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05/12/2016

Angela Merkel und die Flüchtlinge

EU-Innenpolitik

Angela Merkel und die Flüchtlinge

Auf der ganzen Welt gefeiert – nur nicht in Deutschland: Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Foto: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für ihre Flüchtlingspolitik international gefeiert. Daheim gerät sie jedoch zunehmend in Bedrängnis. Eine Analyse.

In Saal 4 des UN-Gebäudes in New York drängen sich die Menschen um Angela Merkel. Eigentlich ist die Zeit an diesem 25. September knapp, das Programm der Kanzlerin ist eng getaktet. Aber immer wieder kommt jemand, der sich mit der Kanzlerin fotografieren lassen will. „Der Hype ist eigentlich nur bei Obama noch stärker“, bemerkt ein hochrangiger deutscher UN-Diplomat. Merkels Erfahrung im Herbst 2015: Fast genau zehn Jahre nach Amtsantritt wird sie im Ausland nicht nur respektiert, sondern wie ein Popstar gefeiert – von einigen wurde sie sogar für den Friedensnobelpreis gehandelt.

Gleichzeitig aber rasseln ihre Umfragewerte in Deutschland wegen der Flüchtlingskrise nach unten. Im jüngsten ARD-Deutschlandtrend waren nur noch 54 Prozent der Deutschen mit ihrer Arbeit zufrieden – neun Prozent weniger als bei der letzten Erhebung. Erstmals, so wittern Parteifreunde, politische Gegner und Medien, erstmals scheinen Macht und Zukunft der als unantastbar geltenden Kanzlerin gefährdet. Das erinnert an das politische Schicksal des Mannes, den sie von 15 Jahren von der Spitze der CDU verdrängte: Auch Helmut Kohl wurde im Ausland gefeiert, bevor er im Inland am Ende war.

Dazu kommt bei vielen Verwirrung oder Verwunderung: Ausgerechnet die CDU-Chefin, die bei vielen Themen als Zauderin galt, beharrt nun in der Flüchtlingsfrage auf Positionen, die nicht – oder nicht mehr – mit der Mehrheitsstimmung in der Bevölkerung übereinstimmen. Es scheint, als sei es ihr plötzlich egal, damit ihre politische Karriere aufs Spiel zu setzen.

International gefeiert…

Dass die Kanzlerin ausgerechnet im September und Oktober eine Reihe außenpolitischer Termine in Brasilien, bei der UN und in Indien zu absolvieren hat, unterstreicht diese Kluft zwischen Innen- und Außensicht auf die Kanzlerin. Merkels Positionierung zu einer „Willkommenskultur“ und die Bilder vom zumindest anfänglich fast euphorischen Empfang von Flüchtlingen an deutschen Bahnhöfen hätten das deutsche Image in der Welt unglaublich gesteigert, sagen mehrere vielgereiste Vorstandsvorsitzende von Dax-Konzernen, die sich öffentlich aber nicht zu politischen Fragen äußern wollen.

Es werde gerade dem langjährigen Exportweltmeister Deutschland sehr hoch angerechnet, sich neben dem Klimaschutz nun auch dem Globalisierungsthema Migration zu stellen. „Ganz offensichtlich haben wir Deutschen im Ausland im Moment auch wegen unserer Flüchtlingspolitik einen sehr guten Ruf“, sagt der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Voith-Chef Hubert Lienhard.

Als Merkel auf dem Sitz 1A des grauen Truppentransporters „Kurt Schumacher“ Platz nimmt, der sie aus Bangalore zurückbringen soll, wirkt sie zufrieden – obwohl sie auch auf dieser Reise wieder mit Nachrichten aus der Heimat über angeblich nun 1,5 Millionen Flüchtlinge in diesem Jahr konfrontiert wurde. Wieder einmal hatte sie in Asien die große Dynamik von Ländern geschnuppert, die sich unbedingt schnell verändern wollen, anders als viele in Deutschland. 

