Coronavirus: Hilfsorganisationen warnen vor tickender Zeitbombe im Flüchtlingscamp Moria

Das Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos, Griechenland. [EPA-EFE/DIMITRIS TOSIDIS]

Um einen Ausbruch des Coronavirus zu verhindern, haben griechische Behörden das Camp Moria auf Lesbos weitgehend abgeriegelt. Für die ca. 18.000 Bewohner gelten massive Einschränkungen. Hilfsorganisationen haben ihre Arbeit fast vollständig eingestellt und schlagen angesichts der Zustände im Camp Alarm.

In diesen Tagen herrscht in Europas größtem Flüchtlingscamp eine gespenstische Stille. Wo sonst Campbewohner, Behördenvertreter und NGOs zusammenkommen, reguliert die griechische Polizei nun, wer das Camp betreten, und wer es verlassen darf. In Moria ist die Angst vor einem Ausbruch des Coronavirus groß.

„Die Menschen haben Angst, sie verlassen kaum noch ihre Zelte“, berichtet Natalia Kafkoutsou, die für das Greek Council for Refugees (GCR) als Anwältin auf Lesbos arbeitet, gegenüber EURACTIV. Die Campbewohner würden zwar Informationen darüber erhalten, welche Verhaltensmaßnahmen zu beachten sind, um einen Ausbruch zu vermeiden. Eine Einhaltung hygienischer Standards sei vor Ort jedoch unmöglich, so Kafkoutsou.

„Die Organisationen arbeiten momentan daran, die Wasserversorgung zu verbessern und neue Waschmöglichkeiten einzurichten“, berichtet Kafkoutsou. Darüber hinaus seien in den vergangenen Wochen über 20 000 Seifen für die Bewohner beschafft worden.

Wie dramatisch die hygienischen Zustände in Moria sind, zeigt ein Bericht vom 1. April 2020, der vom GCR in Zusammenarbeit mit OXFAM herausgegeben wurde. Demnach teilen sich mehr als 500 Bewohner eine Dusche , während eine Toilette von etwa 160 Menschen genutzt wird.

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Vorbereitung für eine vollständige Ausgangssperre

In Moria, das ursprünglich dafür ausgelegt war, etwa 2500 Menschen zu beherbergen, leben momentan nach Angaben der UNHCR um die 18.000 Asylbewerber. 900 von ihnen sind unbegleitete Minderjährige. Um ihre Mahlzeiten entgegenzunehmen, stünden täglich mehrere hundert Menschen oft stundenlang dicht an dicht in der Schlange.

„Unter diesen Umständen ist es völlig unmöglich, Regeln des Social Distancing zu befolgen, oder sich selbst zu isolieren“, betont das GCR in seinem aktuellen Bericht.

Griechische Behörden arbeiten daran, die Infrastruktur innerhalb des Camps auszubauen. Neben Geldautomaten sollen auch Geschäfte eingerichtet werden, in denen Lebensmittel sowie andere Dinge des täglichen Bedarfs gekauft werden können. So soll verhindert werden, dass die Bewohner weiterhin nach Mytilene fahren, um dort einzukaufen, wo sie mit der Inselbevölkerung in Kontakt kommen. Bisher ist es zwischen 7 und 19 Uhr jeweils 60 Bewohnern pro Stunde erlaubt, das Camp zu verlassen.

Unzureichende medizinische und psychologische Versorgung

Diejenigen Hilfsorganisationen, die ihre Arbeit noch nicht vollständig eingestellt haben, arbeiten von ihren Büros aus und sind telefonisch oder per Mail für die Asylbewerber erreichbar.

„Wir wissen jedoch nicht, wie viele Asylbewerber den Service tatsächlich nutzen können – vielen fehlt das entsprechende Know How, manchen auch das Endgerät“, führt Kafkoutsou an. So sei eine ausreichende psychologische Versorgung der Bewohner nicht mehr gewährleistet. Auch auf rechtlichen Beistand müssen die Bewohner nun verzichten.

Darüber hinaus wurde auch die medizinische Versorgung laut Kafkoutsou auf ein Minimum runtergefahren. Insgesamt seien drei Ärzte im Camp verblieben, die sich die Arbeit schichtweise aufteilen würden. In der Nähe des Camps würden provisorische Arztpraxen in der Nähe des Camps eingerichtet, die im schlimmsten Fall auch als Quarantäne-Einrichtungen dienen sollen.

Große Sorgen bereitet den Hilfsorganisationen vor allem die Versorgung der im Camp verbliebenen unbegleiteten Minderjährigen. Die Einschränkungen der letzten Wochen hätten dazu geführt, dass zum jetzigen Zeitpunkt nur noch eine Krankenschwester jeden Morgen für die Abteilung des Camps eingeteilt ist, in denen sie hauptsächlich untergebracht werden. „Während des restlichen Tages“, so ist dem aktuellen Bericht des GCR und OXFAMs zu entnehmen, „sind die Kinder jedoch auf sich allein gestellt.“

Auf Lesbos wurden bisher acht bestätigte Corona-Fälle gemeldet.

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