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24/01/2017

Pariser Razzia vereitelt womöglich weitere Anschläge

EU-Innenpolitik

Pariser Razzia vereitelt womöglich weitere Anschläge

Bei der Razzia im Vorort Saint-Denis starben der Staatsanwaltschaft zufolge am Mittwoch mindestens zwei mutmaßliche Extremisten. Foto: dpa

Mit einem Großeinsatz im Norden von Paris könnte die Polizei einen weiteren Anschlag in der französischen Hauptstadt verhindert – und möglicherweise den mutmaßlichen Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud getötet haben.

Bei der Razzia im Vorort Saint-Denis starben der Staatsanwaltschaft zufolge am Mittwoch mindestens zwei mutmaßliche Extremisten. Sie gehörten zu einer Gruppe, die laut Polizeikreisen einen Angriff auf das Geschäftsviertel La Defense geplant hatte. Mehr als zwölf Stunden nach Beginn des Einsatzes, bei dem sich eine Frau in die Luft sprengte, war der Verbleib des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge von Freitag weiter unklar. Die Staatsanwaltschaft erklärte, Abdelhamid Abaaoud sei nicht unter den acht Festgenommenen. Die Leichen hätten noch nicht identifiziert werden können. Eine US-Zeitung meldete dagegen, der Belgier sei tot.

Die Polizei rückte am frühen Morgen mit einem Großaufgebot zum Teil schwer bewaffneter Spezialkräfte in Saint-Denis an. Der Pariser Staatsanwalt Francois Molins sagte, die Polizei habe Hinweise gehabt, dass Abaaoud vor Ort sein könnte. Bisher wurde er in Syrien vermutet. Als die Beamten die verdächtige Wohnung ins Visier nahmen, kam es zu einer schweren Schießerei.

Laut dem Staatsanwalt sind die sterblichen Überreste in dem Apartment in einem Zustand, der eine Identifizierung bisher unmöglich machte. Es sei nicht einmal klar, um wie viele Tote es sich handelt. Es seien aber mindestens zwei. Erschwert würden die Ermittlungen dadurch, dass das Gebäude an manchen Stellen durch zahllose Einschusslöcher einsturzgefährdet sei. In der Wohnung selbst und der Umgebung wurden Molins zufolge sieben Männer und eine Frau festgenommen. Drei von ihnen hätten noch nicht identifiziert werden können. Aber weder Abaaoud, noch der mutmaßliche flüchtige Angreifer Salah Abdeslam seien darunter.

Die „Washington Post“ berichtete unter Berufung auf Geheimdienstkreise, Abaaoud sei bei der Schießerei getötet worden. Einzelheiten nannte die Zeitung jedoch nicht, und die Angaben konnten zunächst auch nicht bestätigt werden.

De Maizière: Bedrohungslage in Deutschland wirklich ernst

„Ein neues Team von Terroristen konnte neutralisiert werden“, sagte Staatsanwalt Molins. Die Gruppe hätte zur Tat schreiten können. Polizei-Insider erklärten, die Extremisten hätten La Defense im Visier gehabt. In dem für seine Hochhäuser bekannten Geschäftsviertel haben viele große Unternehmen ihren Sitz. Bei den Anschlägen vom Freitag auf mehrere belebte Orte in Paris starben 129 Menschen. Die Angriffe sorgten weit über die Grenzen Frankreichs hinaus für Verunsicherung.

Die Gefährdung Deutschlands bezeichneten Innenminister Thomas de Maiziere und Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen nach der Drohung gegen das schließlich abgesagte Fußball-Länderspiel Deutschland-Niederlande in Hannover als groß. „Die Bedrohungslage in Deutschland und Europa ist ernst, wirklich ernst“, sagte de Maiziere. Die Sicherheitsbehörden haben nach Angaben von BKA-Präsident Holger Münch aber keinen konkreten Anhaltspunkt für ein weiteres Anschlagsziel in Deutschland.

In Berlin beriet nach der Absage des Fußballspiels das Sicherheitskabinett über die Gefährdungslage in Deutschland. Kanzlerin Angela Merkel sagte, die Sicherheitsbehörden hätten eine verantwortliche Entscheidung getroffen. Bei der Durchsuchung des Stadions wurden aber keine Bomben gefunden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) regte eine Debatte über einen Einsatz der Bundeswehr auch im Inland an, falls die Polizei überfordert ist.

Frankreichs Präsident Francois Hollande forderte die Staatengemeinschaft erneut auf, ihre unterschiedlichen nationalen Interessen zurückzustellen und gemeinsam die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) zu bekämpfen. Der IS hatte sich zu den Angriffen auf eine Konzerthalle, mehrere Bars und das Pariser Nationalstadion bekannt. Nach den Attentaten hatte Hollande das Land in den Ausnahmezustand versetzt. Seitdem kam es bei einer Reihe von Razzien zu mehreren Festnahmen.

Frankreich ist an einer von den USA geführten Koalition beteiligt, die mit Luftangriffen den IS in Syrien und im Irak bekämpft. Nach Angaben von Beobachtern wurden bei Angriffen binnen drei Tagen 33 IS-Kämpfer getötet. Die Führung ziehe sich deshalb aus dem syrischen Rakka ins irakische Mossul zurück.