Wieder war sie in Neu Delhi und Bangalore wie zwei Wochen zuvor in Brasilia als internationale Führungsfigur gewürdigt worden – und spielte für deutsche Firmen den politischen Türöffner. „Kanzlerin Merkel, Ihre Führerschaft ist eine Quelle des Vertrauens und der Rückversicherung in einer schwierigen Zeit für Europa und die Welt“, las der indische Ministerpräsident Narendra Modi bei der gemeinsamen Pressekonferenz von seinem Teleprompter ab – und nahm sich als Zeichen der Wertschätzung gleich zwei Tage Zeit für den Gast aus Deutschland.

In einer Zeit, in der die USA an Führungskraft weltweit verlieren und die Krisen alle Kontinente überspannen, sei die Suche nach neuen Leitfiguren mit einem moralischen Kompass gerade in den demokratischen Ländern groß, erklärt ein europäischer Top-Diplomat das Phänomen. Das US-Magazin „Forbes“ kürt sie ohnehin Jahr für Jahr zur mächtigsten Frau der Welt. Und es wurde sogar spekuliert, dass die 61-Jährige den Friedensnobelpreis für ihre Ukraine-Vermittlung bekommen könnte – was sich dann allerdings nicht bestätigte.

…Zuhause fallen die Hemmungen

Aber bei der Rückkehr nach Berlin fällt schon die Landung der „Kurt Schumacher“ auf dem Flughafen Tegel ruppig aus. Mit einem „Rumms“ ist die Kanzlerin zurück in der besorgten deutschen Debatte über Flüchtlinge, in der ihr Indien-Besuch plötzlich als „deplatziert“ und „Pflichttermin“ wahrgenommen wird. Mit jedem Tag scheinen auch in der großen Koalition die Hemmungen zu sinken, die Kanzlerin direkt zu attackieren. Nicht nur CSU-Chef Horst Seehofer wirft ihr ein ums andere Mal vor, sie habe mit ihrer Entscheidung zur Aufnahme syrischer Flüchtlinge aus Budapest am 5. September einen Sog ausgelöst. Noch bevor sie vergangenen Sonntag das Flugzeug nach Neu Delhi bestieg, hatte eine Phalanx nervöser CSU- und SPD-Politiker gefordert, Merkel müsse nun ein für alle mal klarstellen, dass die Grenzen der Aufnahmefähigkeit Deutschlands erreicht seien.

Doch ausgerechnet die oft als zögerlich beschriebene Merkel zeigt nun ein anderes Gesicht und sagt „Nein“. „Ich habe mich entschieden, keine falschen Versprechungen zu machen“, sagte sie am 7. Oktober in der ARD-Sendung „Anne Will“. Also werde sie den Deutschen auch bei steigenden Flüchtlingszahlen nicht suggerieren, dass es eine einfache, schnelle Lösung gebe – die existiere nicht. Punkt. „Es gibt den Aufnahmestopp nicht“, zerstört sie Illusionen, dass man sich wieder abschotten könne, und verweist auf 3000 Kilometer offene deutsche Grenzen. Und sie wiederholt dies nun auf etlichen CDU-Parteikonferenzen und in der Bundestagsfraktion mit großer Entschiedenheit.

Deutschland sehe sich nun einmal mit Aufgaben konfrontiert, „die wir in der Dimension, in der Reichweite noch nicht kannten“, sagt Merkel. Europa stehe vor einer Bewährungsprobe historischen Ausmaßes, die sich nur mit dem Ende des Kalten Krieges vergleichen lasse. Die einzige Antwort sei mehr, nicht weniger Europa. Nötig sei mehr außenpolitisches Engagement und Entwicklungshilfe, nicht nationale Abschottung. Die Welt schrumpfe in der Globalisierung zusammen, was sich auch an den Flüchtlingsströmen zeige. Auch im fernen Indien diskutiert sie mit Modi über die Bedrohung durch den radikal islamischen IS.

Und im Deutschlandfunk sagt sie den entscheidenden Satz, der fatalistisch klingt, aber als Mahnung an alle deutschen und europäischen Politiker gemeint ist: „Ich glaube, dass es keinen Sinn macht, sich darüber zu ärgern, dass wir jetzt dieses Problem haben.“ Man müsse die Aufgabe einfach annehmen.

