Integration: Deutschlands Haltung gegenüber Zuwanderern ist gespalten

Viele Flüchtlinge bleiben nach negativem Asylbescheid illegal in Österreich. [© Babewyn (CC BY 2.0)]

Die Deutschen sind beim Thema Zuwanderung zunehmend uneins, belegt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Willkommenskultur in Deutschland. Auffällig sind die geografischen Unterschiede. Während die Offenheit gegenüber Einwanderern im Westteil wächst, haben im Osten immer mehr Menschen Vorbehalte.

Die Deutschen begegnen Einwanderern zunehmend auf Augenhöhe – doch die Offenheit ist in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich ausgeprägt. Das zeigt eine repräsentative Umfrage zur Willkommenskultur, die die Bertelsmann Stiftung nun vorgestellt hat.

Schon seit Jahren wächst die Zahl der Einwanderer, doch nur langsam schien die Offenheit der Bevölkerung gegenüber den Zugewanderten mitzuwachsen. Die Befragung von rund 2.000 Deutschen ab 14 Jahren zeigt nun jedoch: Zumindest in der Selbstwahrnehmung ändert sich das langsam, die Deutschen sehen Zuwanderer mittlerweile nicht mehr nur als nützliche Arbeitskräfte, sondern als Neu- und Mitbürger.

Mehr gegenseitiges Geben und Nehmen gefordert

Der Umfrage zufolge sagen sechs von zehn Befragten, Einwanderer würden vor Ort freundlich empfangen. Das bedeutet eine Veränderung der Wahrnehmung gegenüber 2012. Damals meinte das nur die Hälfte der Bevölkerung.

„Das Einwanderungsland Deutschland gewinnt an Reife. Ein gegenseitiges Nehmen und Geben gilt als Voraussetzung für erfolgreiche Integration“, kommentierte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, die Zahlen. Ein Indiz dafür seien die höheren Ansprüche der Bevölkerung in Deutschland sowohl an die Bereitschaft der Einwanderer, sich zu integrieren als auch an die eigene Willkommenskultur.

So erwarten 97 Prozent aller Befragten, dass sich Einwanderer um ein gutes Zusammenleben mit Deutschen bemühen sollten und 80 Prozent finden, dass sich Zuwanderer mehr sozial engagieren sollten.

Widersprüchliche Erwartungen an Zuwanderer

Doch in den Wünschen der Deutschen an ihre zugezogenen Mitbürger tun sich auch widersprüchliche Richtungen auf. So erwarten zwar drei von vier Befragten von Einwanderern, sich an die deutsche Kultur anzupassen. Gleichzeitig fänden es 80 Prozent wichtig, dass Einwanderer mehr von ihrer eigenen Kultur vermitteln.

Viele Deutsche fordern zudem, dass die Willkommenskultur weiter ausgebaut wird. Damit Deutschland für Einwanderer attraktiv ist, sprechen sich 82 Prozent für spezielle Hilfen beim Arbeitsamt aus, 54 Prozent der Befragten meinen, die Benachteiligung von Einwanderern solle durch Gesetze bekämpft werden – im Vergleich zu 2012 ein Anstieg um sieben Prozent.

Auch in der Wahrnehmung der Einwanderer besteht unterdessen noch immer Nachholbedarf beim Willen Deutschlands, neue Bürger zu integrieren. 68 Prozent der befragten Migranten gaben in der Befragung an, sie würden von staatlichen Stellen willkommen geheißen. Drei Jahre zuvor sagten das zwar lediglich 57 Prozent – noch immer ist somit knapp ein Drittel unzufrieden.

Skepsis im Osten wächst

Auch wenn der Vergleich zu 2012 in vielen Fällen eine positive Entwicklung bei der Integration offenbart, so decken die Zahlen doch auch eine bedenkliche Entwicklung auf: In Ostdeutschland wächst die Skepsis gegenüber Einwanderern entgegen dem Bundestrend sogar.

Während in Westdeutschland lediglich ein Drittel der Befragten glaubt, Einwanderer seien in Deutschland in der Bevölkerung nicht willkommen, nimmt dies im Osten fast jeder Zweite so wahr (47 Prozent). Im Osten sehen 69 Prozent der Befragten hinter Migration eine vermeintliche Belastung des Sozialstaats, im Westen sind es 63 Prozent. Dass aus Zuwanderung Konfliktpotenzial erwächst, befürchten im Osten 73 Prozent, im Westen hingegen 61 Prozent.

„Die unterschiedlichen Teilnehmerzahlen bei zuwanderungskritischen Demonstrationen sind sichtbarer Ausdruck gegenläufiger gesellschaftlicher Tiefenströmungen in Ost und West“, sagte Dräger.

Diese Tendenz könnte jedoch zu Nachteilen gerade in den ostdeutschen Bundesländern führen, wo ohnehin deutlich weniger Migranten als im Westen leben. Wegen des demographischen Wandels wird der Osten Untersuchungen zufolge zukünftig besonders stark auf Zuwanderung angewiesen sein.

Porgnostiziertes Bevölkerungsrückgang wird von vielen unterschätzt

Prognosen des Statistischen Bundesamtes gehen davon aus, dass Deutschland bis 2060 ohne Zuwanderung einen Rückgang der Bevölkerung um über 20 Millionen Menschen erleiden würde. 

Doch die Folgen der gesellschaftlichen Veränderung ohne Zuwanderung werden noch immer von großen Teilen der Bevölkerung unterschätzt, zeigt die Bertelsmann-Umfrage. Mehr als ein Viertel ist demnach überzeugt, Deutschland werde in den kommenden Jahrzehnten ohne Einwanderer gar nicht oder um maximal eine Million Menschen schrumpfen.

Haltung gegenüber Migranten aus Drittstaaten skeptischer

Die in dem Bertelsmann-Bericht aufgezeigten Zahlen zeichnen dennoch ein einwanderungsfreundlicheres Bild von Deutschland, als die Ergebnisse einer Ende Februar veröffentlichen nationalen Ausgabe der Meinungsumfrage „Eurobarometer“ zu Migration aus Drittstaaten. Demnach stehen der Einwanderung von Ländern außerhalb der EU nur 29 Prozent der Deutschen positiv gegenüber.

Das Thema Zuwanderung wird in Deutschland immer wichtiger und wird auch auf Regierungsebene heftig diskutiert. Hintergrund der Debatte sind der Fachkräftebedarf, ebenso wie die Anti-Islam-Demonstrationen der Pegida-Bewegung, die sich auch gegen Zuwanderung richteten. Die SPD will mit einem Einwanderungsgesetz vor allem den Nutzen ausländischer Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft unterstreichen und damit die positive Seite der Zuwanderung herausstellen, Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnt dies bisher ab.

Deutschland hatte 2014 die höchste Zuwanderung seit 22 Jahren verzeichnet. Unter dem Strich zogen mindestens 470.000 Menschen nach Deutschland, der Großteil von ihnen aus EU-Staaten. 

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