Unternehmer warnen: Beim Brexit geht es um die Zukunft Europas

Teilnehmer und Besucher der EURACTIV-Diskussionsveranstaltung in London, 19. Oktober 2017. [Ian Hall/EURACTIV]

Die 27 verbleibenden EU-Staaten müssen „Großbritannien vor sich selbst retten“ und einen flexibleren Deal anbieten, der auch die EU schützen würde. Andernfalls stehe die Zukunft der Union auf dem Spiel, hieß es bei einer von EURACTIV organisierten Diskussionsrunde in London.

Danny McCoy, Vorsitzender der irischen Arbeitgebervereinigung Ibec, sagte: „Die EU-27 sind zwar derzeit in einer sehr starken makroökonomischen Lage, aber auch sie werden nicht immun gegen die Ergebnisse der Brexit-Verhandlungen sein.“

Daher solle der Brexit nicht als rein britisches Thema angesehen werden, sondern als „eine Frage der Zukunft Europas,“ so McCoy während der Veranstaltung, auf der der mögliche Einfluss der europäischen Geschäftswelt auf die Brexit-Ergebnisse diskutiert wurde.

Neben McCoy nahmen Vertreter des britischen Industrieverbands CBI, der Vereinigung britischer Handelskammern in Europa (COBCOE), von BritishAmerican Business sowie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau teil.

Das EURACTIV-Event fand vergangenen Donnerstag zeitgleich zum EU-Gipfel-Dinner der Staatschefs statt, bei dem die britische Premierministerin Theresa May die EU aufrief, Verhandlungen über die künftigen Handelsbeziehungen und eine mögliche Übergangsphase nach dem Brexit zu starten.

Die COBCOE hat kürzlich eine Studie zum Thema Business und Brexit veröffentlicht. Die Vorsitzende der Vereinigung, Anne-Marie Martin, erklärte, die Studie habe gezeigt, dass für viele europäische Unternehmer „die zukünftige Rolle Großbritanniens als Sprungbrett für EU-Firmen zum globalen Markt“ ein Hauptanliegen sei.

Da die Brexit-Verhandlungen nur schleppend vorangehen, ergeben sich Möglichkeiten für die Geschäftswelt, sich bei den Regierungen einzubringen und das Ergebnis der Verhandlungen möglicherweise mitzugestalten, hieß es bei der Veranstaltung: „Wir müssen den Brexit zum Erfolg machen,“ sagte James Ashton-Bell, beim CBI verantwortlich für Handel und Investitionen. Er warnte, viele Unternehmer seien „ausgelaugt und überfordert“ von der unsicheren Situation und es gebe „unterschiedliche Vorbereitungs-Niveaus“.

Für den CBI sei es die größte Herausforderung, „unter allen Arten von Unternehmen ein besseres Bewusstsein“ für die Brexit-Thematik zu schaffen: „Wir sehen, dass die Menschen, die wohl am härtesten getroffen werden, im Kleingewerbe tätig sind und meistens stark für einen Brexit waren.“ Es gebe „keine Patentlösung, aber wir müssen einen Brexit schaffen, der auch den Bedürfnissen dieser Menschen gerecht wird.“

Ashton-Bell stimmte der Ansicht zu, dass sich Großbritannien zwar stärker auf nichteuropäische Mächte einlassen müsse – „aber nicht auf Kosten oder zum Schaden unserer engsten Nachbarn, die ja auch unsere wichtigsten Kunden sind. Sie brauchen uns sehr viel weniger, als wir sie.”

Emanuel Adam, Direktor für Politik und Handel bei BritishAmerican Business, einer Vereinigung, die über 700 US-Firmen in Großbritannien vertritt, erklärte, in ihrer Rolle als wichtigste Investoren im Land könnten die amerikanischen Unternehmen „zur Qual, aber auch zur Lösung für einige Probleme werden.“

Adam warnte im Laufe der Veranstaltung jedoch: „Im Endeffekt sind Unternehmen pragmatisch: Entweder funktioniert der Brexit oder sie werden – wie es einige schon tun – damit beginnen, die Belegschaft in die EU zu verlagern.“

Deutschland wird Großbritannien nicht retten

Nach Ansicht von Holger Kunze, Geschäftsführer des Europabüros des VDMA, gibt es sehr viel Missverständnis und eine falsche Wahrnehmung darüber, wie die Brexit-Debatte in Deutschland geführt wird: „Die Menschen hier müssen ab und zu damit konfrontiert werden, wie die Debatte in Deutschland aussieht – sie findet in einer komplett anderen Umgebung statt.“

Kunze erklärte weiter, deutsche Unternehmen würden sicher nicht für einen Brexit werben, „der so flexibel ist, dass Großbritannien eine vorteilhaftere Position hat als irgendein EU-Land. Das würde die EU an sich in Frage stellen – und der europäische Binnenmarkt ist für unsere Betriebe nach wie vor der wichtigste Exportmarkt.“

Ironischerweise habe der Brexit und auch die Wahl von US-Präsident Donald Trump zu einer Art Wiedervereinigung innerhalb der EU geführt, glaubt Kunze. Er erkenne unter deutschen Firmen „ein gewisses Gefühl, dass es wert ist, aufzustehen und in die EU zu investieren. Denn wenn wir die EU verlieren, haben wir ein Riesenproblem.“

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass ein „Bad Deal“ als Ergebnis der Brexit-Verhandlungen besser sei als „No Deal“. Ashton-Bell warnte: „Die Option ‚No Deal‘ ist eine existenzielle Bedrohung“, die den Status Quo in Großbritannien komplett umwerfen und „zum Herunterfahren der Handelsbeziehungen“ führen würde.

In ihrer Rede in Florenz hatte Premierministerin May eine zweijährige Brexit-Übergangsregelung ab Ende März 2019 gefordert. Die Teilnehmer der EURACTIV-Veranstaltung warnten allerdings, Unternehmen bräuchten mehr Zeit, um sich auf die neue Situation einzustellen und mindestens 18 Monate, um neue Geschäftspläne umzusetzen.

Mehr Flexibilität benötigt

Anne-Marie Martin von der COBCOE kritisierte den eng begrenzten Zeitplan: „Wenn man die Sache ernst nimmt, müssten die Gespräche mit offenem Ende geführt werden. Man müsste so lange verhandeln, wie es eben dauert, um eine gute Lösung zu finden.“

Für Danny McCoy von der Ibec wäre das positivste Ergebnis nach wie vor, wenn der Brexit überhaupt nicht stattfindet. Seine Priorität sei es „nicht, den Brexit zu ändern oder zu formen, sondern ihn zu stoppen.“ Allerdings: „Wenn die EU ihre Haltung nicht ändert, ist es wohl unumgänglich, dass der Brexit passiert.“

Einigen konnte man sich zum Abschluss, dass Unternehmen in ganz Europa im Verlaufe der kommenden Verhandlungen weiterhin aktiv ihre Forderungen gegenüber den Regierungen vertreten müssen.