Noch an einem anderen Punkt gibt sich die früher als konfliktscheu kritisierte Merkel glasklar: Die „Willkommenskultur“ und die freundliche Behandlung selbst abgelehnter Asylbewerber sei der einzig richtige Weg für Deutschland und Europa. Am 15. September platzte aus ihr in einer Pressekonferenz der Satz geradezu heraus, den sie seither immer wieder variiert: „Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Seither rätseln Kommentatoren, ob die Flüchtlingsfrage für Merkel eine ähnlich schicksalhafte, prinzipielle Frage ist wie die Agenda 2010 für ihren Vorgänger Gerhard Schröder und der Kosovo-Krieg für den Grünen-Außenminister Joschka Fischer.

Selbst auf die Dauerkritik von CSU-Chef Seehofer an der Entscheidung am 5. September, angesichts chaotischer Zustände im Budapester Bahnhof syrische Flüchtlinge aufzunehmen, hat sie nur eine einzige Antwort: „Ich würde diese Entscheidung genauso treffen, das ist ja das, was jetzt zählt.“ Bei „Anne Will“ fügt sie auf die Frage nach Widerständen hinzu: „Die Menschen sollen schon wissen, wer ihre Kanzlerin ist.“ Längst hat sie ihren Ansatz in der Flüchtlingsfrage zur Machtfrage erklärt, auch wenn sie Interpretationen widerspricht, sie drohe mit Rücktritt, falls ihr niemand folge.

Doch die Haltung wird von Freund und Feind als so ungewöhnlich wahrgenommen und die Lage als so dramatisch, dass viele die Kanzlerin in Schicksalstagen sehen. „Will Seehofer Merkel stürzen?“ lautete unlängst eine „Bild“-Schlagzeile. Selten wurde die Kluft zwischen den Überzeugungen der Kanzlerin und den Ängsten im Volk zudem als so groß beschrieben wie in den vergangenen Tagen – auch wenn Merkel immer wieder betont, dass sie täglich mit Bürgermeistern telefoniere und die Probleme und das Engagement vieler Menschen sehr genau kenne. „Ein großer Teil der Mitglieder und Wähler unserer Partei fühlt sich … von der gegenwärtigen Linie der CDU-geführten Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik nicht mehr vertreten“, schreiben ihr CDU-Lokalpolitiker dennoch am 4. Oktober, immer mehr unterzeichnen den Brief.

Die lakonische Antwort von Merkel-nahen CDU-Granden ist, dass die Union mit 39 Prozent angesichts einer solchen Analyse in der jüngsten Forsa-Umfrage noch erstaunlich gut dastehe. Die Antwort der Kanzlerin ist eine mediale Offensive. Denn im Kanzleramt wird eingeräumt, dass Merkel ihre Position viel mehr erklären und um Zustimmung werben muss. Also gibt sie ein langes Interview im Deutschlandfunk. Also redet sie im Europäischen Parlament, geht in die Talk-Show „Anne Will“ und stellt sich CDU-Mitgliedern in „Zukunftskonferenzen“. Also werden ihren Getreuen in Berlin losgeschickt, um die zentrale Botschaft unters Volk zu bringen: Die Probleme mit dem Flüchtlingszustrom sind so komplex, dass es keine schnelle Lösung gibt.

Von den extremen Stimmungsschwankungen in der deutschen Öffentlichkeit will sich die 61-Jährige schon gar nicht treiben lassen: Im Juli hatte der Stern sie noch als „Eiskönigin“ porträtiert, weil sie in den Griechenland-Verhandlungen eine harte Rolle eingenommen hatte. Als „eiskalt“ wurde sie kurze Zeit später beschrieben, weil sie dem aus dem Libanon stammenden Mädchen Reem kein Bleiberecht in Deutschland zusagte und damit Tränen auslöste, sagt Merkel selbst. Und ausgerechnet ihr werde nun vorgeworfen, in einem Anfall von Rührseligkeit eine gigantische Flüchtlingswelle nach Deutschland ausgelöst zu haben. „Glauben Sie denn, dass wirklich 100.000 Menschen ihre Heimat verlassen, weil es ein solches Selfie gibt?“ fragt sie die Moderatorin Anne Will mit Blick auf ein Foto mit einem syrischen Flüchtling. Doch der „Spiegel“ zeigte sie im September als „Mutter Angela“ auf dem Titel. In der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ am 4. Oktober wurde die Kanzlerin als Muslimin mit schwarzem Kopftuch dargestellt. Am 12. Oktober demonstrierten Pegida-Anhänger in Dresden sogar mit einem Galgen für sie und Gabriel.

