U-Bahn-Projekt in Sofia zeigt Vorteile und Probleme mit EU-Geldern

Bulgariens Premierminister Bojko Borissow bei der Eröffnung einer neuen Metro-Station, die den Namen "Europäische Union" trägt, im Jahr 2011. [Nikolay Nikolov/ Dnevnik]

In 14 Jahren hat das Metro-Projekt in Sofia fast eine Milliarde Euro aus EU-Mitteln verschlungen. In weniger als zwei Jahren soll alles fertiggestellt sein und die U-Bahn dann täglich rund 1,2 Millionen Menschen bewegen. EURACTIVs bulgarischer Medienpartner Dnevnik berichtet.

Das U-Bahn-Projekt zeigt die Vorteile der EU-Mitgliedschaft auf, aber auch Mängel in der Art und Weise, wie die bulgarischen Behörden mit EU-Mitteln arbeiten. Das ist gerade an einem Zeitpunkt wichtig, an dem die Verhandlungen über den kommenden mehrjährigen Finanzrahmen der EU beginnen – und der Haushaltsvorschlag der Kommission auf eine Kürzung der Ausgaben für Regionalentwicklung abzielt.

Die Planung für die Sofioter Metro begann bereits in den 1960er Jahren unter kommunistischer Herrschaft. Mitte der Siebziger Jahre wurde das erste Projekt entwickelt und später in das heutige Schema mit drei Metrolinien übernommen.

1998, drei Jahre nach dem Antrag Bulgariens auf EU-Mitgliedschaft, wurde die erste, 6,5 km lange Strecke eröffnet. Elf Jahre später erstreckte sich die erste Linie über einen Großteil der Stadt.

Seit Bulgarien 2007 der EU beigetreten ist, hat sich das Tempo rasch beschleunigt: Im Juli desselben Jahres wurde eine Ausschreibung für die zweite Linie mit 11 Stationen gestartet, ein Jahr später konnte mit dem Bau begonnen werden. Seit August 2012 ist die zweite Linie in Betrieb.

Die dritte Linie mit 16 Stationen befindet sich derzeit im Bau und soll bis 2020 fertig sein. Im Gegensatz zu der ersten Linie, die seit 1990 Züge aus der ehemaligen UdSSR nutzt, wird die dritte Linie mit Zügen von Siemens ausgestattet sein, die auch autonom fahren können.

Zuschüsse und Mittel kamen aus dem EU-Kohäsionsfonds, dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, dem Arbeitsprogramm „Umwelt“ sowie dem Programm für Verkehr und Verkehrsinfrastruktur. Die Darlehen wurden von der Europäischen Investitionsbank bereitgestellt.

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Positive Effekte der Metro sind in der Innenstadt von Sofia deutlich sichtbar: Mehr als 300.000 Menschen fahren täglich mit der U-Bahn. Das bedeutet weniger Verkehr auf den Straßen und Emissionseinsparungen von rund 75.000 Tonnen, teilt die Stadtverwaltung Sofias mit.

Iwan Velkow, stellvertretender Sprecher des Gemeinderats von Sofia, sagt: „Die bestehenden und zukünftigen U-Bahn-Stationen sind zu einem großen Faktor bei der Wahl eines Hauses oder einer Wohnung geworden. Ganze Viertel und Gebiete sind plötzlich sehr viel attraktiver geworden.“

Auch von Dnevnik befragte Pendler freuen sich, dass sie sich jetzt viel schneller in der Stadt bewegen können und nicht mehr mit dem eigenen Auto ins Stadtzentrum fahren müssen.
Sie beschweren sich allerdings auch darüber, dass es zwar mehr als 20 Metrostationen gibt, aber nur zwei angrenzende öffentliche Parkplätze – in einer Stadt, in der jeden Monat nach wie vor etwa 15.000 neue Autos zugelassen werden.

Eine Bürgerin aus Sofia moniert, dass sie ein Drittel ihrer Fahrzeit zur Arbeit in der U-Bahn verbringt, aber die anderen zwei Drittel mit dem Bus zur Metro-Station fahren bzw. auf den Bus warten muss. Ihre Pendler-Strecke betrage nur zehn Kilometer. Mit dem mit dem Auto sei dies außerhalb der täglichen Stoßzeiten in 15 bis 20 Minuten zu schaffen. Mit der U-Bahn und den anderen öffentlichen Verkehrsmitteln brauche sie jedoch ganze 45 Minuten.

Das zeige, dass das U-Bahn-Projekt trotz aller EU-Mittel, die dafür ausgegeben werden, keine intelligente Verkehrs-Alternative für die Bevölkerung der Stadt bietet, so die Frau.

Georgi Stefanow, ein Experte des World Wildlife Fund Bulgarien, glaubt ebenfalls: „Der schnelle Bau der U-Bahn in Sofia in den letzten Jahren kann durchaus als ein gutes Beispiel für die Verwendung der EU-Mittel in Bulgarien und die Vorteile unseres Beitritts im Allgemeinen genannt werden.“ Dieses „riesige, langjährige und kostspielige Projekt“ habe zweifellos Vorteile in den Bereichen Umwelt, Verkehr, Soziales und Mobilität gebracht.

„Gleichzeitig gibt es aber auch Anlass zur Sorge: Es ist, als hätten wir das Wesentliche und Wichtigste vergessen, nämlich dass europäische öffentliche Mittel dazu verwendet werden sollten, andere Investitionen anzuziehen, die das Investitionsklima diversifizieren, die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern und die Natur schützen,“ fügt er allerdings hinzu.

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Der Aktivist zeigt sich besorgt: „Nach 10 Jahren EU-Mitgliedschaft werden diese Mittel in Bulgarien nicht gleichmäßig verteilt und sie haben definitiv nicht zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage aller Regionen, insbesondere der bedürftigsten, geführt. In der Tat haben wir genau das Gegenteil erlebt.“

So hätten einige vormals EU-geförderte Projekte unter dem U-Bahn-Bau in Sofia gelitten, da für sie weniger oder keine Mittel mehr zur Verfügung standen.

Stefanow weist darauf hin, dass Hunderte von Millionen Euro für die Modernisierung des Schienenverkehrs im ganzen Land und die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen in allen Regionen geplant waren. Stattdessen seien sie in den U-Bahn-Bau in Sofia geflossen.

„Die Hauptstadt scheint näher an Europa zu sein als die rückständigeren Teile Bulgariens,“ kritisiert er. Darüber hinaus habe Bulgarien sich anscheinend an die Vorstellung gewöhnt, dass EU-Mittel „die einzige Chance für die Entwicklung unseres Landes“ sind, meint Stefanow.

Doch Iwan Velkow widerspricht: „Europäische Fonds mit europäischen Kriterien und Regeln führen zu europäischen Gewohnheiten und Beziehungen – auch wenn es Probleme mit unterschiedlichen Abruf-Geschwindigkeiten gibt.“

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