Die Parallelwelt der Flüchtlinge

Flüchtlinge aus Syrien in einem Integrationsbüro. [Foto: Jens Büttner/dpa]

Eine Untersuchung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge zwar die westliche Gesellschaftsordnung akzeptiert, aber viele in einer Parallelwelt leben.

Im Auftrag des Integrationsministeriums wurden im Sommer und Herbst 2016 rund 900 Flüchtlinge aller Altersklassen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak in ihrer Muttersprache befragt. Die überwiegende Mehrheit der Befragten war männlich, rund die Hälfte bereits verheiratet und um die 85 Prozent der Befragten bezogen Sozialleistungen. Außenminister Sebastian Kurz fasste das Ergebnis mit folgenden Sätzen zusammen: „Die Flüchtlinge akzeptieren im Allgemeinen die Freiheiten eines liberalen Rechtsstaates als abstraktes Prinzip, lehnen es für sich selbst aber eher ab oder haben es zumindest noch nicht verinnerlicht. Die Studie belegt aber auch, dass die Geflüchteten durch eine entsprechende Werteschulung abgeholt werden können.“

Wertekurse erleichtern Integration

Im Detail zeigt die Untersuchung, dass die Flüchtlinge die Werte ihrer Kultur zunächst mit nach Europa nehmen. Es dauere eine Zeit, bis sie sich nicht nur auf die neuen Lebensumstände eingestellt haben, sondern diese auch annehmen beziehungsweise sich damit abfinden, so die Studie. Die Nutzung der Telekommunikation (Mobile-Phone, Internet, Fernsehen) führe darüber hinaus dazu, dass sie auch weiterhin engen Kontakt zu ihrem ursprünglichen gesellschaftlichen Umfeld haben, was wiederum die Anpassung an die neue Situation nicht gerade beschleunigt. Der Besuch von Werte- und Sprachkurses ist aber ein entscheidender Beitrag, um ihre Integration zu erleichtern.

80 Prozent für religiöse Bekleidungsvorschriften

Interessant sind an den Umfragedaten gewisse Widersprüchlichkeiten. So bejahen über 80 Prozent der Befragten den Wert der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sie sind sogar der Meinung, dass die Ehepartner bei wichtigen Entscheidungen in der Familie gleichberechtigt sind. Aber ebenfalls über 80 Prozent plädieren gleichzeitig für die Befolgung von religiösen Bekleidungsvorschriften in der Öffentlichkeit und sind mehrheitlich für das Tragen von Kopftuch. Auch die Geschlechtertrennung hat noch viele Befürworter: 37 Prozent sind für getrennten Turn-und Schwimmunterricht an Schulen und rund 20 Prozent für getrennten Religionsunterricht. Was die Stellung der Frau in der Gesellschaft betrifft, so lehnen und 20 Prozent der befragten Flüchtlinge eine Berufstätigkeit der Frau ab.

Flüchtlinge: Familiennachzug steigt deutlich

Immer mehr Flüchtlinge holen ihre Familien nach Deutschland. Besonders der Nachzug von Syrern und Irakern stieg 2016 stark an.

Kritik an zu freizügigen Lebensgewohnheiten

Nachholbedarf gibt es beim Demokratieverständnis. Hier zeigt sich eine Kluft zwischen islamischen und religiös offenen Gesellschaften, das Konfliktpotential hat. An die 90 Prozent stimmen der Ansicht zu, dass Demokratie die ideale Staatsform ist. Aber gleich 40 Prozent sind der Meinung, dass religiöse Gebote über staatliche Vorschriften zu stellen sind. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Lebensgewohnheiten. Wiederum sind es knapp 90 Prozent, die die österreichischen Lebensgewohnheiten im Allgemeinen akzeptieren, aber 40 Prozent bewerten die hiesigen Lebensgewohnheiten für sich selbst als zu freizügig.

45 Prozent finden Religionen nicht gleichwertig

Aus der Studie der Akademie der Wissenschaften lässt sich jedenfalls heraus lesen, dass der Islam eben keine Religion wie jede andere ist und daher auch dem „politischen Islamismus“ mehr Augenmerk geschenkt werden muss. Die Religiosität der Flüchtlinge spielt jedenfalls eine große Rolle bei der Integration und der Integrationswilligkeit in die neue Gesellschaft.

ZEW-Studie räumt mit Vorurteilen über Flüchtlinge auf

Eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) räumt mit verbreiteten Vorurteilen in der Flüchtlingsdebatte auf. Auf dem Arbeitsmarkt und bei der Kriminalität ließen sich keine erkennbaren Nachteile für die einheimische Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Flüchtlingszuzug feststellen, urteilen die Forscher.

Insgesamt stufen sich 61 Prozent der befragten Flüchtlinge als religiös ein. Rund 30 Prozent der Befragten geben an, fünf Mal täglich oder sogar noch öfters zu beten. Bloß 2 Prozent sagten, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören. Aber auch da gibt es wieder Widersprüchlichkeiten: 83 Prozent bewerten das Zusammenleben mit anderen Religionen als durchwegs positiv, aber für fast die Hälfte, nämlich 45 Prozent sind Religionsgemeinschaften nicht als gleichwertig anzusehen. Der Islam ist höherrangig. Was auch zur Folge hat, dass nur 40 Prozent ohne Vorbehalte einer Eheschließung ihrer Kinder mit einer Person aus einer anderen Religionsgemeinschaft ihre Zustimmung geben würden. Es wird mehrere Generationen benötigen, bis die Unterschiede in den Ansichten abgebaut werden.

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