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21/01/2017

Digitaler Binnenmarkt: Vielen Unternehmen fehlt der Mut zur Digitalisierung

EU-Innenpolitik

Digitaler Binnenmarkt: Vielen Unternehmen fehlt der Mut zur Digitalisierung

Für eine schnelle Digitalisierung Europas fordern Experten schon lange mehr Unterstützung durch die Politik.

flickr.com/photos/qscag/8164424558

Reform des Urheberrechts, Verbesserung der digitalen Infrastruktur und Aufhebung nationaler Grenzen im Internethandel: Die EU-Strategie zum Digitalen Binnenmarkt setzt ehrgeizige Ziele. Doch Experten mahnen, kleinere Unternehmen müssten mehr unterstützt werden. Obwohl gerade sie das Rückgrat der Wirtschaft sind, seien viele noch stark durch Ängste vor dem digitalen Wandel gehemmt.

Industrie 4.0, Smart Cities, Internet der Dinge – zunehmend soll die digitale Revolution Einzug in den Alltag halten. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat sie gar zu einer der wichtigsten Prioritäten erhoben – denn sie soll helfen, die Wirtschaftskrise in Europa zu überwinden.

Europa hat sich diesbezüglich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis Ende 2016, so das Ziel der EU-Kommission, sollen die Pläne für die Schaffung eines Digitalen Binnenmarktes vorliegen. Das Großprojekt, das EU-Digitalkommissar Günther Oettinger zufolge die „Aufholjagd“ Europas gegenüber US-Unternehmen unterstützen wird, soll letztlich 415 Milliarden Euro pro Jahr zur europäischen Wirtschaftsleistung beitragen, Hunderttausende zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und jährlich 11,7 Milliarden Euro Ersparnisse für die Bürger bringen, verspricht auch der Vizepräsident für den digitalen Binnenmarkt, Andrus Ansip.

„Die Pläne sind gut“, lobte John Higgins, Generaldirektor der Vereinigung Digital Europe, am Montag bei einer Veranstaltung in München Ansips Strategie.

Higgins mahnte aber auch, Politik und Regulierungsbehörden müssten noch weiter auf die Elektonikunternehmen zugehen. Eine starke digitale Infrastruktur, ein digitaler Binnenmarkt, um mit den USA und anderen Weltregionen ernsthaft mithalten zu können, mehr finanzielle Starthilfe und ein größerer Pool an Technologie-Spezialisten – das sind laut Higgins die Erwartungen nahezu aller Unternehmen aus der Branche.

Mangel an Digitalen Experten

Gerade an digitalen Experten aber mangelt es noch. Nach Schätzungen der EU-Kommission könnten in Europa bis 2020 mehr als 800.000 solcher Spezialisten fehlen. Ohne sie jedoch dürfte eine effiziente und schnelle Digitalisierung und gute Anpassung des Arbeitsmarktes an die digitale Wende eine Vision bleiben, mahnen Experten. Denn die digitale Revolution werde in naher Zukunft alle Wirtschaftsbereiche beeinflussen. E-Kompetenzen seien darum dringend nötig.

Eine Industrie 4.0, in der Produkte und Wertketten digitalisiert sind, sei bislang „bis auf wenige angewandte Elemente vor allem ein Wunschtraum“, so Dieter Wegener vom Beraterkreis Technologie der Deutschen Kommission Elektrotechnik (DKE), die unter anderem in Deutschland für die Erarbeitung von Standards und Sicherheitsbestimmungen in der Elektro- und Informationstechnik zuständig ist.

Viele kleinere und mittelständische Unternehmen hätten noch Angst vor der digitalen Wende. „Sie können nicht einschätzen, wie der Wandel ihre Wertschöpfungsketten beeinflussen wird“, sagte Wegener in München.

„Kleinere Unternehmen suchen eher nach vorgefertigten Lösungen und bewährten Standards“, bestätigte auch Christoph Behrendt vom Unternehmenssoftware-Hersteller SAP. Viele dieser Firmen hätten „noch keinen Plan für einen Plan zur Umstellung.“

Kleinere Unternehmen fürchten Wandel

Für Europa ist das eine Herausforderung, denn in in der EU sind diese rund 23 Millionen Firmen das Rückgrat der Wirtschaft. Sie machen 99 aller Unternehmen aus und stellen zwei Drittel aller Arbeitsplätze. Mehr als 40 Prozent von ihnen verzichten nach aktuellen Schätzungen noch auf die Möglichkeiten der Digitalisierung – obwohl die Vorteile einer Umstellung nachweisbar seien, wie John Higgins betonte. „Unternehmen, die die digitalen Möglichkeiten nutzen, wachsen zwei bis drei Mal so schnell, sind produktiver, stellen mehr Mitarbeiter ein.“

Um dies zu erreichen, starteten im März Regierungen, Industrien, NGOs und andere Entscheider aus 22 EU-Staaten mit der Unterzeichnung der Rigaer Deklaration die Kommunikationskampagne „e-Skills for Jobs in 2015“ der Europäischen Kommission. Sie hat sich zehn Prinzipien auf die Fahnen geschrieben, darunter mehr und bessere Investitionen in digitale Technologien und E-Kompetenzen, die Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit in Europa mithilfe digitaler Fähigkeiten sowie die Förderung von E-Führung im Management europäischer Unternehmen.

Die Digitalindustrie geht in ihren Handlungsempfehlungen sogar noch weiter. Digital Europe etwa schlägt vor, dass Vertreter von Regulierungsbehörden in Boot Camps Aus- und Weiterbildungen erhalten, um den Ausbau der digitalen Infrastruktur effizient vorantreiben zu können.

Hintergrund

Ein gemeinsamer digitaler Binnenmarkt ist eines der Großprojekte der EU für die kommenden Jahre. Er soll dafür sorgen, dass Europa im Internet-Zeitalter international konkurrenzfähig bleibt.

Die EU-Kommission hat Anfang Mai in Brüssel ihre Pläne für die Schaffung eines digitalen Binnenmarktes vorgestellt. Die zentralen 16 Maßnahmen sollen bis Ende 2016 umgesetzt werden. Sie sollen jährlich 11,7 Milliarden Euro Ersparnisse für die Bürger einbringen, 415 Milliarden Euro jährlich zur Wirtschaftsleistung beitragen und Hunderttausende neue Arbeitsplätze schaffen.

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