Terrorismus: Messenger-App Telegram sperrt Propaganda-Accounts des IS

Attraktiv für die Terroristen des IS: Messenger-App Telegram wirbt damit, dass die verschickten Botschaften verschlüsselt vom Absender zum Empfänger gelangen und sich auf Wunsch von selbst zerstören. [Eduardo Woo/Flickr]

Beim Islamischer Staat (IS) ist die schwer zu überwachende Messenger-App Telegram hoch im Kurs. Nun zieht das in Berlin ansässige Unternehmen Konsequenzen und sperrt mehrere Dutzend Propaganda-Kanäle der Dschihadistenmiliz.

Der Berliner Kommunikationsdienst Telegram hat 78 Propaganda-Kanäle der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gesperrt. Das Unternehmen habe besorgt zur Kenntnis genommen, dass der IS öffentliche Konten für seine Propaganda nutze, teilte Telegram mit. In dieser Woche seien deshalb nach Hinweisen anderer Nutzer 78 Kanäle in zwölf Sprachen gesperrt worden, die mit der Dschihadistenmiliz in Verbindung stünden. Die individuelle Kommunikation möglicher IS-Anhänger ist von diesem Schritt nicht betroffen.

Die kostenlose Messenger-App wirbt damit, dass die verschickten Botschaften verschlüsselt vom Absender zum Empfänger gelangen und sich auf Wunsch von selbst zerstören. Seit kurzem gibt es zudem Kanäle, über die sich – ähnlich wie bei Twitter – Botschaften an ein großes Publikum schicken lassen. Telegram wird vorgeworfen, für Dschihadisten aufgrund seiner Kommunikationsmöglichkeiten attraktiv zu sein. Demnach nutzt der IS nach Informationen des US-Sicherheitsexperten Alex Kassirer seit einigen Monaten die stark verschlüsselten, internetbasierten Messenger-Dienste von Telegram, um Anhänger zu rekrutieren und zu kommunizieren.

Telegram gibt es seit 2013. Der Messenger-Dienst wurde von den russischen Brüdern Pawel und Nikolai Durow in den USA entwickelt und hat seinen Sitz in Berlin. Pawel Durow hatte in Russland 2006 das soziale Netzwerk Vkontakte ins Leben gerufen, dessen Nutzerzahlen schnell die von Facebook überstiegen. Wegen eines Streits mit den Behörden verließ er Russland 2014.

Nach den Anschlägen von Paris, bei denen am Freitag vergangener Woche 129 Menschen getötet worden waren, wies Durow der französischen Regierung in einem Facebook-Eintrag eine Mitschuld an den Ereignissen zu. Die Regierung sei genauso verantwortlich wie der IS, da auch „ihre Politik und Fahrlässigkeit“ zu der Tragödie geführt hätten. Die französische Regierung gebe die „unerhört hohen Steuern“ der Bevölkerung für „nutzlose Kriege“ in Nahost und dafür aus, ein „schmarotzerhaftes soziales Paradies für Einwanderer aus Nordafrika“ zu schaffen.

Anonymous will gegen den IS kämpfen

Doch Telegram ist nicht der einzige Schauplatz im Cyberkrieg gegen den IS. Die Miliz soll Geldgeschäfte über die Internet-Währung Bitcoin abwickeln, die ebenfalls nicht unter strenger Beobachtung staatlicher Stellen steht. Hier will das Hacker-Netzwerk Anonymus nun aktiv werden und Konten sowie Transaktionen von IS-Kämpfern veröffentlichen oder sabotieren.

Gerade wegen der Probleme der Geheimdienste haben inzwischen mehrere Gruppen den Kampf gegen IS im Netz aufgenommen. Anonymus erklärte am Dienstag, Tausende Twitter-Konten von IS-Anhängern lahmgelegt zu haben. Auch andere Gruppen sind aktiv. „Wir spielen eine Rolle wie Geheimdienste“, sagte etwa der Chef der Ghost Security Group, der namentlich nicht genannt werden will. Dahinter steckt eine Freiwilligen-Organisation, die mit sogenannten „Dark Web“-Operationen Daten des IS sammelt und diese etwa der US-Polizeibehörde FBI und anderen Diensten zuspielt.

Vermischung zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Gruppen

Dies zeigt die zunehmende Vermischung zwischen staatlichen Diensten und anderen Gruppen, die auch bei Cyberattacken üblich sind. Immer wieder haben westliche Regierungen etwa Russland und China vorgeworfen, dass sie Hacker aus dem Bereich der organisierten Kriminalität anheuern, um Cyber-Angriffe im staatlichen Auftrag auf Ziele im Westen zu starten. Dies soll nach westlichen Geheimdiensterkenntnissen die Urheberschaft von Angriffen zusätzlich verschleiern. Nun aber kämpfen nicht-staatliche islamistische „Cyber-Krieger“, die wiederholt Webseiten französischer Medien attackiert haben, mit anderen nicht-staatlichen Gruppen im Westen.

Die Auseinandersetzung im Netz könnte dabei noch intensiver werden. Denn auch der schiitische Iran rüstet auf. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen werden immer häufiger Cyber-Angriffe aus Teheran registriert – möglicherweise bald auch gegen die vor allem aus Sunniten bestehende IS-Miliz und ihre Anhänger.