CO2-Emissionen und Abholzung: Die Balance finden

Im Grunde sind sich die Energieproduzenten und Umweltschützer einig: Energie aus Holz-Biomasse ist wichtig zur Einsparung von CO2-Emissionen. Das Holz sollte aber nur aus Resten und Industrieabfällen stammen. [Stewart Black/Flickr]

This article is part of our special report Europas Wälder und Strategien gegen den Klimawandel.

Wenn die EU ihre Klima- und Energieziele erreichen will, müssen die Gesetzgeber eine Balance zwischen der wirtschaftlichen Optimierung der Forstwirtschaft und dem Waldschutz zur Kohlenstoffbindung finden.

Wälder sind Europas größte Kohlendioxidsenken und der Forstsektor bietet somit die besten Möglichkeiten, genügend CO2 aus der Atmosphäre zu filtern, damit die EU ihre Ziele unter dem Pariser Klimaabkommen erreicht. Die Emissionen sollen bis 2030 um 40 Prozent gegenüber der Werte von 1990 gesenkt werden.

Fünf Prozent der Wälder weltweit liegen auf EU-Gebiet. Insgesamt sind rund 40 Prozent der Landfläche der EU mit Wald bedeckt. Ungefähr 60 Prozent der EU-Wälder sind in Privatbesitz, der Rest wird von öffentlichen Stellen verwaltet.

Die europäischen Waldgebiete haben sich in den vergangenen 60 Jahren kontinuierlich vergrößert und erstrecken sich heute auf mehr als 155 Millionen Hektar. Das entspricht der Größe von Frankreich, Deutschland, Polen und Großbritannien zusammen.

Die Wälder der EU können derzeit zehn Prozent der jährlichen CO2-Emissionen von 4,45 Milliarden Tonnen speichern.

Gleichzeitig macht Biomasse aus den Wäldern um die 70 Prozent aller Bioenergie aus, die wiederum für 61 Prozent der in der EU verbrauchten erneuerbaren Energie steht. „Die große Aufgabe, die gemeistert werden muss, ist ein Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen und hin zu allen Arten von erneuerbaren Energien, darunter Bioenergie,” sagte Jean-Marc Jossart, Generalsekretär der European Biomass Association (AEBIOM) gegenüber EURACTIV.com.

Ökosystemleistungen der EU-Wälder

40 Prozent der Landfläche Europas sind mit Wald bedeckt. Diese Wälder leisten eine Reihe von Ökosystemleistungen, die zu einer gesunden Umwelt und zum menschlichen Wohlergehen beitragen.

Die Balance finden

Um diese Balance zwischen CO2-Speicherung der Wälder einerseits und den ökonomischen und Energie-Potenzialen der Fortwirtschaft andererseits zu finden, hat die Europäische Kommission im Jahr 2016 einen Vorschlag für eine Verordnung zu Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (zusammengefasst unter dem Akronym LULUCF) gemacht.

Dies war das erste Mal, dass in einem Gesetzesvorschlag sowohl die CO2-Speicherung als auch der Verlust solcher Einsparungspotenziale aufgrund von Abholzung zusammengefasst wurden. Das Gesetz soll dazu beitragen, dass die EU ihre Klimaziele erreichen kann.

In der LULUCF-Verordnung wurde festgelegt, dass die Emissionen aufgrund der Forstwirtschaft nicht die Menge der Speicherungen übersteigen dürfen. Im Dezember hatten sich die EU-Verhandler auf eine Flexibilitätsklausel geeinigt. Nach dieser dürfen Länder, die ihre CO2-Limits überschreiten, CO2-Abbauwerte aus der Forstwirtschaft eintauschen.

Der LULUCF-Berichterstatter des EU-Parlaments Norbert Lins begrüßte den Vorschlag und unterstrich: „Es hängt alles von der richtigen Balance ab.“ Er erklärte weiter: „Ich möchte keine Wälder in der Vitrine. Wälder müssen nachhaltig und aktiv bewirtschaftet werden, damit sie sowohl Holz für unsere Bioenergie liefern als auch den Klimawandel abfedern können.“

Da Treibhausgasemissionen in der Industrie zwar drastisch reduziert werden müssen, aber nicht komplett gestoppt werden können, sei es umso wichtiger, dass in der Forstwirtschaft mehr Emissionen gespeichert als ausgestoßen werden, so Lins. In dieser Hinsicht seien „die tollen Leistungen in der Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft wesentlich und absolut positiv.“

Ist Holz-Biomasse ein klimafreundlicher Treibstoff?

Von Umweltaktivisten wird allerdings bemängelt, dass die LULUCF-Verordnung weiterhin die Nutzung von Holz als Quelle für die Erzeugung von Heizenergie und Strom erlaubt.

