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11/12/2016

Die Europäer werden ärmer, die Japaner reicher

EU-Innenpolitik

Die Europäer werden ärmer, die Japaner reicher

Global Wealth Report: Es gibt immer mehr Reiche.

flickr/verdienter Künstler

Das private Vermögen und die Zahl der Dollar-Millionäre haben weltweit zugenommen. Wer die Gewinner und die Verlierer in Sachen Reichtum sind und warum der Ausblick verhalten bleibt. EurActivs Medienpartner „WirtschaftsWoche“ berichtet.

In der siebten Auflage der Vermögensstudie des Credit Suisse Research Institute (CSRI) sind Krisenfolgen allgegenwärtig: Die Folgen von Finanzkrise, Euro-Krise und Brexit-Votum der Briten sind deutlich spürbar. Trotzdem: Das private Vermögen ist global betrachtet gestiegen. Weltweit besitzen die privaten Haushalte ein Vermögen von 255.708 Milliarden Dollar, also 256 Billionen Dollar. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Zunahme um 3,5 Billionen Dollar und entspricht einer Zunahme um 1,4 Prozent.

Der Global Wealth Report der Credit Suisse basiert auf den Vermögensdaten von 4,8 Milliarden Erwachsenen aus mehr als 200 Ländern. Die Zunahme des Privatvermögens ist demnach nur moderat ausgefallen. Noch vor der Finanzkrise 2008 war es im zweistelligen Prozentbereich gestiegen. Zudem deckt sich das Vermögenswachstum ziemlich genau mit dem weltweiten Bevölkerungswachstum, so dass das durchschnittliche Privatvermögen eines Erwachsenen im weltweiten Durchschnitt mit 52.800 Dollar pro Kopf gegenüber dem Vorjahr unverändert geblieben ist.

Deutliche Unterschiede gegenüber dem Vorjahr gibt es allerdings bei der Betrachtung der Pro-Kopf-Vermögen in den Regionen, Ländern und bei der Zahl der Millionäre pro Land.

Deutsche dank Immobilien reicher

Die Menschen in Deutschland werden dank des Immobilienbooms reicher. Das Durchschnittsvermögen pro Erwachsenem stieg in diesem Jahr gegen den weltweiten Trend um 2,8 Prozent auf 185.175 Dollar (rund 174.157 Euro), wie aus dem Global Wealth Report hervorgeht. Deutschland verzeichnete damit den drittstärksten Zuwachs. Angetrieben wurde der Entwicklung in Deutschland, aber auch in anderen Teilen Welt vor allem von steigenden Immobilienpreisen.

Vor allem die Zahl der Reichen und Superreichen stieg kräftig. Der Studie zufolge erhöhte sich die Zahl der Dollar-Millionäre in Deutschland von Mitte 2015 bis Mitte 2016 um 44.000 auf rund 1,6 Millionen. Bis 2021 dürfte sie um 30 Prozent auf rund 2,1 Millionen zulegen. Der Club der Superreichen, die ein Vermögen von mindestens 30 Millionen Dollar haben, vergrößerte sich um 500 auf nun 6100 Mitglieder. Deutschland lag damit auf dem dritten Rang nach den USA und China.

Bis 2021 werde es rund 1800 neue Superreiche zwischen Kiel und Berchtesgaden geben, sagten die Studienautoren voraus. Beim Durchschnittsvermögen kam Deutschland allerdings nur auf Rang 19.

Briten verlieren nach Brexit-Votum

Größter Verlierer im Vergleich der privaten Vermögensentwicklung ist laut CSRI Großbritannien. Wegen des per Referendum beschlossenen Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union haben die Briten erhebliche Vermögensverluste erlitten. Nach dem Brexit-Votum waren die Wechselkurse gegenüber dem Pfund stark gefallen und hatten die Aktienmärkte auf Talfahrt geschickt. Michael O’Sullivan, Chief Investment Officer der Division International Wealth Management bei der Credit Suisse, plädiert deshalb dafür, neben der Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung auch die Folgen für das private Vermögen der britischen Haushalte im Auge zu behalten. „Seit der Brexit-Abstimmung Ende Juni ist das Vermögen der britischen Haushalte um 1,5 Billionen US-Dollar gesunken. Das Vermögen pro Erwachsenem ist bereits um 33.000 Dollar auf 289.000 Dollar gefallen. Tatsächlich sind, in US-Dollar gemessen, 406.000 Menschen in Großbritannien keine Millionäre mehr“, erläutert O’Sullivan.

Japaner gewinnen

Die schlechte Wechselkursentwicklung, die vor allem für Exporte günstig ist, hat in fast allen Regionen zu einer Abnahme der privaten Vermögen geführt. Lediglich die Region Asien-Pazifik, allerdings ohne die wachstumsstarken Volkswirtschaften China und Indien, konnte einen Vermögenszuwachs verzeichnen.

Die größte Zunahme bei den privaten Vermögen unter den Einzelstaaten konnte Japan verbuchen. Hier stieg das private Gesamtvermögen um 3,9 Billionen Dollar. Den zweithöchsten Anstieg können die USA mit einem Plus von 1,7 Billionen Dollar für sich beanspruchen.

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Schweizer an der Spitze, aber mit Einbußen

Unangefochten an der Spitze stehen wie in den Vorjahren die Schweizer. Dort beträgt das Durchschnittsvermögen pro Erwachsenem laut CSRI 561.900 Dollar. Gegenüber 2015 ist das ein Rückgang um 27.000 Dollar.

