Referendum in Schottland: Unentschlossene Wähler, besorgte EU

Schottlands Regierungschef Alex Salmond: Freitag könnte "der erste Tag in einem besseren Land" sein. Foto: dpa

Die Sorge Europas über eine Abspaltung Schottlands von Großbritannien wächst. Bei der Volksabstimmung am heutigen Donnerstag zeichnet sich ein knappes Ergebnis ab.

Das „Nein“-Lager lag auch in den letzten Umfragen mit vier Prozentpunkten leicht vor den Befürwortern einer schottischen Abspaltung von Großbritannien. Allerdings sind noch bis zu 14 Prozent der insgesamt 4,3 Millionen Wähler unentschieden – unentschieden, ob sie den seit mehr als 300 Jahren bestehenden Bund mit England lösen wollen.

Während die Vertreter beider Lager noch einmal eindringlich für ihre Argumente warben, gibt sich das offizielle Brüssel einsilbig. Die EU-Kommission halte sich aus internen Angelegenheiten der Mitgliedsstaaten heraus, hieß es aus dem Haus des noch amtierenden Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso.

Doch hinter den Kulissen der EU wächst die Sorge vor den Folgen einer möglichen Unabhängigkeit Schottlands. Noch immer hat Brüssel keine Blaupause, wie es mit einem solchen Fall umgeht, denn in den Verträgen ist eine Abspaltung eines EU-Lands gar nicht vorgesehen. Bisher machte die Kommission keinen keinen Hehl daraus, in der Frage einer schottischen Unabhängigkeit hinter London zu stehen. Die EU-Verträge würden für einen Landesteil nicht mehr gelten, wenn er unabhängig geworden sei, schrieb Barroso schon 2012 an das britische Oberhaus.

Das neu entstandene Land sei ein „Drittstaat“, der sich bei der EU neu bewerben müsse. Ein Beitritt müsste dann von allen EU-Mitgliedstaaten einstimmig gebilligt werden – also auch von London und Madrid. Barroso sagte im Februar, ein EU-Beitritt werde für Schottland „sehr schwierig, wenn nicht unmöglich“. Auch zahlreiche Europaabgeordnete kündigen an, dem Land die EU-Mitgliedschaft zu verweigern.  

Ab 7 Uhr am Donnerstagmorgen (Ortszeit, 8 Uhr MESZ) sind die Schotten aufgerufen, mit „Ja“ oder „Nein“ auf die Frage „Sollte Schottland ein unabhängiges Land sein?“ zu antworten. Beobachter erwarten eine hohe Wahlbeteiligung, 97 Prozent der Wahlberechtigten hätten sich für die Abstimmung registriert. Die Wahllokale sind bis 23 Uhr geöffnet. Erste Ergebnisse werden am frühen Freitagmorgen erwartet.

Drei Umfragen der Institute ICM, Opinium und Survation ergaben am Mittwoch übereinstimmend 52 Prozent für die Gegner und 48 Prozent für die Befürworter. „Das wird knapp“, sagte der Politikwissenschaftler John Curtice von der Universität Strathclyde im Interview der Zeitung „Scotsman“. Obwohl die überwiegende Zahl der Erhebungen in den vergangenen Monaten eine Mehrheit für die Gegner ergab, ist der Vorsprung in den vergangenen Wochen immer weiter zusammengeschmolzen.

Entsprechend verstärkten die Befürworter einer Unabhängigkeit in den letzten Stunden vor der Abstimmung nochmals ihre Kampagne. Die Schotten sollten am Freitagmorgen „den ersten Tag in einem besseren Land“ genießen können, erklärte der Erste Minister Schottlands, Alex Salmond. In einem offenen Brief an die Wähler zitierte er Landsmänner wie den Dichter Robert Burns oder den Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith. Die Schotten dürften sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Überraschend bezog die schottische Ausgabe der Zeitung „Sun“ keine Stellung. Statt der mit Spannung erwarteten Erklärung für oder gegen eine Unabhängigkeit schrieb das Blatt in einem Kommentar lediglich, die Schotten träfen schon die richtige Entscheidung. Dagegen warnten 14 ehemalige Militär-Kommandeure in einem Brief vor einer Aufspaltung Großbritanniens. Ob die Unabhängigkeit politisch oder wirtschaftlich sinnvoll ist, sei dahingestellt, erklärten sie. „Militärisch gesehen ist die Lage klar: Das wird uns alle schwächen.“

Die Aussicht auf ein Auseinanderbrechen der sechstgrößten Volkswirtschaft und einer Atommacht mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, hat weit über die Insel hinaus Besorgnis ausgelöst. Verglichen mit den immer eindringlicheren Warnungen von Experten vor den Folgen eines „Ja“-Votums ist an den Börsen nur begrenzte Aufregung zu erkennen. So haben sich die britischen Standardwerte in diesem Jahr in etwa so entwickelt wie die in Deutschland. Nervosität ist am ehesten an den Devisenmärkten auszumachen. Das Pfund hat zum Euro in diesem Jahr mehr als vier Prozent verloren.

Einige Analysten erklärten, die Zentralbanken hätten mit ihrer Flut des billigen Geldes alle andere Faktoren hinwegschwemmt. Manche Investoren geben ohnehin nichts auf die Umfragen und vertrauen lieber den Wettbüros. Dort lag die Quote für einen Erhalt Großbritanniens zuletzt zwischen 70 und 80 Prozent.

Premierminister David Cameron zeigte sich am Mittwoch dagegen nervös. In einem „Times“-Interview erklärte er auf Nachfrage, die Furcht vor einem „Ja“-Votum lasse ihn in der Nacht schweißgebadet aufschrecken. Diesen Ausgang würde man dann aber akzeptieren müssen, betonte er: „Wie immer das Ergebnis lautet, wir sind eine Demokratie.“

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