Brexit, Migration und das Mindesteinkommen: Britische Wirtschaftsführer drängen auf Lockerung

Während die Chancen auf einen "No Deal"-Brexit steigen, sind Analysten besorgt über weiterhin bestehende "Regulierungslücken".

Britische Wirtschaftsführer haben die Regierung von Boris Johnson aufgefordert, die geplanten Regeln für die Migration nach dem Brexit zu lockern – insbesondere hinsichtlich des angedachten Mindesteinkommens, das Migranten vorweisen müssen, um im Land leben und arbeiten zu können.

Nach dem offiziellen Austritt aus der EU Ende dieser Woche und dem Versprechen, die Freizügigkeit daraufhin einzuschränken, will sich die britische Regierung vor allem darauf konzentrieren, „hochqualifizierte“ Arbeitskräfte nach Großbritannien zu holen, und zwar auf der Grundlage des von Australien verwendeten „Punktesystems“.

So wurde eine Empfehlung des unabhängigen Beratenden Ausschusses für Migration angenommen, die die Einführung eines jährlichen Mindestgehalts von 30.000 Pfund (36.000 Euro) für „qualifizierte Migranten“ vorsieht, die ein Fünfjahresvisum beantragen.

Eine am vergangenen Freitag veröffentlichte Umfrage des Verbands der Kleinunternehmen (FSB) ergab jedoch, dass 35 Prozent der Kleinunternehmen im Vereinigten Königreich zwar Mitarbeiter einstellen, die als „hoch qualifiziert“ eingestuft werden, aber in ihren Stellen Gehälter von weniger als 30.000 Pfund erhalten. Über 80 Prozent dieser Unternehmen gaben an, dass sie es sich schlichtweg nicht leisten könnten, die Gehälter zu erhöhen, um die geplante Mindestgrenze zu erreichen.

Brexit: Einwanderung nur ab 30.000 Pfund Gehalt?

Die britische Regierung hat bestätigt, dass die meisten EU-Arbeitnehmer künftig nicht mehr das automatische Recht haben werden, im Vereinigten Königreich zu leben und zu arbeiten.

58 Prozent der befragten Unternehmen erklärten außerdem, dass die Einkommensschwelle in den Fällen gesenkt werden sollte, in denen Arbeitnehmer, die bereits im Vereinigten Königreich beschäftigt sind, Schwierigkeiten haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

„Da die Gemeinkosten für kleine Unternehmen steigen – nicht zuletzt aufgrund steigender Unternehmensabgaben, Rechnungen von Versorgungsunternehmen und umfassenderer Personalkosten – droht die Ausweitung der 30.000 Pfund-Schwelle eine ernsthafte Störung des Arbeitsmarktes zu verursachen, der bereits von einem Mangel an Fachkräften und begrenzten freien Stellen betroffen ist. Die erste Reaktion von Kleinunternehmern auf steigende Löhne und Gehälter ist im Allgemeinen die Kürzung ihrer eigenen Löhne und Gehälter – sie können diese jedoch nur begrenzt kürzen“, teilte der Vorsitzende des FSB, Mike Cherry, mit.

„Diese potentiell unflexible [Einkommensschwelle] wird diejenigen, die auf internationale Talente angewiesen sind, überaus beunruhigt in die Zukunft blicken lassen“, fügte er hinzu.

Für ihn ist klar: „Die Summe von 30.000 Pfund muss noch einmal überprüft werden; und eine vernünftigere Schwelle von 20.100 Pfund für Facharbeiter sollte eingeführt werden“.

Unterdessen wurde eine ähnliche Botschaft in einem am Freitag veröffentlichten Brief der Vorsitzenden von mehr als 30 Wirtschaftsverbänden an Innenminister Priti Patel formuliert, in dem die Regierung ebenfalls zu mehr Flexibilität aufgefordert wird.

EU benennt zukünftigen Botschafter in London

Mit João Vale de Almeida wird einer der erfahrensten Beamten der EU-Außenpolitik die Beziehungen zwischen London und Brüssel sowie die Umsetzung des Austrittsabkommens nach dem 31. Januar beaufsichtigen.

 

Die Einkommensschwelle wird in einer Reihe von Wirtschaftssektoren stark kritisiert. Der Betrag von 30.000 Pfund liegt deutlich über dem Durchschnittslohn in Großbritannien und beispielsweise über dem Gehalt für neu ausgebildete Krankenschwestern, Lehrer und junge Ärzte.

Neben der Senkung des Mindesteinkommens fordern Wirtschaftsvertreter auch Flexibilität bei der Einreise von Facharbeitern in das Vereinigte Königreich durch ein Punktesystem sowie eine befristete zweijährige Visaregelung für stark nachgefragte Wirtschaftszweige.

Eine entsprechende Überprüfung der Vorschläge wurde bereits von der vorherigen Regierung angeordnet und soll kommende Woche veröffentlicht werden.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic, Britta Weppner, Tim Steins]

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN