Ist der Dschihad in Europa angekommen?

Foto: Zoriah (CC BY-NC 2.0)

Bei ihrer kommenden Sitzung diskutieren die EU-Innenminister ein brisantes Thema: Immer häufiger ziehen vor allem Jugendliche aus Europa über Schleuserrouten in den Krieg in Syrien und den Irak. Dort kämpfen sie auf der Seite von Dschihadisten. Doch auch in Europa nehmen sie das politische System und die innere Sicherheit in ihr Visier.

So wurden erst vor wenigen Tagen neun Jugendliche, die ursprünglich aus Tschetschenien nach Österreich flüchteten und hier um Asyl angesucht hatten, an der Grenze zu Ungarn aufgegriffen und verhaftet. Der Grund war die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Die wachsende Zahl von Dschihadisten ist zu einem Problem in Europa geworden, das man aufgreifen müsse, erklärt Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Gemeinsam mit ihren EU-Amtskollegen, Europol und Interpol will Mikl-Leitner mehr für die innere Sicherheit in Europa tun. Denn – so zeigen viele aufwändige Recherchen und wissenschaftliche Erhebungen – die Extremisten und Revolutionäre wollen nicht nur in islamischen Ländern kämpfen, sondern auch in den europäischen Ländern, in denen sie leben, für Aufmerksamkeit sorgen.

2.000 Dschihadisten aus Europa im Kriegseinsatz

Die zuletzt bekannt gewordenen Schätzungen der Geheimdienste sprechen davon, dass gut 2.000 Jugendliche aus Europa – vor allem aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland – in den Kriegen in Syrien und dem Irak verwickelt sind. Aus Österreich, so schätzt man, sind derzeit 130 so genannte Gotteskrieger im Einsatz. Die gesamte Zahl der Dschihadisten, die derzeit in Europa leben, dürfte bei 5.000 Personen liegen, 400 davon in der Alpenrepublik. Es sind überwiegend Männer, es finden sich allerdings auch einige Frauen unter ihnen. Soweit bekannt stehen sie unter Beobachtung der für die Staatssicherheit verantwortlichen Behörden.

Dschihad im Koran nicht exakt definiert

Der Begriff Dschihad bezeichnet im religiösen Sinne ein zentrales Konzept der islamischen Religion, nämlich den Kampf auf dem Wege Gottes. Aus dem Koran geht dabei aber nicht eindeutig hervor, ob es sich um einen universellen Kampf gegen Andersgläubige handelt oder ob dieser Kampf nur defensive Ziele verfolgt. Die so genannten Salafisten stellen eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams und insbesondere eine Keimzelle des islamistischen Terrors dar.

Eine Studie der Österreichischen Landesverteidigungsakademie, die Euractiv.de vorliegt, macht deutlich, was hinter dieser Bewegung steckt, was die Ursachen sowie Motive für diese revolutionäre Bewegung sind und warum die Dschihadisten Zulauf von jungen Menschen finden. Demnach ist das Kernziel der dschihadistischen Ideologie die Wiederbelebung des auf dem Koran basierenden „ursprünglichen“ und „reinen“ Islam. Und dabei „steht die Sharia über allen anderen Rechtsprinzipien, so auch über der demokratischen Gesetzgebung“.

Dschihadistiche Salafisten gewaltbereit

Was nichts anderes bedeutet, dass es sich bei der Sharia längst nicht nur um eine Religion, sondern um ein alle Bereiche des Lebens umfassendes Regelwerk handelt und somit zur Herausforderung für die demokratische Gesellschaft wird. Verfassungsschützer und Wissenschaftler sehen innerhalb des Salafismus mehrere Strömungen: „Während etwa die politischen Salafisten, die Gesellschaft eines Staates nach ihren Normen verändern wollen, dabei in erster Linie auf eine intensive Propaganda- und Missionstätigkeit setzen, spricht sich der dschihadistische Zweig vorbehaltlos für die Anwendung von Gewalt aus“.

Feindbild Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

Wie in der Studie ausgeführt wird, ist die „Produktion von Feindbildern“ geradezu ein Wesensmerkmal dieser extrem fundamentalistischen religiösen Ausrichtung. Da neben Allah keine anderen Gottheiten oder Heilige verehrt werden dürfen, „gelten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Götzen“. Muslime, die zum Beispiel westliche Regierungen anerkennen, machen sich des Götzendienstes – mit allen persönlichen Konsequenzen – schuldig.

Im Alltagsleben führt diese Sicht zu klaren geschlechtsspezifischen Aufgabentrennungen. Der Frau hat keine berufliche Karriere auch nur anzudenken, sie hat sich ausschließlich um die Erziehung der Kinder, den Haushalt zu kümmern und für das Glück und Wohlergehen ihres Mannes zu sorgen. Das Eingehen einer Ehe ohne Einverständnis des Vaters gilt bereits als Sünde. Ehebruch wird als Schwerverbrechen klassifiziert und kann mit Tod durch Steinigung bestraft werden.

Was Extremisten so anziehend macht

Die enge Welt- und rigiden Religionssicht der salafistisch-dschihadistischen Bewegungen erntet insbesondere bei Jugendlichen Zuspruch – obwohl diese in Europa in einer besonders offenen, sekularen Gesellschaft leben. Sie sind nicht ausschließlich Muslime, sondern auch so genannten Konvertiten, also Menschen, die bereit waren, sich von (traditionellen) Bindungen zu lösen und einer gewaltbereiten Heilslehre zuzuwenden.

Für die Experten, die an der Untersuchung mitgearbeitet hatten, steht dabei folgendes fest: „Während bei jungen Muslimen oft die persönliche Entfremdung, gesellschaftliche Diskriminierung, eine mangelnde Anerkennung im unmittelbaren Umfeld eine Rolle spielt, sind bei jungen Konvertiten oftmals ein labiler Charakter, gestörte familiäre Verhältnisse und Gewaltaffinität ausschlaggebend“. Die Zugehörigkeit zu einer „exklusiven“ Gruppe, die durch Gewalt auf sich aufmerksam macht, wirkt identitätsstiftend und anziehend.

Auf der Suche nach medialer Aufmerksamkeit

Eine besondere Gefahr liegt nun auch darin, dass diese salafistisch-dschihadistischen Aktionsgruppen nicht nur in Krisengebieten wie dem Irak, in Syrien, ja auch in Afrika auftreten. Die Verfasser der Studie sehen vielmehr ein weiteres Problem darin, dass man „mediale Aufmerksamkeit“ schaffen will, damit der „Dschihad weltweit wahrgenommen wird und Terrorismus überhaupt funktioniert“. Daher können auch „Anschläge in den Heimatländern probate Mittel“ sein, wobei diese nicht zwingenderweise von terroristischen Gruppen sondern durchaus auch von Einzeltätern durchgeführt werden können.

Alles ist möglich – im Internet

War das Internet ein tragendes Element jener Revolutionen, die unter dem Schlagwort „arabischer Frühling“ geführt wurden, der mittlerweile in den meisten dieser Länder zu einem „arabischen Winter“ entartete, ist dieses Medium nun auch für „extremistische Salafisten das Propagandamedium schlechthin“. Das zeigen unzählige Postings in sozialen Netwerken, wie Facebook und YouTube, mit denen sowohl Gewaltverherrlichung als auch lediglich Aktivitäten dokumentiert werden.

Um den Verdacht vom Verfasser solcher Postings abzulenken, wird die neue Methode der „indirekten Gewaltrhetorik“ angewendet. Es wird nicht direkt zur Gewalt aufgerufen, sondern nur auf entsprechende Inhalte anderer User hingewiesen.

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