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22/01/2017

Bahn-Sicherheit nach Thalys-Attacke EU-weit auf dem Prüfstand

EU-Innenpolitik

Bahn-Sicherheit nach Thalys-Attacke EU-weit auf dem Prüfstand

Nach dem vereitelten Angriff auf die Passagiere eines Thalys-Schnellzuges wird europaweit über eine Verschärfung der Bahn-Sicherheit und Kontrollen wie beim Eurostar nachgedacht.

[Loco Steve/Flickr]

Immer mehr Stimmen fordern nach dem vereitelten Terroranschlag in einem Thalys-Schnellzug für Langstreckenzüge Sicherheitskontrollen wie an Flughäfen. Manche Sicherheitsexperten zweifeln an der Realisierbarkeit eines solchen Unterfangens.

Nach dem vereitelten Angriff auf die Passagiere eines Thalys-Schnellzuges zwischen Amsterdam und Paris wird europaweit über eine Verschärfung der Bahn-Sicherheit nachgedacht. Anders als in Deutschland werden etwa in Spanien die Zugreisenden bei Langstrecken kontrolliert. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) mahnt jedoch, dass dafür ein großer Personalaufwand nötig wäre. Die belgische Regierung hat bereits ein Sondertreffen der für die Sicherheit in internationalen Zügen zuständigen Minister von Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg vorgeschlagen. Dieses solle „bald stattfinden“, hieß es am Montag in Brüssel.

Der mutmaßliche Attentäter in dem Thalys-Zug, der von Passagieren überwältigt werden konnte, war in Brüssel eingestiegen. Frankreichs Präsident François Hollande bezeichnete den als Islamisten registrierten Marokkaner am Montag unumwunden als „Terroristen“, der „genug Waffen und Munition gehabt“ habe, „um ein furchtbares Blutbad anzurichten“. Denn der 25-Jährige hatte neben einer Pistole und einem Teppichmesser auch eine Kalaschnikow dabei.

Derzeit werden in der EU lediglich die Passagiere der Euro-Star-Züge zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien so scharf kontrolliert wie an Flughäfen. Das liegt allerdings auch daran, dass Großbritannien nicht Teil des europäischen Schengen-Raumes ist, in dem Reisefreiheit ohne systematische Passkontrollen gilt.

Auch in Spanien, das seit den Anschlägen am 11. März 2004 auf Vorstadtzüge in Madrid traumatisiert ist, wird das Gepäck von Zugreisenden auf langen Strecken kontrolliert. Seit dem 1. Mai gibt es auch an bestimmten großen italienischen Bahnhöfen Sicherheitskontrollen vor dem Einstieg in den Zug.

Anders in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz: Hier werden die Zugreisenden keinen Kontrollen vor dem Einstieg unterworfen, es patrouilliert jedoch die Polizei in großen Bahnhöfen. Seit den islamistischen Anschlägen im Januar im Großraum Paris hat Frankreich seine Patrouillen noch einmal verstärkt, im Großraum Paris gilt nach wie vor die höchste Terrorwarnstufe und Spezialkräfte mit dem Gewehr im Anschlag sind auf jedem größeren Bahnhof unterwegs.

Als einziges Land hat bisher Belgien direkt nach dem Thalys-Angriff seine Bahnsicherheit verschärft. Die belgisch-französischen Patrouillen in Thalys-Schnellzügen und die Polizeistreifen an internationalen Bahnhöfen wurden verstärkt. Auch die Gepäckkontrollen wurden ausgeweitet. Ministerpräsident Charles Michel will nun nach eigenen Angaben bei einem Sondertreffen der zuständigen Minister aus Belgien und den Nachbarländern weitere Maßnahmen besprechen lassen – „insbesondere Personen- und Gepäckkontrollen“.

Um für internationale Züge oder Intercity-Züge eine wirkliche Sicherheitskontrolle zu schaffen, wäre wie beim Eurostar „ein komplett geschlossener Bereich“ vonnöten, meint der französischen Bahnchef Guillaume Pepy. Das Kontrollsystem von Flughäfen auf alle wichtigen Bahnhöfe zu übertragen, hält er für nicht realistisch: „Entweder man macht das umfassend, oder es ist nicht wirklich effizient.“

Auch die Gewerkschaft der Polizei in Deutschland hält verschärfte Sicherheitsmaßnahmen bei der Bahn etwa durch Beamte analog zu den Flugsicherheitsbegleitern für kaum machbar. „Zurzeit haben wir noch nicht mal genug Personal, um Taschendiebe zu stellen“, sagte GdP-Vize Jörg Radek am Montag dem Sender n-tv. Und er fügte hinzu: „Wir haben zwei Milliarden Bahnreisende jährlich.“

Die Bundespolizei hat mit der Bahn im Jahr 2000 eine Sicherheitsvereinbarung geschlossen, in der neben Videoüberwachung und einem Informationsaustausch auch Präventionsmaßnahmen vorgesehen sind. Ansonsten gibt sich die Bahn zu ihrem Sicherheitskonzept einsilbig. Ein Sprecher teilte lediglich mit: „Die Deutsche Bahn steht in dauerhaftem Austausch mit den Sicherheitsbehörden und passt ihre Sicherheitsvorkehrungen an die Empfehlungen der Behörden an.“