COVID-19 in Bulgarien: Vom selbsternannten Musterschüler zum Paria

Das vom Coronavirus schwer getroffene Italien und weitere EU-Länder haben Restriktionen gegen einreisende Bulgarinnen und Bulgaren verhängt. [Redazione Telenews/EPA/EFE]

Bulgarien gehörte bis Mitte Juni, als die Maßnahmen gelockert wurden, zu den EU-Ländern mit den niedrigsten COVID-19-Zahlen. Auch deswegen ist es für viele im Land nun ein Schock, zu sehen, dass andere EU-Länder Restriktionen gegen einreisende Bulgarinnen und Bulgaren einführen. Ein Bericht von EURACTIV Bulgarien.

So führte Italien, eines der am härtesten von der Pandemie betroffenen Länder in Europa, am vergangenen Freitag eine Quarantänepflicht für ankommende Staatsangehörige Bulgariens und Rumäniens ein. Die Maßnahme ist umso erstaunlicher, als Italien inzwischen zu einem der „offensten“ Ländern mit den niedrigsten Einschränkungen gehört – schließlich soll die Tourismussaison gerettet werden.

Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza zeigte sich Ende der Woche unbeeindruckt von der Einschätzung des bulgarischen Premierministers Bojko Borissow, Bulgarien sei dank der bisherigen Maßnahmen gegen COVID-19 „ein Beispiel für den Rest der EU“.

Stattdessen gründet Italien seine Entscheidung auf Statistiken. Und die sehen in letzter Zeit tatsächlich nicht gut aus: Bulgarien zählte in der vergangenen Woche täglich etwa 300 neu bestätigte COVID-19-Fälle. Das sind zehn- bis zwanzigmal mehr als in den Monaten April und Mai.

The Capitals Spezial: Alles zur Öffnung der EU-Binnengrenzen

Die innereuropäischen Grenzen öffnen langsam wieder. Dabei verfolgen die einzelnen Staaten aber ihre eigenen Zeitpläne und Strategien. Das EURACTIV-Mediennetzwerk gibt einen Überblick.

Seit dem 24. Juli behandelt das italienische Gesundheitsministerium Reisende, die aus Bulgarien und Rumänien kommen, nun genauso wie Gäste aus Hochrisikoländern wie Brasilien, den Vereinigten Staaten und Indien, wo die Zahl der Infizierten in die Millionen geht.

Auch Serbien, Nordmazedonien und der Kosovo stehen schon seit längerem auf der Liste der Hochrisikoländer. Bulgarien und Rumänien sind jedoch die ersten EU-Länder, für deren Staatsangehörige ein anderes EU-Mitglied eine Quarantäne eingeführt hat.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörden ist die erneut ansteigende Zahl der Infektionen in Italien in den letzten Tagen auf Reisende aus Drittländern zurückzuführen. Der im Land wohl prominenteste Fall betrifft Passagiere eines Fluges aus Bangladesch, die durch die Kontrolle rutschten und wohl zahlreiche Menschen infiziert haben.

Derweil führen weitere EU-Länder ebenfalls Beschränkungen ein, da sie eine zweite Welle befürchten: Griechenland verlangt von einreisenden Personen aus Bulgarien und Rumänien einen negativen PCR-Test – obwohl diese den Großteil der ausländischen Urlauber im Norden des Landes ausmachen. Dänemark, Belgien und Luxemburg haben ebenfalls Maßnahmen für Gäste aus Bulgarien und Rumänien eingeführt: Auch dort werden negative PCR-Tests verlangt – und alternativ eine Quarantäne verhängt.

Corona-Zeiten ändern sich

Noch im Frühjahr waren westeuropäische Länder schwer von COVID-19 betroffen, während die meisten mittel- und osteuropäischen Länder deutlich geringere Infektionszahlen verzeichneten.

Bulgarien schloss seine Grenzen schnell, verhängte Anfang März einen recht strikten Lockdown und hielt so die Zahl der Infektionen überaus niedrig.

Spanien: COVID-19-Infektionen nehmen wieder zu

Einen Monat nach der Aufhebung des viermonatigen Ausnahmezustands nehmen die COVID-19-Infektionen in Spanien wieder zu. EURACTIVs Medienpartner EFE berichtet.

Die Intensivstationen in Bulgarien gerieten – im Gegensatz zu einigen Staaten im Westen – nicht unter Druck; das Personal konnte alle schwereren Fälle angemessen versorgen. Bis zum Beginn der Sommerferien hatten zwar auch in Bulgarien einige hundert Menschen ihr Leben im Zusammenhang mit COVID-19 verloren (aktueller Stand: 340). Im Vergleich zu anderen Ländern war diese Zahl jedoch überraschend niedrig.

