Papst vor dem EU-Parlament: Religion ist das Fundament Europas

Heute wirke Europa oft alt, müde und ohne Selbstvertrauen angesichts seines drohenden Bedeutungsverlusts in der Welt, sagte der Papst im EU-Parlament. Foto: dpa

Die Rede von Papst Franziskus vor dem Europaparlament in Straßburg fand ein breites mediales Echo. Der Tenor der Kommentare lautet dabei, dass der aus Südamerika stammende Papst Europa und der EU die Leviten gelesen habe.

Europa muss nach den Worten von Papst Franziskus die christlichen Wurzeln seiner Identität, „seine gute Seele“, wiederentdecken. Die Religion sei für den Kontinent nicht nur das fundamentale Erbe einer 2.000-jährigen Vergangenheit, sondern biete auch die Grundlage für seine künftige soziale und kulturelle Entwicklung. Der christliche Beitrag sei keine Bedrohung für säkulare Staaten, sondern eine Bereicherung und Stärkung der gesellschaftlichen Solidarität.

„Ein Europa, das nicht mehr offen ist für die transzendente Dimension des Lebens, riskiert, langsam seine eigene Seele und jenen ‚humanistischen Geist‘ zu verlieren, den es weiterhin liebt und verteidigt“, sagte Franziskus. Die Kirche wolle einen aktiven Austausch mit den europäischen Institutionen und dabei helfen, das gegenwärtige „Vakuum der Ideale“ neu zu füllen. Konkret nannte der Papst den Einsatz für Menschenrechte, die Stärkung der Demokratie und das Engagement für Familie, Arbeit, Umwelt und Migranten.

Heute wirke Europa oft alt, müde und ohne Selbstvertrauen angesichts seines drohenden Bedeutungsverlusts in der Welt, führte der Papst weiter aus. Gleichzeitig nehme das Vertrauen der Bürger in die Gestaltungskraft der Europäischen Union ab. Dagegen wolle er dem Kontinent eine Botschaft der Hoffnung und Ermutigung bringen, sagte Franziskus. In der gegenwärtigen Krise liege die Chance zu einem stärkeren Zusammenhalt der Staaten. Europa müsse „zur festen Überzeugung der Gründungsväter der Europäischen Union zurückkehren, die sich eine Zukunft wünschten, die auf der Fähigkeit basiert, gemeinsam zu arbeiten, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinents zu fördern“.

Mensch kein Räderwerk in einem Mechanismus

Besonders hob Franziskus den europäischen Einsatz für die Rechte und die Würde des einzelnen Menschen hervor. Eine der Wurzeln dieser Ideale sei das Christentum. Doch die Menschenwürde bleibe gefährdet, „denn es gibt immer noch zu viele Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden, deren Anlagen, Gestalt und Nützlichkeit programmiert werden, und die weggeworfen werden können, wenn sie nicht mehr nützlich sind, wegen Schwäche, Krankheit oder Alter“, sagte der Papst. Und: „Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, so dass er – wie wir leider oft beobachten – wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird, wie im Fall der Kranken im Endstadium, der verlassenen Alten ohne Pflege oder der Kinder, die vor der Geburt getötet werden.“

Der Papst warnte auch vor einem fehlgeleiteten Menschenrechtsverständnis, das immer mehr und mehr Rechte für den einzelnen fordere, „ohne zu beachten, dass jeder Mensch Teil eines sozialen Kontextes ist, in dem seine oder ihre Rechte verbunden sind mit denen anderer und dem Gemeinwohl der Gesellschaft selbst.“ Dieser ausufernde Individualismus, führe letztlich zur Einsamkeit. „Meines Erachtens ist die Einsamkeit heute eine der verbreitetsten Krankheiten in Europa“.