Der Analyse zufolge ist das Vermögen der Schweizer seit dem Jahr 2000 in Dollar gerechnet um stolze 142 Prozent gestiegen. Ein großer Teil dieses Anstiegs geht allerdings auf die Aufwertung des Schweizer Franken gegenüber dem Dollar zurück, vor allem in den Jahren von 2000 bis 2013. Gemessen in Schweizer Franken beträgt der Anstieg bis 2016 dennoch 44 Prozent. Im Schnitt sind die Schweizer so pro Jahr um 2,3 Prozent reicher geworden.

Ein großer Teil der Schweizer gehört mit seinem privaten Vermögen damit Weltspitze. Von einem Prozent der reichsten Privathaushalte weltweit liegt der Anteil der Schweizer bei beachtlichen 2,3 Prozent – obwohl lediglich 0,1 Prozent der Weltbevölkerung in der Schweiz lebt. Den Credit-Suisse-Bankern zufolge verfügen fast zwei Drittel der erwachsenen Schweizer über ein Vermögen von 100.000 Dollar, zwölf Prozent sind sogar Dollar-Millionäre. Auf Platz zwei der globalen Spitzenreiter steht Australien – wenn auch mit großem Abstand zur Schweiz.

Trend zu geringerem Vermögenszuwachs

Loris Centola, globaler Leiter Research der Division International Wealth Management bei Credit Suisse, ist überzeugt, dass die Folgen der Rezession 2008 bis 2009 den Vermögenszuwachs weiterhin bremsen. „Immer mehr deutet auf eine langfristige Stagnation hin. Die Entstehung einer multipolaren Welt, die von den Folgen des Brexit-Votums in Großbritannien und von der US-Präsidentschaftswahl bestätigt wird, dürfte diesen Trend noch verstärken.“ Geringere Vermögenszuwächse als in der Vergangenheit könnten Normalität werden, meint O’Sullivan.

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Dennoch erwartet das CSRI zunächst eine moderate Beschleunigung des Vermögenswachstums. Bis 2021 könnte das globale Gesamtvermögen von heute 256 Billionen Dollar auf 334 Billionen Dollar anwachsen.

Entwicklungsländer dürften dabei stärker profitieren als die Industriestaaten, die nur noch ein Drittel des Vermögenswachstums der kommenden fünf Jahre abbekommen. Zudem dürften die privaten Vermögen in den Schwellenländern China und Indien überproportional zunehmen.

Rasante Zunahme der Millionäre

Die beschriebene Entwicklung zeigt sich auch an der Zahl der Millionäre. Seit dem Jahr 2000 ist ihre Anzahl von 12,4 Millionen weltweit auf knapp 33 Millionen gewachsen – ein Plus von 155 Prozent. Die Zahl der Ultra-High-Net-Worth-Individuals (UHNWIs), die über ein investierbares Vermögen von 30 Millionen Dollar und mehr verfügen, hat sich im gleichen Zeitraum sogar mehr als verdreifacht. Heute haben 141.000 Menschen auf der Welt ein derart hohes Privatvermögen.

Kein anderes Segment der Vermögenspyramide ist seit der Jahrtausendwende stärker gewachsen, als das der Millionäre und UHNWIs. Bis 2021 prognostizieren die Credit-Suisse-Experten 45,1 Millionen Millionäre und 208.000 UHNWIs.

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In der unteren Hälfte der Vermögenspyramide finden sich vor allem Erwachsene aus Indien, Afrika und Teile der Region Asien-Pazifik (wieder ohne China und Indien).

Laut Global Wealth Report verfügt das oberste Prozent der Vermögensbesitzer aktuell 50,8 Prozent des weltweiten Haushaltsvermögens – eine deutliche Steigerung gegenüber dem Jahr 2000. Damit bestätigt sich einmal mehr die Annahme, dass die Ungleichheit in der Weltbevölkerung zugenommen hat.

Allerdings halten Vermögende überproportional viele Finanzanlagen wie Aktien oder andere Wertpapiere. Die Autoren des Global Wealth Report gehen davon aus, dass deren Wertentwicklung für die Entwicklung der privaten Vermögen und der Vermögensungleichheit in der Gesellschaft eine große Rolle spielen.

Steigen die Kurse in den kommenden Jahren nicht so schnell und stabilisiert sich der Anteil der Finanzanlagen, könnte das Aufgehen der Vermögensschere gestoppt werden. Würden die Finanzanlagen abnehmen, könnte sich der Trend zu mehr Ungleichheit sogar umkehren. Ein konkreter Anlass für solch eine Entwicklung ist allerdings schwer auszumachen.

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Positionen

Jörn Kalinski, Leiter der Kampagnenarbeit von Oxfam Deutschland: "Der ‚Global Wealth Report‘ zeigt, dass die soziale Ungleichheit ein schwindelerregendes Niveau erreicht hat. Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr Vermögen als die übrigen 99 Prozent zusammengenommen. Das ist keine Lücke zwischen Arm und Reich mehr, das ist eine tiefe Schlucht. Dieses Ungleichgewicht ist schlecht für die Wirtschaft, es destabilisiert Gesellschaften und bremst den Kampf gegen die weltweite Armut.“