Menschenunwürdig: Griechenlands größtes Flüchtlingscamp könnte geschlossen werden

Geflüchtete Kinder im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. [Orestis Panagiotou/EPA/EFE]

Griechenlands größtes Migrantencamp könnte kommenden Monat geschlossen werden – es sei denn, die zuständigen Behörden beseitigen die inzwischen „unkontrollierbaren Mengen an Abfällen“, so die Regionalgouverneurin. Sie verwies auf Risiken für die öffentliche Gesundheit.

Der Migrations-„Hotspot“ Moria auf der griechischen Insel Lesbos war von den Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen seit langem als überfüllt und „ungeeignet für Menschen“ bzw. „menschenunwürdig“ bezeichnet worden.

Mehr als 8.300 Flüchtlinge und Migranten befinden sich derzeit im ehemaligen Militärlager. Sie hausen in einer Ansammlung von alten Schiffscontainern und provisorischen Zelten. Die Zahl der Camp-Bewohner ist mehr als doppelt so hoch wie die eigentliche Kapazität von 3.100 Personen, so die jüngsten Regierungsdaten.

In einer am Montag veröffentlichten Mitteilung teilte Christiana Kalogirou, Gouverneurin der nördlichen Ägäisregion, zu der Lesbos gehört, mit, die Gesundheitsinspektoren der Insel hätten Moria nun für „ungeeignet und gefährlich für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt“ erklärt.

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Kalogirou sagte weiter, die Inspektoren hätten „unkontrollierbare Mengen an Abfall“, gebrochene Abwasserleitungen und überquellende Mülltonnen vorgefunden. Darüber hinaus seien die Wohnräume unzureichend gereinigt. Es bestehe ein hohes Risiko der Krankheitsübertragung durch Überbelegung und stehendes Wasser sowie Insekten in den Toilettenanlagen.

„Wir setzen jetzt eine 30-tägige Frist […] um alle Probleme zu lösen,“ so Kalogirous Mitteilung an den Migrationsminister und den Lagerleiter. „Wenn diese Frist abläuft, werden wir den weiteren Betrieb untersagen.“

Im vergangenen Monat hatte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) Griechenland aufgefordert, die Überstellung von Asylbewerbern von den ägäischen Inseln auf das Festland zu beschleunigen. Es hieß, die Bedingungen in Moria würden inzwischen „den Siedepunkt erreichen“.

Tatsächlich hat Griechenland in den vergangenen Monaten mehr Asylbewerber auf das Festland gebracht. Ein Beamter des Migrantenministeriums kündigte an, die Bemühungen um eine Verringerung der Zahl der Lager auf den Inseln würden weiter beschleunigt.

NGOs kritisieren EU-Vorgehen

Lesbos, das unweit der Türkei liegt, war 2015 für fast eine Million Syrer, Afghanen und Iraker der bevorzugte Einreisepunkt in die Europäische Union. Eine weitaus kleinere Anzahl von Booten kommt weiterhin auf der Insel an.

Die Nichtregierungsorganisation Oxfam warnte am Montag, die Zahl der Menschen, die unter erbärmlichen Bedingungen in Moria und anderen Lagern auf den griechischen Inseln „gefangen“ sind, habe einen Höhepunkt von 20.110 Personen erreicht.

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Marion Bouchetel, Lobbyistin von Oxfam in Griechenland, betonte, die Situation sei besonders alarmierend für Frauen, die einem erhöhten Risiko von sexueller Gewalt und Missbrauch ausgesetzt seien.

„Die EU-Politik, die von der griechischen Regierung unterstützt wird, zielt darauf ab, Menschen auf den ägäischen Inseln festzuhalten, damit sie im Rahmen des Abkommens zwischen der EU und der Türkei schnellstmöglich in die Türkei geschickt werden können, anstatt ihnen zu erlauben, Asyl in Europa zu beantragen,“ kritisierte Bouchetel.

Sie fuhr fort: „Wenn die EU ihre Pläne zur Einrichtung von sogenannten „Kontrollzentren“ für Asylbewerber fortsetzt, werden noch viel mehr Menschen unter diesen schrecklichen Bedingungen gefangen sein. Anstatt mehr Lager zu errichten, sollte die EU ihr Asylsystem reformieren, um sicherzustellen, dass die Verantwortung für den Schutz von Migranten zwischen den Mitgliedstaaten geteilt wird, während ihre Asylanträge bearbeitet werden. Niemand sollte gezwungen werden, unter diesen entsetzlichen Bedingungen zu leben.“

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