Kraft der Demokratie erhalten

Um im Geist seiner Gründungsväter in Frieden und Eintracht zu wachsen, müsse sich Europa der Ideale Friede, Subsidiarität und wechselseitige Solidarität besinnen, die es von Beginn des gemeinsamen Einigungsprozesse geformt hätten. Und direkt an die EU-Parlamentarier gewandt, appellierte Franziskus: „Die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte“. Die Europaparlamentarier sollten ihre Verantwortung wahrnehmen, die Demokratie in Europa lebendig zu erhalten. Ein Europa, das sich seine eigenen religiösen Wurzeln zunutze mache, sei auch leichter immun gegen die vielen Extremismen der heutigen Welt. Gottvergessenheit und nicht die Verherrlichung Gottes erzeuge Gewalt betonte Franziskus und erinnerte in diesem Zusammenhang auch an das Schicksal vieler Christen, die heute „unter dem beschämenden und begünstigenden Schweigen vieler“ barbarischer Gewalt ausgesetzt sehen.

Mittelmeer darf kein Friedhof werden

Außerdem forderte der Papst eine gemeinsame Strategie der EU-Staaten zur Bewältigung der Flüchtlingsproblematik an den Südgrenzen des Kontinents. „Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird.“ Die Männer und Frauen, die auf Schiffen nach Europa gelangten, bräuchten Aufnahme und Hilfe. Durch das Fehlen gegenseitiger Unterstützung gerate die Menschenwürde der Einwandere in Vergessenheit, Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen würden begünstigt.

Europa sei durchaus imstande die mit Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen, zeigte sich der Papst überzeugt. Dazu sei es aber auch notwendig, auf die Ursachen der Migration einzuwirken und nicht nur auf die Folgen. Europa müsse „mutige und konkrete“ politische Maßnahmen ergreifen, „die den Herkunftsländern der Migranten bei der sozio-politischen Entwicklung und bei der Überwindung der internen Konflikte – dem Hauptgrund dieses Phänomens – helfen, anstatt Politik der Eigeninteressen zu betreiben, die diese Konflikte steigert und nährt“.

Konkret wurde der Papst schließlich noch in der Debatte um die Erweiterung der Union auf dem Westbalkan. Nur ein sich der einen Identität bewusstes Europa könne konstruktiv mit Beitrittsländern verhandeln. Er denke hier vor allem an jene Länder vom Balkan, „für die der Eintritt in die Europäische Union dem Friedensideal entsprechen kann, in einer Region, die unter den Konflikten der Vergangenheit so sehr gelitten hat“.

Der Vorsitzende und die Co-Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, Herbert Reul (CDU) und Angelika Niebler (CSU): "Wir sind tief bewegt von dem Appell des Papstes, die Menschenwürde wieder mehr in den Mittelpunkt der Politik zu stellen. Der Papst hat ohne Tabus ausbuchstabiert, was zum Erhalt einer lebendigen Demokratie notwendig ist und woran Europa konkret arbeiten muss.

Seine Worte sollten Motivation sein dafür, auch unbequeme Wahrheiten anzupacken, damit wieder mehr gelebte Humanität in unsere Gesellschaft einzieht. Wir müssen dem Anspruch gerecht werden, dass die christlichen Wurzeln der europäischen Zivilisation auch unser heutiges Handeln bestimmen."

Der kirchenpolitische Sprecher des FDP-Präsidiums und Europaabgeordnete Michael Theurer: "Papst Franziskus hat eine wichtige pro-europäische Rede gehalten. Sie macht Mut, den Weg der Integration nach dem Motto 'Einheit in Vielfalt' weiter zu gehen. Seine Aufforderung war: 'Ich appelliere an Sie, dass Europa seine Seele wiederentdeckt.' Papst Franziskus ist auf Einladung des Parlaments zu uns gekommen und uns somit herzlich willkommen. Es ist gut, dass er zuvor klar gemacht hat, dass er als Oberhaupt der katholischen Kirche und nicht als Politiker anreist. Unsere Prinzipien der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat werden mit dem Besuch des Papstes in keiner Weise in Frage gestellt. Wir haben auch zuvor schon Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften empfangen. Die Botschaft und der Stil der 'neuen Bescheidenheit' von Papst Franziskus sind hochaktuell. Als Parlamentarier stehen Fragen von Armut und Gerechtigkeit, das Ziel einer nachhaltigen Gesellschaft, der Bekämpfung öffentlicher Verschuldung und Rohstoffeffizienz hoch auf unserer Agenda. Als Liberale gehört das Motto 'Chancen ermöglichen' zu unserem Leitbild. Das bedeutet, dass jeder eine faire und gerechte Chance erhalten muss."

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