Impfstoffhersteller räumen Produktionsprobleme ein

Bei der Herstellung der COVID-Impfstoffe läuft nicht alles rund. [ANATOLY MALTSEV/EPA]

Topmanager der Pharmaindustrie räumten im Europaparlament Probleme bei der Massenherstellung ihrer COVID-Impfstoffe ein. Nach der Überwindung von Anfangsschwierigkeiten aber würden die versprochenen Mengen geliefert.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

„Die Pharmaunternehmen müssen die Verträge respektieren, die sie unterschrieben haben“, mahnte der Ausschussvorsitzende im Europaparlament zu Beginn der Anhörung von sechs CEOs, die ihre Lieferpraktiken oder Pläne für die EU erläutern sollten. „Jetzt geht der Kampf um die Massenproduktion los“, brachte Pascal Canfin dabei das Thema auf den Punkt. Denn nachdem mehrere Impfstoffe in Rekordzeit entwickelt worden waren, klagen jetzt EU-Kommission und Mitgliedsländer über Lieferausfälle.

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Wie ein Stück Seife

Der Zorn der Abgeordneten richtete sich dabei zunächst auf Pascal Soriot von AstraZeneca, dessen Ankündigung an seine EU-Partner, man werde im ersten Halbjahr 2021 voraussichtlich nur die Hälfte der vertraglich zugesagten Mengen liefern können, für Aufruhr gesorgt hatte. „Wir bedauern das niedrigere Ergebnis in unseren europäischen Werken“, erklärte Soriot. Wobei der Konzern dann versprochen hatte, die Fehlmengen durch außereuropäische Lieferungen auszugleichen.

Davon war allerdings im Europaparlament dann nicht mehr die Rede. Vielmehr konzentrierte sich der Manager darauf, die Schwierigkeiten darzustellen, die der Schritt von der wissenschaftlichen Entwicklung eines Impfstoffs bis hin zur Massenherstellung innerhalb eines Jahres mit sich bringe. „Normalerweise dauert das mehrere Jahre, aber die Herausforderungen sind vorübergehender Natur“, beschwor er.

Das Schlüsselwort bei Soriot – und seinen Kollegen – heißt Zusammenarbeit: Man teile sein Wissen mit neuen Partnern und suche zusätzliche Produktionsstätten: „Ursula von der Leyen kann auf uns vertrauen, wir mobilisieren alles und erhöhen die Kapazitäten in der EU.“ Auf die bohrenden Fragen einiger Abgeordneter aber, warum AstraZeneca zu Beginn seine Produktion quasi ausschließlich nach Großbritannien geliefert hatte, obwohl ein gleichzeitiger Vertrag mit der EU vorlag, gab der Manager keine klare Antwort.

Immer wieder redete er über die Schwierigkeiten, die Herstellung in eine Massenproduktion zu überführen, die notwendigen Geräte und das geschulte Personal zu finden. Und versprach am Ende: „Die Mehrzahl der in der EU hergestellten Impfdosen verbleibt in der EU.“ Ob auch aus den britischen Werken vertragsgemäß in die Europäische Union geliefert wird, dazu ließ Soriot sich nicht ein. „Sie sind wie ein Stück Seife“, warf ihm die Abgeordnete Silvia Modig vor – ein Gefühl, das verschiedene Mitglieder des Europaparlaments erkennbar mit ihr teilten.

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Produktion von Null auf Hundert

Etwas nachvollziehbarer erschienen die Einlassungen von Stephane Bancel von Moderna: „Wir waren ein Unternehmen mit 800 Beschäftigten. Vor einem Jahr hatten wir noch keinen Impfstoff auf dem Markt“, erklärt er die Probleme des Unternehmens. Der Moderna-Impfstoff basiert wie das Präparat von Pfizer/BioNTech auf neuer Gentechnologie, die sogenannte Messenger-RNA nutzt, um Immunreaktionen im Körper des Geimpften auszulösen.

Man lasse beim größten internationalen Auftragsproduzenten für Impfstoffe produzieren, der Firma Lonza in der Schweiz. Fertiggestellt wird das Produkt dann in einem spanischen Unternehmen und schließlich in Belgien auf Ampullen gefüllt und ausgeliefert. Bancel macht deutlich, dass seine Firma eigentlich ein Newcomer am Markt ist, der jahrelang kleinteilige Forschung betrieben hatte.

Inzwischen ist das US-Unternehmen auf 1300 Beschäftigte angewachsen, darunter gebe es allerdings nur eine kleine Zahl von Ingenieuren, die etwa bei Lonza die Arbeitnehmer schulen und die Fertigungsstraßen einrichten könnten. Dafür habe man in der Schweiz allein zwei bis drei Monate gebraucht.

Auch Moderna hatte Lieferausfälle von bis zu 25 Prozent angekündigt und auch dieser Hersteller verspricht, sobald die Prozesse richtig liefen, würde der Output sich steigern. Die gute Nachricht von Moderna war, dass der Impfstoff auch gegen die britische Mutation des Virus gut wirksam sei. Bei Infektion mit der sogenannten südafrikanischen Variante würde die Menge der Antikörper nach der Impfung zwar sinken, sei aber immer noch ausreichend, um Krankenhausaufenthalte und schwere Erkrankungen zu verhindern.

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Zum Sommer kommt mehr Impfstoff

Das Management von Johnson und Johnson, dessen Impfstoff gerade von der US-Zulassungsbehörde FDA genehmigt wurde, wartet noch auf die Genehmigung für die EU, die aber schon für Mitte März in Aussicht steht. Man verfüge über spezialisierte Produktionsstätten und wolle pro Jahr eine Milliarde Dosen produzieren, erklärte der wissenschaftliche Leiter Paul Stoffels. Der Impfstoff nutzt eine normales Erkältungsvirus als Vektor, also als Transportmittel für die Immun-Information. Es ist etwas weniger effektiv als die mRNA-Präparate, der Vorteil ist aber, dass es schon nach einer Impfung über 80% Schutz bietet und bei normaler Kühlung aufbewahrt werden kann.

Curevac ist ein weiterer Hersteller, der auf seine europäische Zulassung Anfang Juni hofft. Auch dieser Impfstoff basiert auf der mRNA-Technik und auch hier erklärt das Management, dass die Massenherstellung der Engpass sei. „Es gab einen Riesenansturm auf die nötige Ausrüstung“ und Curevac arbeite mit 15 Partnern in der EU zusammen, um am Ende eine Milliarde Dosen pro Jahr herstellen zu können, sagte CEO Hans-Werner Haas.

Die Hauptbotschaft für die Bürger in Europa, die in vielen Ländern derzeit händeringend auf Impfungen warten, heißt: Es kommen in den nächsten Monaten neue Impfstoffe auf den Markt, die die Engpässe beseitigen dürften. Die EU hatte über zwei Milliarden Dosen von verschiedenen Herstellern bestellt, was am Ende für alle Europäer mehrfach ausreicht. Allerdings sieht es so aus, das erst in Richtung Sommer die Massenimpfungen richtig in Schwung kommen dürften.

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