Schlechte Arbeitsbedingungen für Europas Praktikanten

Werden die Politiker wie Martin Schulz (links) ihren Worten Taten folgen lassen? Foto: European Youth Forum (CC BY-NC-SA 2.0)

Praktika, die Arbeitsplätze ersetzen, sind ein wachsendes Problem in Europa. Am Freitag demonstrierten zivilgesellschaftliche Organisationen beim ersten Europäischen Praktikantentag in Brüssel. Ihnen zufolge sind 60 Prozent aller Praktika in Europa unbezahlt. EURACTIV Brüssel berichtet.

Geschätzte 4,5 Millionen junge Europäer absolvieren ein Praktikum. Eine Eurobarometer-Umfrage vom letzten Jahr spricht eine deutliche Sprache. 59 Prozent aller befragten Praktikanten bekamen demnach kein Geld für ihre Arbeit. Und mehr als die Hälfte aller bezahlten Praktikanten konnten ihren Lebensunterhalt durch ihre Arbeit nicht bestreiten. 40 Prozent der Befragten arbeiteten auch ohne schriftlichen Vertrag, mit dem ihre sozialen Rechte gewahrt wären.

Am letzten Freitag veranstalteten Jugendorganisationen eine Demonstration zum Europäischen Praktikantentag. Ungefähr 200 Menschen trafen sich im Zentrum des Brüsseler EU-Viertels, um diese Praktiken anzuprangern. „Schlechte Praktika sind in Europa zu einem wachsenden Problem geworden“, sagte der Generalsekretär des Europäischen Jugendforums, Allan Päll. „Es ist wirklich ein europäisches Problem. Viele Praktika sind nicht mehr auf das Lernen ausgerichtet. Wir stellen fest, dass mehr und mehr Praktika angeboten werden, die richtige Arbeitsstellen ersetzen. Und die Leute müssen erst mehrere davon absolvieren, damit sie einen richtigen Job bekommen. Teilweise auch, weil die Konzerne das ausnutzen. Und die öffentlichen Institutionen ebenfalls.“

Einer der Organisatoren der Veranstaltung war InternsGoPro. Diese Organisation kümmert sich um die Belange der Praktikanten in Europa. Sie entwickelten eine Webseite, bei der sich Organisationen für ein „Qualitätspraktikum“-Siegel bewerben können. Das Siegel wird von Praktikanten überprüft, die bereits bei einer bestimmten Organisation arbeiteten und ihr eigenes Praktikum bewerten können. 

Gute Praktika sollten demnach unter anderem nicht als Ersatz für einen Arbeitsplatz dienen. Sie sollten außerdem von einem persönlichen Mentor begleitet werden, damit sie das Siegel bekommen. Wenn sie nach Beendigung des Studiums absolviert werden, sollte „ihre Bezahlung nicht unter der EU-Armutsgrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens oder dem nationalen Mindestlohn liegen.“

Kein Qualitätssiegel für Praktika bei Europaabgeordneten

Die EU-Kommissarin für Bildung und Jugend, Androulla Vassiliou, sagte gegenüber EURACTIV beim Praktikantentag im Europaparlament in Brüssel: „Ich bin völlig dagegen, dass Arbeitgeber ihre Arbeitsplätze durch die Einstellung von Praktikanten ersetzen. Der Rat hat bereits Empfehlungen angenommen, die sicherstellen sollen, dass die [Regeln] von den Arbeitgebern in den entsprechenden Ländern eingehalten werden. Das bedeutet, der Praktikant muss bezahlt werden, er muss wissen, wie sein Job aussehen wird […] und wer im Konzern für ihr Mentoring verantwortlich sein wird.“

Im letzten April unterstützten die Mitgliedsstaaten die Initiative der Kommission zur Bewahrung der Praktikanten vor Ausbeutung. Aber in den Empfehlungen war von Vorschlägen, die Arbeitgeber zur Bezahlung der Praktikanten zwingen, nichts zu sehen. Auch sozialer Schutz wurde nicht erwähnt. Zivilgesellschaftliche Organisationen nannten das eine „verpasste Chance“.  

„Im Europaparlament würde nicht jedes angebotene Praktikum unser Qualitätssiegel bekommen“, sagte Régis Pradal, Mitbegründer von InternsGoPro gegenüber EURACTIV. „Einige Europaabgeordnete bieten unbezahlte Praktika an.“ Das Europaparlament selbst würde den Kriterien eines qualitativ hochwertigen Praktikums entsprechen. 

Vassiliou sagte, die Kommission würde bei dem Thema mit gutem Beispiel vorangehen. „Ich weiß nicht, was in den anderen Institutionen geschieht, aber ich hoffe, sie machen es genauso.“

Päll sagte: „Auch die EU-Institutionen müssen ihre Praktiken verändern. Hier in Brüssel ist merklich spürbar, wie junge Menschen drei oder vier Praktika absolvieren, nur um sich später für einen Job zu bewerben. Es ist auch ein Problem, dass junge Leute willens sind, diese Praktika zu machen.“

Das Problem unbezahlter Praktika wurde im April 2014 während des Europawahlkampfs vom sozialdemokratischen Spitzenkandidaten für den Posten des Kommissionspräsidenten, Martin Schulz, aufgegriffen: "Unbezahlte Praktika sind eine moderne Form von Ausbeutung", twitterte der Präsident des Europaparlaments. 

Marco Fantini, stellvertretender Chef der Abteilung Jugendarbeitslosigkeit der Generaldirektion Beschäftigung, sagte bei einer Diskussion über Praktika, dass eine Regulierung von Praktika besonders schwierig sei. Praktikanten würden zu den schwächsten Teilnehmern des Arbeitsmarkts zählen. 

"Es gibt Schwierigkeiten beim Schutz der Praktikanten, aber wir müssen sicherstellen, dass Praktika zu Beginn der Karriere einen guten Übergang von der Schule oder der Universität zur Beschäftigung darstellt. Man darf die Konzerne nicht davon abschrecken, Praktika anzubieten. Der Qualitätsrahmen für Praktika muss ein gute Balance zwischen diesen beiden Kriterien finden; Missbrauch eingrenzen und etwas Sinnvolles daraus machen, und nicht die Anbieter abschrecken, damit sie keine Praktika mehr anbieten."

 

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