Tausende Flüchtlinge durchqueren Mazedonien und Serbien

EU will Afrika mit Anreizen und Druck zur Flüchtlingsrücknahme bewegen. Foto: dpa

Nach der Wiederöffnung der mazedonisch-serbischen Grenze nimmt die Zahl der durchreisenden Flüchtlinge auf dem Balkan zu. Die CSU will notfalls Kontrollen an den Grenzen wiedereinführen.

Die Zahl der Flüchtlinge im Balkan nimmt nach der Wiedereröffnung der griechisch-mazedonischen Grenze dramatisch zu. Allein in der Nacht zu Sonntag seien mehr als 7.000 Migranten von Mazedonien nach Serbien gelangt, teilte das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR in Genf mit. Hunderte Menschen warteten noch an der Grenze, mit weiterem Andrang sei zu rechnen.

Angesichts des massiven Andrangs und der eskalierenden Situation öffnete Mazedonien am Samstagabend seine seit drei Tagen geschlossene Grenze und ließ die davor ausharrenden Flüchtlinge durch.

Die mazedonischen Grenzbeamten hatten am Samstagabend die seit Donnerstag geschlossene Grenze wieder geöffnet, nachdem zuvor in dramatischen Szenen hunderte Flüchtlinge trotz des Einsatzes von Schlagstöcken und Blendgranaten die Grenzabsperrungen durchbrochen hatten. Ein mazedonischer Innenministeriumssprecher sagte, die Polizei wolle keine Gewalt gegen die Flüchtlinge anwenden, werde die Grenze aber weiter kontrollieren.

Den „Kapazitäten entsprechend“ würden in den kommenden Tagen weitere Flüchtlinge ins Land gelassen, erklärte der Ministeriumssprecher. Zunächst müssten aber die Migranten den Bahnhof von Gevgelija in Richtung Serbien verlassen, sonst drohe eine „humanitäre Krise“ in der Grenzstadt.

Am Sonntag überquerten rund 500 weitere Flüchtlinge die Grenze nach Gevgelija, während in dem Niemandsland an der Grenze noch 400 Menschen auf die Erlaubnis zur Einreise nach Mazedonien warteten. Die Grenze bei Gevgelija war drei Tagen lang abgeriegelt gewesen.

Der Andrang an der Grenze hatte sich verstärkt, nachdem Griechenland in der vergangenen Woche hunderte Flüchtlinge von den Ägäis-Inseln nahe der türkischen Küste in die Hafenstadt Thessaloniki gebracht und in Busse Richtung der Grenze zu Mazedonien gesetzt hatte. Von Mazedonien versuchen die Flüchtlinge durch Serbien und das EU-Mitglied Ungarn weiter nach Mittel- und Nordeuropa zu gelangen, wo sie sich bessere Lebenschancen ausrechnen.

„Ich will nach Deutschland zum Arbeiten. Ich will in Sicherheit wie ein Mensch leben. Deshalb habe ich entschieden, nach Europa zu kommen“, sagte der Iraker Rostom Mohammed, der mit seiner Frau und ihren drei Kindern an der mazedonischen Grenze wartete. Sie hätten für 4.000 Euro mit einem Boot von der Türkei nach Griechenland übergesetzt, sagte Mohammed. Auf der Fahrt seien drei Menschen gestorben.

Allein am Sonntag trafen mehr als 6.000 Flüchtlinge von Mazedonien kommend im Süden Serbiens ein, wo sie in dem Dorf Miratovci in Empfang genommen wurden. Das UN-Flüchtlingshilfswerk errichtete acht große Zelte, um die erschöpften Ankömmlinge medizinisch zu versorgen und ihnen Schutz vor dem kalten Wetter zu bieten. „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet, um sie zu empfangen. Der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab“, sagte ein Rot-Kreuz-Vertreter.

Von Miratovci wurden die Flüchtlinge in die nahegelegene Stadt Presevo gefahren, wo sie Dokumente für die Weiterreise in den Norden Serbiens erhalten, von wo aus sie in das EU-Mitglied Ungarn gelangen können. Ungarn errichtet derzeit allerdings einen vier Meter hohen Zaun entlang der 175 Kilometer langen Grenze zu Serbien, um die Flüchtlinge zu stoppen.

Fabius: Lage in Mazedonien „oben auf der Agenda“

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius hat die Lage der Flüchtlinge in Mazedonien als drängendes Problem bezeichnet. „Das ist eine sehr schwierige Situation“, sagte Fabius am Sonntag bei einem Besuch bei seinem tschechischen Kollegen Lubomir Zaoralek in Prag. „Das steht oben auf der Agenda.“

Auch Zaoralek mahnte gemeinsame Anstrengungen der EU-Mitglieder zur Beilegung der Krise an. „Das ist genau die Art von Problem, die man als gemeinsames Problem verstehen muss“, sagte der tschechische Außenminister.

Herrmannn: Rückkehr zu Grenzkontrollen in EU könnte nötig werden

Im Streit um eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen in Europa schließt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Wiedereinführung von Grenzkontrollen innerhalb der EU nicht aus, um die Zahl der einreisenden Flüchtlinge zu senken. „Wer jetzt nicht handelt, setzt die Reisefreiheit in Europa aufs Spiel und hat es mit zu verantworten, wenn Deutschland sich gezwungen sähe, Grenzkontrollen wieder einzuführen“, sagte Herrmann den Zeitungen der Funke Mediengruppe am Montag.

Herrmann führte aus, Ziel sei es zwar, Freizügigkeit und Reisefreiheit in Europa zu erhalten. Dies sei aber nur möglich, wenn sich alle Mitgliedstaaten an die gemeinsamen Regeln hielten. „Wenn abertausende Menschen mit dem Hauptziel Deutschland völlig unkontrolliert und ungesteuert über die griechische oder die italienische Grenze nach Europa strömen, funktioniert das System nicht mehr und verliert seine Akzeptanz“, warnte der CSU-Politiker.

Die EU müsse dafür sorgen, dass in Italien und Griechenland Aufnahmezentren eingerichtet würden, von wo aus die Flüchtlinge entweder in ihre Heimat zurückgeschickt „oder nach einem gerechten Schlüssel ähnlich wie unter den Bundesländern in Deutschland verteilt“ würden. So wie jetzt könne es nicht weitergehen, kritisierte Herrmann.

Die Europäische Union erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm historischen Ausmaßes. Seit Jahresanfang sind mehr als 100.000 Migranten aus Afrika, dem Nahen Osten und Südasien allein an italienischen Küsten angekommen. Deutschland stellt sich auf bis zu 800.000 Asylbewerber in diesem Jahr ein.

Auf EU-Ebene gestaltet sich die Koordination bislang schwierig, seit Monaten gibt es keinen Konsens über die Verteilung der Flüchtlinge. Pläne der EU-Kommission, verpflichtende Quoten für die Verteilung einzuführen, scheiterten bislang am Widerstand Großbritanniens und einer Reihe osteuropäischer Staaten. Derzeit erfolgt die Aufnahme der Flüchtlinge auf der Basis freiwilliger Zusagen.