Eine Übereinkunft zum langerwarteten Cybersicherheitsgesetz ist laut EU-Digitalisierungskommissar Günther Oettinger nur noch eine Sache von „Tagen oder Wochen“. EURACTIV Brüssel berichtet.
EU-Funktionäre aus Kommission, Parlament und Rat stehen EU-Digitalkommisar Günther Oettinger zufolge kurz davor, die NIS-Richtlinie (Netzwerk- und Informationssicherheit) zu unterzeichnen. „Wir können nicht länger auf die Einführung warten“, sagte Oettinger auf der Jahreskonferenz der ENISA, der EU-internen Cyber-Sicherheitsagentur, in Brüssel.
Seit dem Gesetzesvorschlag durch die Kommission im Jahr 2013 waren die Verhandlungen zur Richtlinie holprig. Mitgliedsstaaten streiten sich schon lange darüber, welche Branchen unter der neuen Richtlinie Angriffe auf ihre Systeme melden müssen. Einige sorgen sich um private Unternehmen und nationale Behörden. Diese wollen sichergehen, dass der Informationsaustausch zwischen den EU-Ländern klaren Einschränkungen unterliegt.
Luxemburg hat derzeit die sechsmonatige Ratspräsidentschaft inne. Wenige Wochen vor Ablauf der Amtszeit am 31. Dezember versucht das Land nun, eine Übereinkunft durchzusetzen. „Ich stelle derzeit sicher, dass die Kommission die Gesetzgeber so gut wie möglich dabei unterstützt, in den kommenden Tagen oder Wochen eine Einigung zu erreichen“, erklärte Oettinger.
Ranghohen Cybersicherheits-Vertetern zufolge verlange Oettinger einen sofortigen Abschluss der Richtlinie – auch wenn zahlreiche Sicherheitsexperten murren, es sei noch immer zu lasch. Zunächst muss die Richtlinie die sogenannten Trialog-Verhandlungen zwischen Parlament, Kommission und Rat bestehen. Ist sie dann erst einmal genehmigt, kommt die ENISA ins Spiel. Sie hilft den Mitgliedsstaaten bei der Anwendung des Gesetzes.
Am Montag sagte Oettinger, die Agentur werde als Sekretariat der Richtlinie eine noch zentralere Rolle spielen. „Die EU-Staaten können ENISA um Hilfestellung beim Aufbau der eigenen Cyber-Sicherheitskapazitäten bitten. Vor allem kann die ENISA sie dabei unterstützen, nationale Einsatzteams für Cyber-Zwischenfälle einzurichten“, erklärte der Kommissar. Dabei bezog er sich auf die Expertengruppen, die bereits in einigen Mitgliedsländern zur Untersuchung von Sicherheitsverstößen eingesetzt werden. Unter der NIS-Richtlinie wäre ein jeder Mitgliedsstaat zur Einführung solcher Sicherheitsteams verpflichtet.
Unklar ist laut Insidern noch immer die Frage: Wird die ENISA in ihrer neuen Rolle Treffen mit den Mitgliedsstaaten zur genauen Besprechung der Richtlinie veranstalten oder eher administrative Tätigkeiten übernehmen? Der ENISA steht nur ein sehr begrenztes Budget zur Verfügung. Wahrscheinlich wird sie neues Personal einstellen, um ihre neue Rolle als Sekretariat der NIS-Richtlinie wahrzunehmen.
Oettinger verkündete, die Kommission werde in der ersten Jahreshälfte 2016 eine Industriestrategie präsentieren. Diese werde Teil eines größeren Vorhabens zur Förderung der stark fragmentierten Cyber-Sicherheitsbranche in Europa sein. Außerdem werde sie Unternehmen, die sich um Sicherheit und Privatsphäre bemühen, wettbewerbsfähiger machen. Die Kommission wird allen Erwartungen nach innerhalb der nächsten Wochen ein öffentliches Beratungsgespräch organisieren. Hierbei wird es um die Strategie zur Förderung der Cyber-Sicherheit gehen.

