„Migration ist Teil der Evolution“

Unsicherheiten und Uneinigkeiten in der europäischen Flüchtlingspolitik. [World Bank Photo Collection/Flickr]

Die Flüchtlingskrise weckt bei der Bevölkerung Panik. In Österreich sind Politik und Wissenschaft mittlerweile bemüht, Aufklärungsarbeit zu leisten: Die Alpenrepublik brauche mehr Mut zum Risiko.

Eine im Herbst dieses Jahres durchgeführte Studie von „Marketagent“ ergab, dass in Österreich das Flüchtlingsthema mehr als 80 Prozent der Bevölkerung Sorge bereitet. Man anerkennt zwar, dass die Kriegssituation in Syrien, dem Irak und Afghanistan das entscheidende Fluchtmotiv ist, befindet sich aber in einer Abwehrhaltung gegenüber den Wirtschaftsflüchtlingen. Der Wunsch nach einem besseren Leben wird als Fluchtgrund nicht wirklich akzeptiert. Diese Einstellung spiegelt sich auch darin wieder, dass 55 Prozent der Befragten keinerlei Vorteile für das Land durch die Zuwanderung von Asylanten sehen.

Nur wenig Zustimmung – 28 beziehungsweise 18 Prozent – finden die Argumente, dass durch Zuwanderung Arbeitskräfte für Bereiche rekrutiert werden können, wo Mangel herrscht, und die Überalterung der Bevölkerung entgegen gewirkt werden kann. Dafür fürchten gleich 65 Prozent eine zusätzliche Belastung für das Sozialsystem und das Auslösen sozialer Konflikte.

Österreich benötigt mehr Mut zum Risiko

Für den international renommierten Genetiker Markus Hengstschläger ist „Migration ein wichtiger Teil der Evolution“. Gerade Österreich als Land in der Mitte Europas hätte in der Vergangenheit immer wieder ganz besonders vom Zuzug der Menschen aus den verschiedensten Regionen profitiert, postulierte er bei einem Vortrag vor der Gesellschaft für Völkerverständigung. Das gelte erst recht für die Zukunft.

In der Alpenrepublik, die zu den reichsten Ländern der Welt gehöre, ortet der Wissenschaftler den Hang zur Durchschnittlichkeit. Das finde nicht zuletzt seinen Ausdruck in der Politik, die sich darauf konzentriere, bloß Schwächen auszubessern statt Stärken zu fördern. Gerade jetzt wäre es gefragt, mehr Mut zum Risiko zu beweisen und Abschied von der These zu nehmen: „Besser mit der Mehrheit zu irren, als alleine Recht zu haben“.

Flüchtlingskrisen bildeten daher auch eine Herausforderung, durch Konfliktbewältigung zu neuen Lösungsansätzen für Zukunftsfragen zu kommen. Allerdings, so Hengstschläger, müsse zwischen Flüchtlingen und Migranten unterschieden werden. Bei Menschen, die aus Kriegsgebieten flüchten und Asyl in einer Region des Friedens suchen, muss man sich schon aus humanitären Gründen kompromisslos zeigen. Bei Migranten, die bloß von einem Ort an einen anderen ziehen, um Arbeit zu finden, bessere Lebensverhältnisse zu suchen, ist hingegen sehr wohl angesagt, der Zuwanderung einer Bedarfs-Analyse zugrunde zu legen. Soll heißen, dass man den Zuzug von Menschen und Fachkräften aus anderen Ländern und auch Kulturbereichen steuert, sich danach orientiert, wo Bedarf und Nachfrage gegeben ist. Die EU wäre daher sicher gut beraten, sich an Beispielen, wie etwa der Einwanderungspolitik von Australien, zu orientieren.

Zahlen und Fakten statt Vorurteile

Um zur Aufklärung von Missverständnissen beizutragen hat der EU-Parlamentarier Othmar Karas eine Auflistung von Zahlen und Fakten in Umlauf gebracht. Laut dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen UNHCR flüchten derzeit weltweit rund 60 Millionen Menschen vor Krieg, Verfolgung, Vertreibung, Hunger und Armut. Davon sind über 38 Millionen an einen sicheren Ort innerhalb des eigenen Landes geflohen, knapp 22 Millionen sind Flüchtlinge und Asylwerber, die den Fuß über die Grenzen ihres Heimatlandes setzen. Von ihnen sind 86 Prozent in den Nachbarländern untergekommen. Im Falle von Syrien war dies sogar bei 95 Prozent aller Flüchtlinge der Fall. Allein Im Libanon – einem Land nicht größer als Tirol – leben derzeit neben den 4,4 Millionen Einheimischen über eine Million syrischer Flüchtlinge.

In Europa wird bis Jahresende mit mehr als einer Million Asylanträgen gerechnet. Im Vorjahr waren es 627.000. Die südlichen Länder an den EU-Außengrenzen sind von der Flüchtlingswelle besonders stark betroffen: Griechenland mit über 797.000 und Italien mit mehr als 149.000 Flüchtlingen. Schätzungsweise 3.600 Menschen sind in diesem Jahr übrigens bei der Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen. In Österreich wird bis Ende des Jahres mit bis zu 95.000 Asylanträgen gerechnet, das ist etwa dreimal so viel wie im Vorjahr.

Trotzdem wehrt sich Karas gegen Panikmache: „Auch wenn die heutige Ausgangslage eine andere ist, so dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass Österreich bereits größere Flüchtlingsströme bewältigt hat“. Die Zahlen verdeutlichen das: 180.000 Menschen fanden im Zuge des ungarischen Volksaufstandes (1956), 162.000 nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die damalige Tschechoslowakei (1968) und 90.000 nach dem Zerfall Jugoslawiens (1991-95) in Österreich Aufnahme. Sie kommen alle aus dem europäischen, abendländischen Kulturkreis und sind längst bestens in die Gesellschaft integriert.