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21/01/2017

EU-Lobbyisten ändern Taktik wegen neuer Juncker-Kommission

EU-Innenpolitik

EU-Lobbyisten ändern Taktik wegen neuer Juncker-Kommission

Brexit - das politische Erdbeben stellt die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen Großbritanniens auf den Kopf.

In der Brüsseler Lobby-Welt bricht ein neues Zeitalter an: Wegen der neuen Cluster-Struktur der EU-Kommission schmieden immer mehr Interessenvertreter in Brüssel strategische Allianzen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. EurActiv Brüssel berichtet.

Lobbying bleibt einer am Dienstag veröffentlichten Studie des Beratungsunternehmens APCOworldwide zufolge die oberste Priorität für Wirtschaftsverbände. Doch schon an zweiter Stelle folgt die Bildung strategischer Koalitionen. Erst auf Rang Drei steht die Mitgliedermobilisierung. Letztere wurde 2014 noch auf Platz Zwei geführt.

„Während die Fähigkeit und das Mandat, im Namen einer gesamten Industrie zu sprechen, wichtig bleiben, rückt die Mobilisierung einzelner Mitglieder in den Hintergrund. Stattdessen sind jetzt das Ermitteln von Verbündeten und die Bildung strategischer Allianzen zu bestimmten Themen wichtig“, sagt Chris Levy, Europa-Direktor von APCO Insight. Er sieht darin institutionelle Veränderungen.

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker entschied zu Beginn seiner Amtszeit im vergangenen Herbst, sechs Vizepräsidenten und der EU-Außenbeauftragten die Verantwortung von Querschnittspolitikbereichen zu übertragen. Sie führen eine Gruppe von Kommissaren an, die für das jeweilige Politikfeld relevante Portfolios haben.

Levy nimmt die digitale Wirtschaft als Beispiel: Breite Koalitionen würden der Industrieposition zusätzliche Glaubwürdigkeit bei Einzelthemen verleihen.

Der Vizepräsident der Kommission und frühere estnische Ministerpräsident Andrus Ansip leitet das „Projektteam“ zum digitalen Binnenmarkt. Zu diesem Team gehören sieben Kommissare. Fünf weitere Portfolios sind daran beteiligt, darunter der Kommissar für Wirtschafts- und Finanzangelegenheiten, Steuern und Zoll, der frühere französische Finanzminister Pierre Moscovici.

Der Drang sich in strategischen Allianzen zu formieren ist eine neue Entwicklung. Doch die traditionellere Form der Kontaktaufnahme mit Akteuren bleibt für die Lobbyisten weiterhin ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Arbeit.

„Der Aufbau persönlicher Beziehungen bleibt der entscheidenste Faktor für Effektivität“, so Levy.

Eine andere neue Entwicklung ist die größere Bedeutung der Medienbeziehungen. Die Wichtigheit der Kommunikation mit den Medien lag 2014 bei 5,3 Prozent. Dieses Jahr liegt sie bei 7,3 Prozent und ist im Ranking der wichtigsten Faktoren um etliche Plätze nach oben geklettert.

Die Tendenz im Bereich Kommunikation schlägt wieder in Richtung traditionelle Medienstrategie aus. Eine solche Strategie gilt als wirksamer als die Konzentration auf soziale Medien.

„In den vergangen Jahren gab es die Annahme, dass in einer zunehmend verbundenen und digitalen Welt alle Organisationen sehr aktiv bei den sozialen Medien sein sollten. Das zweite Jahr in Folge sehen wir, dass soziale Medien geringe Auswirkungen auf die Wirksamkeit haben“, sagt Levy. Eine traditionellere Kommunikationsstrategie sei im Lobbygeschäft weiterhin angemessener.

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