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24/01/2017

Flüchtlinge und Religion: Das neue Gesicht Europas

EU-Innenpolitik

Flüchtlinge und Religion: Das neue Gesicht Europas

Papst Franziskus 2014 zu Besuch in einem Flüchtlingscamp in Rom. Foto: dpa

Was denkt der Vatikan über die Flüchtlingskrise? Das katholische Zentrum in Rom ist besorgt – aber sieht auch interessante Herausforderungen in der Zuwanderung Hunderttausender Muslime.

Besorgnis ist ein Wort, das man in Bezug auf den Flüchtlingsstrom nach Europa im vatikanischen Rom derzeit sehr oft hört. Es sind zweierlei Gründe, die Sorgenfalten verursachen. Erstens weil der nahende Winter, die ungenügende Kleidung der Flüchtlinge und das Fehlen einer ausreichenden Anzahl von Quartieren, die Situation noch verschärft. Zweitens weil die europäische Öffentlichkeit mit der neuen gesellschaftlichen Realität und deren künftige Auswirkungen noch nicht zu Rande kommt,  gespalten und vor allem auf der Suche nach stimmigen Reaktionen ist.

Die neue Völkerwanderung wird das kulturelle und ethnische Bild Europas langfristig verändern. Diese Einschätzung wird jedenfalls von geistigen Würdenträgern und weltlichen Experten im Vatikan vertreten. Von einer Islamisierung des alten Kontinents zu sprechen, hält man aber für eine nicht zutreffende These.

Um dies zu untermauern, greift man zur Statistik: Von den rund 500 Millionen EU Bürgern bekennen sich derzeit etwa 20 Millionen zum islamischen Glauben. Wenngleich durch den Flüchtlingsstrom die Zahl der Muslimen weiter anwächst (nur ein kleiner Prozentsatz der Asylsuchenden ist christlichen Glaubens), so hält sich deren Zahl im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung jedenfalls auch weiterhin in einem kleinen Rahmen.

Was allerdings nichts daran ändert, dass auch eine Minderheit auf längere Sicht das Gesicht Europas prägen und vor allem im Rechtssystem eine entsprechende Berücksichtigung finden wird. Verwiesen wird zum Beispiel auf die Sonn- und Feiertagsregelung: Was für Christen der Sonntag ist für Muslime der Freitag, allerdings nicht arbeitsfrei.

„Think Offers“ als Softvariante einer Missionierung

Die ethnische und religiöse Vielfalt, die auf Europa zukommt, ist nur eine Seite. Gleichzeitig wird immer mehr deutlich, dass sich der Islam weltweit in einer Krise befindet. Nicht nur, dass es sehr unterschiedliche Richtungen gibt, die in offener Konkurrenz zueinander stehen, so zeichnen sich in vielen Regionen Glaubenskämpfe und Zweifel am islamischen Glauben und dessen Repräsentanten ab. So etwa im Iran, wo vor allem die jüngere Generation sehr kritisch die Tätigkeit der Mullahs, insbesondere deren Lebensstil und Abgehobenheit sieht. Und dagegen immer mehr revoltiert, große Hoffnungen in die Öffnung des Landes als Folge des Atom-Deals setzt.

Interessant ist auch, dass zum Beispiel auf der arabischen Halbinsel zwei Millionen Christen (überwiegend Gastarbeiter) gezählt werden. Während es aber im Iran sogar Kirchen gibt, müssen Gäubige in Saudi Arabien Gottesdienste in Botschaften oder ausländischen Repräsentanzen feiern. Angesprochen auf die Frage, warum die Saudis nicht die für gut zwei Millionen Pilger errichtete Zeltstadt nach Ende der Haddsch als Flüchtlingsquartiere zur Verfügung stellen, heißt es nur lakonisch, dass dorthin eigentlich niemand ziehen wolle.

Was im Vatikan mit Aufmerksamkeit verfolgt wird, ist die kaum bekannte immer häufiger zu Tage tretende Tatsache, dass Muslime, die mit der europäischen Kultur und Gesellschaft in Berührung kommen und auch intensiv auseinandersetzen, dem christlichen Glauben näher, ja oftmals sogar zu ihm übertreten. Deren Zahl ist übrigens weit höher als jene, die in umgekehrter Richtung zum Islam konvertieren.

Mehr noch, die katholische Kirche hat eine Aktion laufen, die man als eine Art „Think Offer“, ein Nachdenk-Angebot, bezeichnen kann. So werden speziell in Flüchtlingsheime eigens geschulte Betreuer geschickt, die Asylbewerber nicht nur in die neue gesellschaftliche Umgebung einführen, sondern sie auch mit dem christlichen Gedankengut und Glauben Bekanntschaft machen lassen. Als durchaus wünschenswert wird in Rom gesehen, käme es bezüglich dieser Softvariante einer Missionierungskampagne zu einer verstärkten Zusammenarbeit der europäischen Regierungen mit den nationalen Kirchenorganisationen.

Große Hoffnungen setzt man in Rom in diesem Zusammenhang auch auf die laufende Familiensynode, die der Kirche ein neues Image geben soll. Was so manche Geistliche nicht gerne hören. Wenig Bedeutung schenkt man übrigens einem in diesen Tagen aufgetauchten Brief einiger sehr konservativer Kardinäle, in dem Kritik an den Vorgaben von Papst Franziskus geäußert wurde. So verweist man darauf, dass der Heilige Vater schon immer eine zeitadäquate Öffnung der katholischen Kirche (Stichworte Eheanullierung und Wiederverheiratete Geschiedene) verlangt habe, was auch serienweise nachgelesen werden kann.

Letzten Endes sei trotz aller Bedenken und Querschüsse zu erwarten, dass die Synodalen in ihrer Mehrheit der päpstlichen Wegweisung folgen werden. Aufgeräumt wird auch mit der Behauptung, dass Dogmen wie in Stein festgemeiselt seien, vielmehr würden sie nachweisbar immer wieder einem gewissen geschichtlichen Wandel unterliegen. Im Grunde genommen geht es darum, der Theologie des Glaubens gegenüber jener der Pastorale, also der gelebten Praxis zum Durchbruch zu verhelfen.

Der Pontifex gilt als der Vertreter des „Volksglaubens“, als der er letztlich auch von der Mehrheit der Kardinäle gewählt wurde, hat hier seine persönlichen Erfahrungen gesammelt und wird nun wohl der Kirche in Europa und der Welt seinen persönlichen Stempel aufdrücken.

Der Autor

Herbert Vytiska ist Politik- und Medienberater. Er war über 15 Jahre lang Pressesprecher des ehemaligen österreichischen Vizekanzlers und ÖVP-Politikers Alois Mock.