Kritiker werfen Merkel einen Zickzack-Kurs vor. Sie selbst beharrt darauf, dass ihre Position dieselbe geblieben sei – und sich nur die Blickrichtung darauf verändere. Sie müsse eben auf neue Phänomene wie steigende Flüchtlingszahlen, Anschläge auf Unterkünfte oder eben eine humanitäre Notlage wie im Budapester Bahnhof reagieren. Bereits im Juli hatte Merkel auf einem EU-Gipfel gewarnt, dass die Flüchtlingsfrage die größte europapolitische Herausforderung ihrer zehnjährigen Amtszeit sei. Doch damals ging das Innenministerium noch von rund 450.000 Flüchtlingen in diesem Jahr aus, weshalb kaum ein Medium die Äußerung aufgriff.

Im August musste sich die Kanzlerin von Opposition und SPD prügeln lassen, warum sie angesichts einer wachsenden Zahl von Brandanschlägen nicht endlich ein Flüchtlingsheim besuche. Selfies von Politikern von Linkspartei, Grünen und auch von SPD-Chef Sigmar Gabriel mit Flüchtlingen gab es da bereits zuhauf. Als Merkel aber dem Drängen auch der Medien nachgab und mit steinerner Mine am 26. August die zuvor von Rechtsradikalen belagerte Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau besuchte, wurde ihr sehr schnell das Image der „Flüchtlings-Kanzlerin“ verpasst. Dazu trug bei, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zuvor entschieden hatte, vorerst keine Syrer nach Ungarn zurückzuschicken. „Dass sie damals bereits in jeder Rede den Dreiklang ‚Aufnahme, Abschiebung, solidarische EU-Regelung‘ betonte, wird einfach unterschlagen“, ärgert man sich in ihrem Umfeld.

Nach der Verunsicherung die Entschiedenheit

Doch je stärker sich die Krise zuspitzt, desto gelassener wirkt Merkel mittlerweile, die Verunsicherung scheint verflogen. Denn anfangs hatten Seehofers Attacken die CDU-Vorsitzende sichtlich auch persönlich getroffen. Völlig in die Defensive getrieben, stimmte sie am 12. September der Einführung von Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze zu – nur um festzustellen, dass zwei Tage später dann doch wieder Sonderzüge eingesetzt werden mussten und bis heute unregistrierte Flüchtlinge von den Bundesländern einfach nach Skandinavien weitergeleitet werden.

Es folgte eine Phase des intensiven Nachdenkens im Kanzleramt – und dann die Entscheidung, die Merkel in der Regierungserklärung am 24. September verkündete: Nein, diese Flüchtlingskrise würde sich nicht schnell wieder eindämmen lassen. „Unser Umgang mit der aktuellen Krise wird unseren Kontinent auf lange Sicht prägen“, warnte die Bundeskanzlerin zudem mit Blick auf ungarische Versuche, den Ansturm mit dem Bau eines Zauns zu begrenzen. Diese Krise könne nur durch ein paralleles Vorgehen auf nationaler, europäischer und internationale Ebene bewältigt werden. „Dazu habe ich einen Plan“, sagt sie jetzt.

Die Maschinerie der Krisendiplomatie wird auf Hochtouren gedreht und läuft zwischen dem 24. und 27. September heiß: In nur drei Tagen absolviert Merkel erst den Bund-Länder-Gipfel mit den Ministerpräsidenten, auf dem ein Asylpaket beschlossen wird; dann einen EU-Sondergipfel mit einem Schlagabtausch über Flüchtlingsverteilung; anschließend fliegt sie nach New York, um mit den Regierungschefs der Türkei, Ägyptens, Pakistans und Tunesiens zu beraten, wie die Zuwanderung eingedämmt werden könnte.

