Umfrage unter Europäern: Finanzielle Unsicherheit nimmt zu, EU-Mittel sollten an Rechtsstaatlichkeit gekoppelt sein

Immer mehr Europäer spüren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Für mehr als ein Drittel der Bürger bedeutet die Krise einen Einkommensverlust. [Eldar Nurkovic/shutterstock]

Die EU sollte ihren Bürgern zufolge über mehr Kompetenzen zur Bewältigung der Pandemie verfügen und die Verteilung ihrer Gelder an den Respekt demokratischer Werte knüpfen. Das ergibt eine Eurobarometer-Umfrage des Europäischen Parlaments.

Zum dritten Mal seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat das Europäische Parlament eine Umfrage unter EU-Bürgern durchgeführt. Knapp 25.000 Europäer hat das Referat „Beobachtung der öffentlichen Meinung“ des Parlaments von Ende September bis Anfang Oktober befragt, um die öffentliche Meinung in Corona-Zeiten zu messen.

Wie die am heutigen Freitag (20. November) veröffentlichten Ergebnisse offenlegen, hat sich die Meinung der Bürger zur EU seit dem Frühjahr verbessert. 41 Prozent der Befragten stehen der EU demnach positiv gegenüber – während der ersten Welle der Pandemie waren es nur 31 Prozent gewesen.

Dagegen hat sich die Zufriedenheit der Europäer ihren Regierungen gegenüber seit der letzten Umfrage verschlechtert. Die Hälfte der Befragten ist demnach mit dem Krisenmanagement ihrer Regierung zufrieden (49 Prozent), fast ebenso viele Europäer sind es allerdings nicht (48 Prozent). Deutlich höher liegt die Zustimmung in Deutschland (67 Prozent).

Von der Proportionalität der im Rahmen der Pandemie beschlossenen Einschränkungen sind nur noch 45 Prozent der Europäer überzeugt. „Zum ersten Mal sagen jetzt mehr Befragte, dass der von den Einschränkungen verursachte wirtschaftliche Schaden die gesundheitlichen Vorteile überwiegt, die damit erzielt werden sollen“, heißt es aus dem Bericht.

Auch die mangelnde Solidarität in Europa frustriert viele Bürger. Mehr als die Hälfte der Befragten ist mit der Solidarität der Mitgliedsstaaten im Umgang mit Corona unzufrieden (57 Prozent).

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Der Meinung, die EU solle über mehr Kompetenzen zur Bewältigung der Pandemie verfügen, stimmen dem Bericht zufolge zwei Drittel der Europäer (66 Prozent) zu. Die Mehrheit der Befragten (54 Prozent) findet auch, dass die EU dafür ein größeres Budget haben sollte.

Die größte Priorität bei den künftigen Ausgaben der EU sehen die Befragten dabei in der öffentlichen Gesundheit (54 Prozent). Auch finanzielle Mittel für die wirtschaftliche Erholung und den Klimaschutz sind den EU-Bürgern besonders wichtig, ergab die Umfrage. Für die Deutschen ist die Investition in den Klimaschutz gar die höchste Priorität (45 Prozent), knapp vor Gesundheit (44 Prozent) und Wirtschaft (34 Prozent).

Für die EU-Bürger sei es allerdings „von größter Bedeutung, dass Geldmittel nur an Mitgliedsstaaten mit einem funktionierenden Rechtssystem gehen“, so der Bericht des Parlaments. 77 Prozent der Befragten fordern demnach, dass finanzielle Mittel nur dann an einen Mitgliedsstaat ausgezahlt werden sollten, wenn dieser die Rechtsstaatlichkeit und die demokratischen Werte der EU respektiere.

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Eine negative Entwicklung zeichnet sich der Umfrage nach bei der emotionalen Lage der Europäer ab. Mit Blick auf ihre Zukunft empfindet die Hälfte aller Befragten an erster Stelle Unsicherheit (50 Prozent). Nur bei gut einem Drittel der Europäer überwiegt Hoffnung die emotionale Gemütslage (37 Prozent).

Auch die Gefühle von Frustration, Hilflosigkeit, Angst und Wut haben seit der letzten Umfrage zugenommen. Die Zuversicht der Europäer liegt dagegen noch tiefer als während der ersten Welle der Corona-Pandemie.

Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Folgen der Krise inzwischen für viele Europäer deutlicher spürbar. 39 Prozent der Befragten teilten mit, ihr Gehalt habe unter der Corona-Pandemie gelitten und weitere 27 Prozent befürchten einen künftigen Einkommensverlust. In Deutschland teilen etwas weniger Bürger diese Befürchtung: Hier verzeichneten 31 Prozent einen Einkommensverlust, 21 Prozent erwarten finanzielle Einbußen für die Zukunft.

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