la Loire ist die Versorgung der öffentlichen Gastronomiebetriebe inzwischen zu 100 Prozent französisch, wobei 50 Prozent der Lebensmittel aus lokaler Produktion stammen und 30 Prozent von ihnen mit dem Gütesiegel versehen sind oder aus ökologischem Anbau stammen.

„Die Gemeinde hat die Leitung der Schulkantine übernommen, die täglich durchschnittlich 175 Kinder ernährt. Wir haben 100.000 Euro ausgeschrieben, um einen Dienstleister zu finden,“ erzählt Marie Guichard, stellvertretende Bürgermeisterin von Feneu, einer Stadt mit rund 2.000 Einwohnern im Departement Maine-et-Loire.

„Wir hatten bereits Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der lokalen Bäckerei, einem Obst- und Gemüseproduzenten und einem Fleischproduzenten,“ so Guichard, die die Bedingung „lokale Produktion“ in die Ausschreibungen ihrer Stadt miteinbezogen hat. „Wir haben es geschafft, den Bewertungsmaßstab in der Ausschreibung so anzupassen, dass die lokalen Produzenten einen Vorteil haben.“

Der Einsatz von lokalen Produkten habe das Budget der Schulkantine nicht erhöht: „Weil wir die Lebensmittelmengen besser managen können und somit Lebensmittelabfälle und Verschwendung begrenzen,“ erklärt die stellvertretende Bürgermeisterin.

Zum Abschluss gibt sie mit auf den Weg: „Jeder kann solche Dinge lokal umsetzen, man braucht nur die Willenskraft.“

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