Nervöse politische Konkurrenten

Nur räumt Merkel selbst ein, dass unklar ist, ob alle Bemühungen Erfolg haben werden. Denn das hänge vom guten Willen sehr vieler, vielleicht zu vieler Akteure ab. „Schon in der EU schauen viele eher mit einer gewissen Schadenfreude zu, dass nun einmal das starke Deutschland Probleme hat“, konstatiert ein Bundesminister. Die Kooperation wird also etwas kosten – auch die der Türkei. Kein Tag vergeht, an dem Merkel nicht mit mindestens einem der Akteure telefoniert – vom österreichischen Kanzler Werner Faymann über den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras bis zur türkischen Führungsspitze. Der Druck ist groß, was sich auch daran zeigt, dass Merkel ungehalten regiert, als ihr bei „Anne Will“ erst die hohe Flüchtlingszahl und dann ein angeblicher Ausverkauf der Prinzipien in den Gesprächen mit der Türkei vorgehalten wird. „Es ist meine verdammte Pflicht, darüber zu sprechen in der Situation, in der wir derzeit sind.“

Zugleich brauchen internationale Abstimmungen Zeit, während die Kommunen sofortige Hilfe fordern. Bayerns Ministerpräsident Seehofer drohte am 7. Oktober gar mit „Notwehr“. Dabei verdeckt die Konzentration auf die Rolle der Kanzlerin, dass es an allen Ecken und Enden im politischen Spektrum rumort. Die CSU selbst gerät unter Druck, weil der Flüchtlingsstrom trotz der von Seehofer angemahnten und dann wieder eingeführten Grenzkontrollen nicht versiegte – man sich aber mit einer kritischen Positionierung eigentlich gegen Rechtsaußen-Parteien abgrenzen wollte. „Seehofers Kalkül ist doch einfach: Weil er selbst mit seinen Vorschlägen das Problem des Zuzugs nicht lösen kann, will er zumindest dafür sorgen, dass die Flüchtlinge nicht ’seine‘ Flüchtlinge sind, sondern die von Angela Merkel“, beklagt ein CDU-Präsidiumsmitglied. 

Merkel und Unions-Fraktionschef Volker Kauder haben aber mehrfach deutlich gemacht, dass sie Seehofers Strategie für kurzsichtig halten. Seehofer schoss zwar im ARD-Deutschlandtrend bei den Sympathiewerten um elf Prozentpunkte nach oben. Aber er löst nach Ansicht der CDU-Spitze eine fatale Entwicklung aus: CSU-intern öffnet er den Wettbewerb mit härter argumentierenden Politikern wie dem bayerischen Finanzminister Markus Söder. Und im Parteienspektrum profitiert vor allem die rechtspopulistische AfD laut einer Forsa-Umfrage, während die CSU um 5,3 Prozentpunkte abstürzt.

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel steht unter Druck: Er war einer der ersten, die Flüchtlingsheime besuchten und Aufnahmebereitschaft priesen. Am 9. September saß er mit einem riesigen Button („Wir helfen“) der „Bild“-Zeitung auf der Regierungsbank. Deutschland könne jedes Jahr 500.000 Flüchtlinge aufnehmen, sagte er. Doch dann wuchs mit der wachsenden Zahl der Neuankömmlinge der Druck erst der SPD-Ministerpräsidenten, dann der sozialdemokratischen Kommunalpolitiker: Seither intoniert Gabriel viel stärker die Sorgen in der Bevölkerung – um gleichzeitig aber zum vehementen Merkel-Verteidiger zu avancieren: „Die Wahrheit ist doch: Das alles hat wenig mit Frau Merkel zu tun“, sagte er „Spiegel Online“. Dennoch fordert SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann wie die CSU ein klares Bekenntnis der Kanzlerin, dass die Aufnahmefähigkeit nun erschöpft sei.

