Studie: Arbeitsbedingungen von Piloten gefährden Flugsicherheit

Die Billigfluglinien bieten die schlechtesten Arbeitsverträge an. Foto: [Chris/ Flickr]

Fluggesellschaften nutzen zunehmend Null-Stunden-Verträge, „pay-to-fly schemes“ und Arbeitsagenturen außerhalb der EU zur Anstellung von Piloten – und sparen so Kosten. Doch diese Methoden gefährden einer Studie zufolge die Sicherheit der Fluggäste und die Sozialstandards. EURACTIV Brüssel berichtet.

Die Universität von Gent hat eine Studie zu den Vertragsbedingungen von Piloten veröffentlicht. Die Kommission finanzierte den Bericht. Demnach nutzen die Fluglinien „kreative Anstellungsverfahren“. Für die Studie wurden 6.000 Piloten befragt. Davon sind 4.200 (70 Prozent) selbstständig und arbeiten für eine Billigfluglinie.

Die übrigen 30 Prozent wurden durch Agenturen angestellt oder arbeiteten auf Basis eines Null-Stunden-Vertrages. Er verpflichtet den Arbeitgeber nicht dazu, Arbeit anzubieten. Der Arbeitnehmer kann alle angebotenen Arbeitsstunden ablehnen. Auf der einen Seite bringt das den Arbeitern Flexibilität. Auf der anderen Seite behaupten Gewerkschaften, dass Arbeiter mit Null-Stunden-Verträge schlechter bezahlt werden. Außerdem sollen sie Gefahr laufen, ausgebeutet zu werden.

Es ist auch gängige Praxis, Piloten über Arbeitsagenturen außerhalb der EU anzustellen. Das hängt mit den niedrigeren Steuern und geringeren Kosten für die Sozialversicherung zusammen.

Junge Piloten haben die schlechtesten Arbeitsbedingungen. Piloten, die jünger als 30 Jahre sind, arbeiten tendenziell für Billigfluglinien wie Ryanair und Easyjet. Erfahrenere Piloten arbeiten eher für Netzwerk-Fluggesellschaften wie Air France. Null-Stunden-Verträge sind vor allem unter jungen Piloten verbreitet. Sie bezahlen sogar, um auf die für einen Berufseinstieg nötigen Flugstunden zu bekommen (pay-to-fly schemes). Die Billigfluglinien bieten dem Bericht zufolge die schlechtesten Beschäftigungsverträge.

Naturgemäß sind es auch die weniger erfahrenen Piloten, die sich für die „pay-to-fly-schemes“ anmelden, um Arbeitserfahrung zu sammeln. Nach Meinung der Autoren der Studie sollte diese Praxis weltweit verboten werden.

Durch die schlechten Arbeitsverträge wechseln die Piloten häufig ihre Arbeitsplätze. Beinahe die Hälfte der Befragten gab an, den Arbeitgeber seit Karrierebeginn mehr als sieben Mal gewechselt zu haben. Die Hauptgründe dafür waren laut Bericht besserer Sozialschutz und bessere Arbeitsbedingungen.

„Die Studie zeigt, dass die Piloten sich über ihre Arbeitsbedingungen sorgen und wo sie ihre Steuern und Sozialabgaben zahlen“, sagt Emmanuel Jahan, Vorsitzender von European Sectoral Social Dialogue for Civil Aviation, einem europäischen Gremium für die Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Bereich Luftfahrt.

Die schlechten Verträge sollten im Bereich „der Flugsicherheit, des fairen Wettbewerbs und der Arbeitnehmerrechte“ Handlungsdruck erzeugen, so der Bericht.

Kontroverse um Norwegian Air International (NAI)

NAI ist eine der Fluglinien, die bereits in der Vergangenheit in das Kreuzfeuer der Kritik gerieten. Denn NAI soll versucht haben, Steuern und Sozialabgaben in dem Land zu umgehen, in dem ihre Piloten gemeldet waren.

Das Unternehmen bewarb sich um eine irische Betriebslizenz, obwohl es keine Flüge aus dem Land anbot. Die Fluglinie wollte Flüge aus dem Vereinigten Königreich in die USA anbieten – mit Flugpersonal, das in Singapur durch eine Agentur angestellt wurde.

Jahan forderte die Verkehrskommissarin Violeta Bulc in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ausschusses für den Sektoralen Sozialen Dialog in einem Brief im vergangenen November zu einer Untersuchung auf und Maßnahmen zu ergreifen.

Durch solche Geschäftsmodelle riskiere man eine soziale Abwärtsspirale und Tausende qualifizierte, europäische Arbeitsplätze, schrieb Jahan.

Air France, KLM und Lufthansa gehören zu den neun Unternehmen, die den Brief unterzeichneten.

In der vergangenen Woche antwortete Bulc auf den Jahan-Brief. Darin forderte sie Beweise dafür, dass NAI die sozialen Standards der EU unterbiete.

„Norwegische Investoren haben das Recht, unter dem Abkommen zum EEA [Europäischer Wirtschaftsraum] eine Fluglinie in der Europäischen Union – in diesem Fall Irland – zu gründen und nach EU-Verkehrsrecht zu fliegen“, schrieb Bulc.

Die Durchsetzung und die Überwachung der Anwendung der Arbeitsgesetze sei Kompetenz der Mitgliedsstaaten, so Bulc.

Dennoch wird der Bericht den Druck auf die Kommission erhöhen, sich des Themas anzunehmen. Jahan sagte, er hoffe, dass Bulc den Empfehlungen der Studie folgt.

Empfehlungen

Nach Angaben der Forscher wird kaum etwas zur Bekämpfung der Scheinselbstständigkeit unternommen.

„Sogar mit einer starken nationalen Gesetzgebung wird eine wirksame Bekämpfung der Scheinselbstständigkeit sehr stark von der Zusammenarbeit der scheinselbstständigen Person abhängen“, so der Bericht.

Aber in den meisten Fällen wollen die Arbeitnehmer ihren Fall nicht vor Gericht bringen. Denn sie fürchten, dass sie ihren Job verlieren – oder sehen ihre Chancen auf eine bessere Beschäftigung in der Zukunft schwinden.

Die Forscher schlagen eine Verbesserung der EU-Regulierung für die Koordination der Sozialversicherungssysteme vor. So sollen die Zusammenarbeit und der Informationsaustausch zwischen den Kontrollbehörden angekurbelt werden. Europäische Sozialversicherungsregeln für sehr mobile Arbeitnehmer könnten bei der Verringerung der Scheinbeschäftigung ebenfalls helfen.

„Die Recherche zeigt, dass es weder eine weltweite noch eine europäische Aufsicht für die gesamten Flugstunden eines Piloten gibt“, so der Bericht. Ein weltweites System zur Zählung der Flugstunden jedes Piloten würde sicherstellen, dass die Piloten nicht überarbeitet sind.

 

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