Beispiel 26. Mai: Damals wurden in Bulgarien gerade einmal zehn Neuinfektionen registriert, fünf Personen kamen ins Krankenhaus. In Spanien verloren am selben Tag 854 Menschen ihr Leben; in Italien 521.

Doch nur zwei Monate später hat sich die Situation komplett verändert: Viele italienische Regionen melden seit Wochen sehr niedrige oder gar keine Neuinfektionen, während in Bulgarien und seinen Nachbarländern die Zahlen stark angestiegen sind.

Und: Der Hauptgrund dafür scheint nicht zu sein, dass inzwischen mehr Tests durchgeführt würden. Vielmehr dürfte ein Grund für den Anstieg darin liegen, dass die Regierung in Sofia sich bemüht hat, die Lockdown-Maßnahmen gänzlich zu lockern.

So war Bulgarien wohl das einzige Land in der EU, das sogar die Fußballstadien für die Öffentlichkeit wieder geöffnet hatte.

Mehrere Einschränkungsmaßnahmen wurden derweil vom Gesundheitsminister beschlossen, bevor Premier Borissow sie nur wenige Stunden nach ihrer Ankündigung wieder aufhob.

Angst vor dem Zorn des Volkes

Borissow beschloss, die Maßnahmen möglichst weitgehend zu lockern, um weitere Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu vermeiden. Wie sich seit mehreren Tagen und Wochen zeigt, richtet sich der öffentlich Unmut jedoch weniger gegen die Anti-Coronavirus-Maßnahmen als gegen Borissow selbst.

Schon vor dem ersten Auftreten von COVID-19 in Europa geriet Borissow in den Mittelpunkt eines Skandals um eine teure Immobilie in Barcelona, die er angeblich für eine Geliebte gekauft haben soll – eine Behauptung, die er umgehend dementierte.

The Capitals: Bulgarische Proteste, polnische Wahlen, Stuttgarter Stammbäume

Heute u.a. mit dabei: In Bulgarien gehen Zehntausende gegen die Regierung auf die Straße, in Polen scheint Amtsinhaber Duda ein knappes Rennen um die Präsidentschaft zu gewinnen, und der Stuttgarter Polizeipräsident „verstört“ mit seinen Vorschlägen.

Einen Monat zuvor hatte es heftige Kritik an der Regierung angesichts der massiven Wasserverschmutzung in der Stadt Pernik gegeben. Die „Wasserkrise“ führte in Kombination mit einem Skandal um importierte Abfälle, die in Kraftwerken verbrannt werden sollten, zur Absetzung und anschließenden Verhaftung des damaligen Umwelt- und Wasserministers.

Angesichts der damals schon schwelenden Unzufriedenheit hat die Einführung der strikten Lockdown-Maßnahmen eine große Protestwelle in Bulgarien lediglich aufgeschoben: Im Juli brach sie sich dann mit voller Wucht auf den Straßen Sofias und anderer Großstädte Bahn.

Nicht wenige Beobachter und Medien in Bulgarien vermuten, das Kabinett Borissow habe sich beeilt, alle Lockdown-Maßnahmen möglichst umfassend zu lockern, um weitere Verstimmungen in der Bevölkerung zu vermeiden.

Diese Taktik hat offensichtlich nicht funktioniert. Und zeitgleich mit den Protesten stieg seit Ende Juni auch die Zahl der Neuinfektionen an.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

Bulgarien: Anti-Coronavirus-Maßnahmen für Roma "grenzen an Kriegsrecht"

Bei der Umsetzung von strikten Maßnahmen gegen COVID-19 scheinen die bulgarischen Behörden besonderes Augenmerk auf die Roma-Minderheit im Land zu richten. Laut EURACTIV Bulgarien gelten bereits Maßnahmen, „die an Kriegsrecht erinnern“.

Was tun gegen lokale Corona-Ausbrüche?

Europa und seine Nachbarn lockern ihre Corona-Maßnahmen, gleichzeitig kommt es in vielen Teilen des Kontinents zu lokalen Ausbrüchen. Wie alarmierend sind solche Cluster? Experten geben Entwarnung – jedoch nur teilweise.

Haben deutsche Mallorca-Urlauber ein zweites Ischgl riskiert?

Bier und Sangria in Strömen: Deutsche haben am Ballermann gefeiert und die Hygiene-Regeln ignoriert. Die Insel zieht Konsequenzen – und droht mit Strafen.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN