Frankreichs Ex-Präsident Valéry Giscard d’Estaing mit 94 Jahren gestorben

Valéry Giscard d'Estaing verband eine besondere Freundschaft mit Bundeskanzler Schmidt, mit dem er nahezu zeitgleich regierte und den er um fünf Jahre überlebte. Eine besondere Verbindung zu Deutschland hatte Giscard d'Estaing schon per Geburt: Er kam am 2. Februar 1926 in Koblenz zur Welt, als die Stadt am Rhein noch unter französischer Verwaltung stand. [EPA/Wolfgang Kumm]

Der frühere französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing ist tot. Der Freund und politische Weggefährte von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) starb im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Corona-Infektion, wie seine Familie mitteilte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron würdigte ihn am Donnerstag als „großen Europäer“ und Neuerer für sein Land.

Giscard d’Estaing starb „umgeben von seiner Familie“ auf seinem Anwesen in der Gemeinde Authon in der Loire-Region, wie es in der Erklärung seiner Familie hieß. „Sein Gesundheitszustand hatte sich verschlechtert und er starb an den Folgen von Covid-19“, hieß es darin. „Seinem Wunsch entsprechend wird seine Beerdigung im engsten Familienkreis stattfinden.“ Der ehemalige Staatschef war in den vergangenen Monaten mehrfach mit Herzproblemen ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Präsident Macron würdigte Giscard d’Estaing als „Politiker des Fortschritts und der Freiheit“. Er habe Frankreich nachhaltig verändert, hieß es in einer Kondolenzbotschaft aus dem Elysée-Palast. Zudem habe er wichtige europäische Grundsteine gelegt, etwa für das Europäische Währungssystem EWS und mit der Gründung der Europäischen Weltraumagentur ESA in den 1970er Jahren. „Giscard“, wie er in Frankreich genannt wurde, stand von 1974 bis 1981 an
der Spitze des französischen Staates.

Ihn verband eine besondere Freundschaft mit Bundeskanzler Schmidt, mit dem er nahezu zeitgleich regierte und den er um fünf Jahre überlebte. Eine besondere Verbindung zu Deutschland hatte Giscard d’Estaing schon per Geburt: Er kam am 2. Februar 1926 in Koblenz zur Welt, als die Stadt am Rhein noch unter französischer Verwaltung stand.

Seine Präsidentschaft der bürgerlich-liberalen Mitte markierte einen Bruch mit der konservativen Politik seiner Amtsvorgänger Charles de Gaulle und Georges Pompidou. Unter Giscard d’Estaing kam es zu Reformen wie der Legalisierung der Abtreibung oder der Absenkung des Wahlalters auf 18 Jahre.

Es sei ihm gelungen, „das politische Leben in Frankreich zu modernisieren“, erklärte der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy. Sein Nachfolger François Hollande betonte, Frankreich habe „einen Staatsmann verloren, der sich für eine Öffnung zur Welt“ entschieden habe. Giscard d’Estaing sei „entschieden europäisch“ aufgetreten und habe zur Stärkung der deutsch-französischen Beziehungen beigetragen.

Als Sohn aus bürgerlichem Hause wuchs Giscard d’Estaing in Frankreich auf, absolvierte die Elite-Kaderschmieden Polytechnique sowie die Nationale Hochschule für Verwaltung ENA und machte dann schnell politisch Karriere: Mit nur 29 Jahren wurde er Abgeordneter und mit 36 Jahren Frankreichs jüngster Wirtschafts- und Finanzminister, später dann im Alter von 48 Jahren der bis dahin jüngste Präsident der Nachkriegs-Republik.

In Giscard d’Estaings Amtszeit fielen die Wirtschaftskrise nach den großen Ölschocks, die Inflation und straffe Sparprogramme. Außerdem schlug ein Skandal um Diamanten hohe Wellen: Giscard hatte sie von dem zentralafrikanischen Machthaber Jean-Bédel Bokassa geschenkt bekommen. Die Affäre beschädigte seinen Ruf massiv und trug zu seiner Niederlage gegen den Sozialisten François Mitterrand bei der Präsidentschaftswahl 1981 bei.

Ab 2001 engagierte sich Giscard d’Estaing erneut für Europa und leitete den EU-Konvent für eine europäische Verfassung. Seine Landsleute trugen das Projekt dann aber 2005 bei einem Referendum zu Grabe. Später einigte sich die EU auf den heute gültigen Lissabon-Vertrag. Giscard d’Estaing war zuletzt am 30. September 2019 bei der Beerdigung des ehemaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac in der Öffentlichkeit aufgetreten. In diesem Jahr machte der Hochbetagte auch in Deutschland noch einmal Schlagzeilen. Eine WDR-Journalistin warf ihm vor, sie nach einem Interview unsittlich berührt zu haben. Er selbst wies den Vorwurf als „grotesk“ zurück.

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