Merkels Zukunft entscheidet sich 2016

Ob das Flüchtlingsthema ihrer politischen Macht dauerhaft schadet oder gar ihre Karriere beenden wird, wird sich wohl 2016 zeigen. Dann stehen wichtige Landtagswahlen an, etwa in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Bisher ist Merkel ein Zugpferd der Unions-Wahlkämpfer gewesen: Das Geheimnis ihrer politischen Macht lag darin, dass ihre eigenen Zustimmungswerte fast immer über denen der CDU lagen. Nur weil selbst ihre innerparteilichen Gegner wussten, dass Merkel ihnen letztlich den Zugang zur Macht ermöglicht und sichert, konnte sie dramatische Politikwenden für die Union durchzusetzen – von der Aufgabe der Wehrpflicht bis zur Energiewende nach der Atom-Katastrophe von Fukushima.

Doch jetzt halten die Spitzenkandidaten Julia Klöckner (Rheinland-Pfalz) und Guido Wolf (Baden-Württemberg) auffallend Abstand – sie wissen nicht, wohin die Reise geht und wo Merkel in der Wählergunst wirklich steht. Parteivize und Hoffnungsträgerin Klöckner hatte bereits im vergangenen Jahr ein Burkha-Verbot gefordert, war damals aber noch auf dem CDU-Bundesparteitag abgeblitzt. Nun dürfte sie auf dem CDU-Parteitag im Dezember in Karlsruhe als Hardlinerin der Integrationsdebatte mehr Rückenwind bekommen – da stört eine allzu klare Parteinahme für die „Flüchtlings-Kanzlerin“.

Allerdings gibt es einen paradoxen Effekt: Je länger die Debatte läuft, desto mehr entdecken die Wahlkämpfer, dass ausgerechnet der nun befürchtete neue Aufschwung der rechtspopulistischen AfD Klöckner und Wolf in die Ämter der Ministerpräsidenten hieven könnte: Zwar hat in der Union niemand Interesse an einer wirklich starken rechtspopulistischen Partei. Aber der Einzug kleiner Parteien wie AfD oder FDP würde rot-grüne Koalitionen sowohl in Baden-Württemberg als auch Rheinland-Pfalz unmöglich machen. Und in beiden Ländern liegt die Union weit vor der SPD. Am Montag, dem 14. März 2016, könnte Merkel bei der üblichen Nach-Wahl-Pressekonferenz in der CDU-Zentrale in Berlin deshalb plötzlich wieder als Gewinnerin dastehen, wenn sie neue Unions-Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz begrüßen könnte.

Die Demoskopen sind ohnehin vorsichtig mit Vorhersagen. Forsa-Chef Manfred Güllner verweist darauf, die Wähler signalisierten anders als bei Kohl 1998 nicht, dass sie genug von Merkel hätten. Den Popularitätsverlust erklärt er vielmehr damit, dass die Wähler einen „Kontrollverlust“ der Politik befürchten – und das ausgerechnet bei der Person, die es bisher offenbar schaffte, die Republik in ein „Es wird schon alles gut“-Gefühl zu tauchen. Schon deshalb wiederholt Merkel notgedrungen und mantrahaft ihr „Wir schaffen das, davon bin ich überzeugt“. Was passiert, wenn nicht, darüber schweigt sie. 

Die Kanzlerin will nach eigenen Aussagen jedenfalls kämpfen und demonstriert zugleich Gelassenheit. Eine Wahl hat sie als Regierungschefin ohnehin nicht: Denn es gibt auch eine Welt außerhalb der Flüchtlingsfrage. So sieht die Kanzlerin Deutschland in der IT-Revolution in einem Überlebenskampf mit US-Konzernen wie Google oder chinesischen Firmen. Und der EU drohen neben der Schuldenkrise in Griechenland weitere Fliehkräfte wie das britische Referendum über einen Austritt.

Dass sie angesichts der auch persönlichen Attacken hinschmeißt oder für sich schon entschieden hat, bei der Bundestagswahl 2017 nicht mehr anzutreten, dementieren alle, die sie in den letzten Tagen erlebt haben – etwa bei den vehementen Auftritten in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. „Für einen Sturz fehlen im übrigen schlicht die personellen Alternativen“, winkt ein CDU-Vorstandsmitglied ab. Ihren Abgang hat Merkel selbst bereits ausgeschlossen: „Mich jetzt wegzuducken und damit zu hadern, das ist nicht mein Angang.“