Städtepartnerschaften: „Die größte Friedensbewegung der Welt“

Derzeit bestehen über 2000 deutsch-französische Städtepartnerschaften. [shutterstock]

Europa ist in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengewachsen. Während die wirtschaftliche Integration von der Kohle- und Stahlgemeinschaft bis zur Währungsunion stets ein Top-Down-Prozess war, der vor allem die Märkte zusammenbringt, haben Ansätze eines „Europas von unten“ einen fruchtbaren kulturellen Austausch ermöglicht und die Menschen zusammengebracht. Von Anfang an zentral: Die heute altbacken daherkommende Städtepartnerschaft.

Die deutsche Sektion des Rats der Gemeinden Europas (RGRE) spricht heute von über 5.200 deutsch-internationalen Städtepartnerschaften. Mehr als 2.000 davon bestehen mit französischen Partnerstädten. Die allerersten Nachkriegs-Partnerschaften entstanden allerdings schon in den späten 1940er Jahren mit Partnern aus Großbritannien. Damals hatten die Briten deutsche Kommunalvertreter eingeladen, um ihnen Einblick in ihre Kommunalverwaltungssysteme zu gewähren. Entstanden sind beispielsweise bis heute währende Partnerschaften zwischen Hannover und Bristol oder zwischen Bonn und Oxford.

Kurze Zeit später war es eine Initiative von Schweizer Intellektuellen, die mit der Gründung einer Bürgermeisterunion für deutsch-französische Verständigung einen wichtigen Impuls gab. Deutsch-französische Städtepartnerschaften schossen wie Pilze auf dem Boden. Da das deutsch-französische Verhältnis nicht „nur“ durch den Zweiten Weltkrieg arg belastet war, sondern durch eine „Erbfeindschaft“, deren Anfänge im 16. Jahrhundert liegen, war der deutsch-französische Annäherungsprozess von ganz besonderer Bedeutung.

Politische Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern gab es auch in der Nachkriegszeit immer wieder. Dass die Bevölkerungen wieder gegeneinander aufgestachelt werden können, scheint heute jedoch fast undenkbar. Dazu hat die kulturelle Annäherung durch echte Begegnung viel beigetragen. Die Städtepartnerschaften gelten hierbei als Leuchtturm.

Ein neuer Élysée-Vertrag?

Am Montag jährt sich die Unterzeichnung des Élysée-Vertrages zum 55sten Mal. Auch heute geht es um eine Initialzündung für mehr Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich.

Deutschland und Frankreich sind übrigens Europas Städtepartnerschaften-Meister. Beide haben jeweils über 6.000 innereuopäische Städtepartnerschaften. Auf den Plätzen drei und vier folgen Polen (3.500) und Italien (2.750).

Studie zu deutsch-französischen Städtepartnerschaften

Anlässlich des 55sten Jahrestages der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages hat die Bertelsmann-Stiftung vergangene Woche eine Studie zu deutsch-französischen Städtepartnerschaften veröffentlicht. Die Untersuchung bestätigt, dass diese Art der direkten Völkerverständigung, der europäischen Integration von unten, gegen Wirtschaftskrisen und Euroskepsis relativ resistent sind. Zwei Drittel der an der Studie beteiligten Gemeindevertreter gaben an, dass die Partnerschaften in den letzten Jahren stabil sind oder gar an Intensität gewonnen haben.

Fast drei Viertel der Befragten gaben zudem an, dass die Partnerschaften in ihren Verwaltungen einen hohen Stellenwert hat. Die wichtigsten Aktionsformen, die die Partnerschaften mit Leben füllen sind der Studie zufolge Reisen zu Festen oder Veranstaltungen, Schüleraustauschprogramme und Musik- oder Sportveranstaltungen.

Durch das vielfältige Angebot erreichen Städtepartnerschaften breite Bevölkerungsgruppen. Nur jeder Zehnte gab an, dass vornehmlich Bürger mit hohem Bildungsabschluss an den Programmen teilnehmen. Dem stehen 70 Prozent gegenüber, die sagen, dass breite Bevölkerungsschichten angesprochen werden. „Viele Teilnehmer finden den Zugang zu einer Städtepartnerschaft eher über ihr Hobby oder Neugier auf andere Menschen, als durch ihr übergeordnetes Interesse an Europa“, sagte die Studienleiterin Céline Diebold.

Auslaufmodell Städtepartnerschaft?

So weit so gut. Ein Blick in die Zukunft dämpft jedoch den Optimismus. Im Zeitalter der fortschreitenden Globalisierung, der immer höheren Arbeitsmobilität und der Billigflieger ist die Reise ins europäische Ausland nichts Besonderes mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Besuch der Partnerschaft für viele Bürgermeister der erste Auslandsaufenthalt überhaupt. Heute war so gut wie jeder schon mehrmals im Ausland. Im europäischen ohnehin. Den Charakter des Besonderen haben eher Reisen in ferne Kulturen – nach Indien oder Japan. Für erlebnishungrige Jugendliche mag die deutsch-französische Städtepartnerschaft daher recht altbacken daherkommen.

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Das Nachwuchsproblem kommt auch in der Bertelsmann-Studie zum Ausdruck. Die Generation der über 60-jährigen stellt mit 40 Prozent die größte Teilnehmergruppe. Nur knapp jeder Vierte Teilnehmer ist jünger als 30. Das war mal umgekehrt. „Die Umfragewerte zeichnen insgesamt ein ermutigendes Bild, aber wir müssen auf allen Ebenen dafür sorgen, dass dieses Engagement nicht einschläft“, resümiert die Projektleiterin.

Sind die Städtepartnerschaften also ein Auslaufmodell? Haben sie – einst gefeiert als „größte Friedensbewegung der Welt“ – ihren Beitrag zur europäischen Völkerverständigung geleistet und befinden sich nun im Spätherbst ihres Daseins? Kann sein, muss aber nicht.

Innereuropäische Initiativen haben es in der Tat zunehmend schwerer. Sie brauchen dringend innovative Ideen, um auch unter den heutigen Bedingungen für die Jugend attraktiv zu bleiben. Interkontinentale Partnerschaften, wie jene des Berliner Bezirks Treptow-Köpenick mit Cajamarca in Peru oder jene zwischen Aachen und Kapstadt haben es da schon einfacher. So weit ist die Globalisierung noch nicht, dass die kulturelle Begegnung mit Peru oder Südafrika den Charme des besonderen Ereignisses schon verloren hätte.

Und denkbare Gründe für eine Partnerschaft gibt es ja viele. So ist die deutsche Stadt Bocholt mit der belgischen Stadt Bocholt befreundet, einfach nur wegen der Namensgleichheit. Und die französische Gemeinde Y ist mit dem walisischen Dorf Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch befreundet – einfach nur, weil es sich um die Orte mit dem kürzesten und dem längsten Namen in der EU handelt. Manchmal geben auch persönliche Beziehungen, geografische Ähnlichkeiten oder historische Parallelen den Ausschlag. Gründe gibt es genug. Was es braucht, sind engagierte Bürger.