Die Frage, ob Holz zur Energiegewinnung verbrannt werden sollte, kam kürzlich auch bei einer Abstimmung im Europaparlament über die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EER) erneut auf: Am 17. Januar einigten sich die Parlamentarier auf ein Ziel von 35 Prozent Erneuerbare Energien am Gesamtstrommix bis 2030 – eine deutliche Steigerung gegenüber den vorgeschlagenen 27 Prozent der Kommission.

Das Parlament begründete seine Entscheidung mit den fallenden Kosten für erneuerbare Energie. Außerdem wurde darauf verwiesen, dass der Anteil der Erneuerbaren in der Union im Jahr 2020 bereits rund 20 Prozent betragen werde.

Forstwirtschaftliche Berechnungsregeln bringen die Glaubwürdigkeit der EU-Klimaschutzvorstellungen in Gefahr

Forstwirtschaftlicher Klimaschutz sollte nach einer wissenschaftlich objektiven Vorgehensweise gemessen werden, meint Dr. Joanna I. House.

Der Grünen-MEP Bas Eikhout erläuterte, dass Biomasse aus den Wäldern die größte Quelle für erneuerbare Energie ist. Es müssten aber strikte Nachhaltigkeitskriterien eingehalten werden, um sicherzustellen, dass die EER keine Anreize für unnachaltige Forstwirtschaft bietet.

Es müsse das Prinzip gelten: „Wir verbrennen keine ganzen Bäume.“ Die Produzenten müssten beweisen, dass ihr Biomasse-Brennholz kein sogenanntes Rundholz ist – also hochqualitatives Holz aus Baumstämmen – sondern aus forstwirtschaftlichen Rückständen  wie Ästen und Baumspitzen oder Industrieabfällen wie Sägespänen stammt.

Eine komplexe Gleichung

Im Vergleich zu fossilen Brennstoffen gilt das Verbrennen von Holz als umweltfreundlicher, da die Auswirkungen über den Lebenszeitraum eines Baumes neutral sind, sprich: Durch das Verbrennen werden nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen, als der Baum vorher absorbiert hat. Darüber hinaus können für jeden gefällten Baum neue gepflanzt werden.

In Wirklichkeit ist die Gleichung aber nicht so simpel, warnt Professor Jean-Pascal van Ypersele vom Earth and Life Institute der Katholischen Universität Löwen in Belgien:

Traditionell werde das Verbrennen von Holzabfällen und forstwirtschaftlichen Rückständen als gutes Mittel zur Verminderung von CO2-Ausstößen gesehen, so der ehemalige Vize-Vorsitzende des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC). „Wenn aber Bäume – die offensichtlich etwas anderes sind als Holzrückstände – mit dem Vorsatz gefällt werden, das Holz zu verbrennen, dann stehen die Zeichen auf mehr Kohlestoff in der Atmosphäre, für Jahrzehnte oder Jahrhunderte,” sagte er während eines Treffens mit Klimaforschern am 9. Januar in Brüssel.

Seiner Ansicht nach würde der Trend, mehr Holz zu verbrennen, das Erreichen der EU-Klimaziele unter dem Pariser Klimaabkommen gefährden. Darüber hinaus könnte eine solche Politik auch zu weiterer Abholzung in anderen Ländern wie den USA führen, von wo Biomasse importiert werden müsste.

Untersuchung: EU-Emissionsgrenzen bedrohen Kohlekraftwerke

Rund ein Drittel der europäischen Kohlekraftwerke könnte von teuren Nachrüstungen oder Schlieβungen betroffen sein.

Aus Sicht des Biomasse-Industrieverbands AEBIOM basieren diese Aussagen über die Nutzung von Holzbiomasse als Quelle für erneuerbare Energie allerdings auf einem Missverständnis über den Markt für Forstprodukte.

Der europäische Bioenergiesektor habe gemeinsam mit anderen Holzindustrien Wege gefunden, wie Reste mit niedrigem Materialwert (Sägespäne, Sägeholzreste, Holz von geringer Qualität, Äste, Baumspitzen usw.) sinnvoll genutzt werden können. Diese seien sonst reine Abfallprodukte gewesen.

Ein AEBIOM-Vertreter unterstrich: „Wir verbrennen keine kompletten Bäume.“

Abgesehen von Umweltbedenken ergebe es aber auch keinen wirtschaftlichen Sinn, hochqualitatives Holz zu verbrennen, erklärt die Organisation. Der Marktwert von Rundholz sei sehr viel höher als der von Holz, das für die Energieerzeugung genutzt werde.

Darüber hinaus stammen „laut Daten von Eurostat 95 Prozent der in der EU verbrauchten Biomasse aus lokaler Produktion“, weil der Transport über größere Distanzen zu aufwendig wäre, so der AEBIOM-Vertreter gegenüber EURACTIV.

Aus Sicht von Generalsekretär Jossart ist klar: „In vielen Sektoren ist Bioenergie eine der wenigen technisch verfügbaren Optionen, um die Energiewende zu vollziehen.“

Subscribe to our newsletters

Subscribe